Mein Moskau [1]

1. Kapitel

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist die Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Vorgeschichte

Persönliche Vorgeschichte zum Thema Russland und Gedanken zur Verständigung zwischen beiden Völkern.

Reise

Eindrücke auf der Fahrt mit dem Dukla-Express nach Moskau.

Ankunft

Eindrücke bei der Ankunft am Kiewer Bahnhof in Moskau. Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Übernachtung in einer Privatwohnung.

Umweg Riga

Fahrt zum Flughafen.
Flug nach und Ankunft in Riga.

Väterchen Frost

Probleme der in Lettland geborenen Russen. Leben in Riga.
„Väterchen Frost“, russisches Silvester und die „russische Minute“. Abreise nach Moskau.

Zweite Ankunft in Moskau

Ich begebe mich unter die Fittiche von Nikolai, dem Opernsänger. Nicht das Finden einer Wohnung ist das Problem, sondern wie lehne ich zwei Angebote ab, ohne die Betreffenden zu verletzen.

Das Gespräch

In einem Gespräch mit einem russischen Diplomaten werden mehrere grundlegende Informationen über das Leben in Russland und über die deutsch-russischen Beziehungen in der Geschichte gegeben.

Nikolais Wohnung

Fahrt mit Bus und Metro in Moskau. Eine Wohnung wie viele andere.
Nikolai
Wie lernte ich Nikolai kennen. Nikolais Geschichte. Sein Leben heute.

Selbständig

Eigene Wohnung.
Maria und Lenin.
Klein-Chicago in Moskau.
System der Hausnummern in Moskau.
Bücherstand – Vollbart und Pfeife.
Leninmausoleum, Wachablösung und Besuch bei Lenin. Rinok.

Zurück

Fahrt in Etappen. Kolomenskoje. Sagorsk. Bolschoi-Theater
Elen zu spät
zurück mit Taxi. Russische Ausreiseerlaubnis. Kinderchor.
Nach Moskau mit dem Wagen
Deutsch-Polnische Grenze, Erinnerung an ’82. Polnisch-russische Grenze, 50 DM Schmiergeld. Fahrt durch Russland, GAI, Tanken.
Ankunft Moskau, Nachrichten und Wirklichkeit.
Katholische Kirche, die ‚vergessenen Kinder‘.
Erste eigene Autofahrt in Moskau.
Lateinische Buchstaben in der Werbung.
Zigeuner.
Fahrt auf der Moskwa.
Autoverkauf, Tanken nur für Mafia, Zollamt. Rückflug, Schmuck.

Der Putsch

Ende September Schneetreiben vor Moskau. Ich erlebe alles direkt.
Die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Westeuropäer und der Russen. Das Telefongespräch

 

Einführung – Gedanken zum Thema

Im Normalfall sind wir Menschen keine Philosophen; es gelingt den meisten also nicht anhand geistiger Arbeit aus sich selbst heraus eigene Standpunkte zu überprüfen und zu schauen, ob diese richtig oder falsch sind. Die Gewohnheit und ein manchmal nur scheinbarer wirtschaftlicher Erfolg verhindern zusätzlich diese geistige Arbeit.

Uns kann dies meisten nur gelingen, wenn wir uns anschauen und erleben, wie andere eine bestimmte Situation leben, nicht nur wie sie sie beurteilen. Anhand dieser Erfahrung ist es uns dann möglich die eigene Position zu überprüfen; und das müssen wir tun, auch dann wenn es schmerzt.

Große Wirtschaftsunternehmen handeln heute letztlich in diesem Sinn, wenn sie den Betrieb durch fremde Personen überprüfen lassen, um Fehler, die durch die eigene Betriebsblindheit entstanden sind, ausmerzen zu können.

Es klingt banal, muss aber immer wieder gesagt werden: Das Leben eines Menschen muss einen Sinn haben.
Und dieser Sinn kann nicht darin liegen, den Besitzstand zu vermehren und unentwegt eigene Positionen auszubauen. Er kann nur darin liegen, der Menschheit im Allgemeinen zu dienen. Nur so hat menschliches Leben hier auf Erden Sinn.

Solange die Pflege, die Sorge nur den allernächsten Mitmenschen dient, als da sind Kinder – was selbstverständlich und gut ist – unterscheiden wir uns letztlich in nichts von den Tieren. Auch sie sorgen für ihre „Kinder“ bis zu dem von der Natur vorbestimmten Zeitpunkt, zu dem sie selbständig werden. Auch die materielle Vorsorge für die Zukunft ist nichts spezifisch Menschliches; auch das finden wir im Tierreich, und sei es nur das Anfressen von Winterspeck.

Erst das Denken in eine ferne, über unser persönliches Leben hinaus ferne Zukunft ist etwas nur den Menschen Eigenes. Und hier kann es nicht mehr nur um Besitzstand gehen, sondern es muss um das Zusammenleben schlechthin gehen. Wir müssen also die Fähigkeit, in diese Richtung zu denken, weitergeben.

 

Der Sinn einer schriftstellerischen Tätigkeit muss nach meiner Überzeugung darin liegen, Erfahrung an andere weiterzugeben. Diese Erfahrung kann praktischer Natur aber auch geistiger Natur sein, denn auch geistige Arbeit ist eine Erfahrung.

Und dies geschieht zu dem Zweck, dass der andere sich mit dem Geschriebenen auseinandersetzt und daran seine eigene Position überprüft.

 

Aufgrund der politischen Situation und der scheinbar größeren Erfolge der westlichen Zivilisation besteht zur Zeit bei uns im Westen nicht nur kein Bedürfnis unsere Position zu überprüfen, sondern es sieht fast so aus, als ob dieses für uns gar nicht möglich sei.

Wir übersehen aber dabei, dass in dem östlichen Bereich sehr vieles unter weil schwierigeren Bedingungen als bei uns geleistet worden ist, auch auf zivilisatorischem Gebiet. Nur weil es der Bevölkerung materiell nicht so gut geht, was wiederum mit etwas ganz anderem zusammenhängt, werden die zivilisatorischen und die kulturellen Erfolge des Osten geleugnet oder zumindest minder beurteilt. Die politische Situation der Konfrontation hat dieses noch verstärkt.

Je mehr jetzt aber diese Konfrontation verschwindet, bzw. sie ist ja eigentlich schon zu Ende, je mehr ein notwendiges und zwangsläufiges Zusammenwachsen des Osten und des Westens geschieht, umso mehr wird der Westen den Verlust dieses Konfrontationspartners missen. Wir werden wahrscheinlich sehr, sehr bezugslos in unserer eigenen Situation irritiert sein.

Der Verlust dieses Konfrontationspartners wird uns wahrscheinlich in Zukunft sehr viel mehr zu schaffen machen, als es uns jetzt scheint, denn die Konfrontation hat unser Wertesystem erfolgreicher scheinen lassen, als es absolut gesehen wirklich war.
Hinzukommt, dass wirtschaftliche Erfolge des Osten, die auf uns im Westen natürlich nicht ohne Auswirkungen bleiben werden, kommen werden; schon die Konkurrenz allein wird ihre Auswirkungen haben.

Letztlich wird unser eigenes System auf den Prüfstand geraten, wird notwendig hinterfragt werden; wir werden unsere eigenen geistigen Werte in Frage gestellt sehen, allein weil sich der ehemalige Konfrontationspartner geändert hat.

Das kann zu einer großen geistigen Heimatlosigkeit führen. Hier gibt es nur zwei Wege:
Der eine, welcher natürlich der bessere wäre, ist der, die eigenen Werte und den eigenen Standpunkt vorurteilslos und kritisch zu überprüfen und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Der andere, wahrscheinlich der gefühlsmäßig einfachere, wäre eine neue andersgeartete Konfrontation mit dem alten Konfrontationspartner aufzubauen. Dazu gibt es verschiedene Wege; es können wirtschaftliche, rassistische, nationalistische sein. Die Gefahr, dass dies so geschieht, ist Leider Gottes sehr groß, wie wir schon heute in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, an den faschistischen Tendenzen sehen.

Hinzukommt, dass wir in Zukunft wahrscheinlich von unserem eigenen Besitz etwas abgeben werden müssen; und wir sind eine Besitzstandsgesellschaft, das ist unser Wertesystem, und da die meisten dies als den Inbegriff alles Lebenswerten sehen, wird es zu heftigen Emotionen, Aversionen und Tumulten führen.

Wieder einmal können dann „die anderen“ Schuld sein, dass es uns nicht so gut geht, es sind dann „die Bösen“, und die neue Konfrontation ist geschaffen, wir fühlen uns wieder „gut“.

Abgesehen von meiner gefühlsmäßigen Bindung zur russischen Kultur und Mentalität, ist es mir ein tiefes inneres Bedürfnis, durch die Wiedergabe der wie auch immer empfundenen Erlebnisse in Russland – und das ganz aus der Sicht eines Westeuropäers – Verständnis für diese Kultur zu wecken, nicht zuletzt, um eine neue Konfrontation verhindern zu helfen.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.