Mein Moskau [40] – Da braut sich etwas zusammen

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das vierzigste Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.

Alle Folgen finden Sie hier.

 

Schon in den letzten Tagen bevor ich meine Reise begann, hatte sich die politische Situation in Moskau immer mehr zugespitzt. Die täglichen Nachrichtensendungen waren voll von Meldungen über die Regierungskrise in Russland. Jelzin, Chasbulatow und Ruzkoj waren in aller Munde. Die Ereignisse um das Weiße Haus in Moskau wurden in Sondersendungen der Fernsehsender von allen Seiten beleuchtet.
Jeder fragte mich:
‚Jetzt willst du nach Moskau fahren? Hast du keine Angst?‘

Erstaunlich, wenn ich an meine erste Reise nach Russland denke: Nein, ich hatte keine Angst! Im Gegenteil!
Ich hatte eher das Gefühl, in einer vielleicht kritischen Situation dort sein zu müssen. Als ob ich den Menschen durch meine Anwesenheit signalisieren könnte;
‚Seht her, es gibt auch Menschen aus dem Westen, die so sehr an eure Veränderung glauben, dass sie genau jetzt kommen.‘
Manch einer mag diese Einstellung für kindisch halten; ist mir egal, es ist mein Gefühl.

 

Moskau ist ruhig.
Von Aufregung ist nichts zu spüren.
Nur direkt am Weißen Haus sind die Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Auf der Nowi-Arbat-Brücke neben dem Weißen Haus stehen vereinzelt Menschen, die zum zweihundert Meter entfernten Weißen Haus hinüberschauen. Unten an der Moskwa stehen ungefähr 100 Milizionäre mit Helm, Schild und Schlagstock; sie wirken eher, als ob sie nicht wüssten, was sie tun sollen.

Auf der Brücke treffe ich einige Deutsche vom Malteser Hilfsdienst; sie haben Hilfsgüter nach Moskau gebracht und wollen sich jetzt selbst einen Eindruck von dem Geschehen rund um das Weiße Haus machen.
Sie sind erstaunt, wie wenig ‚los‘ ist; der Berichterstattung in Deutschland zufolge hätten sie wesentlich mehr Aufruhr erwartet.
Alles ist normal, jeder geht seiner gewohnten Arbeit nach. So auch wir.
Wir müssen Verschiedenes zum Essen einkaufen, was wir auf dem Nowi Arbat, der großen, breiten Einkaufsstraße, erledigen wollen.

Ich wundere mich, dass jetzt rechts und links am Straßenrand des breiten Nowi Arbat Parkverbot Ist, denke mir jedoch nichts dabei, denn auch andere scheinen dieser Tatsache nicht viel Bedeutung beizumessen. Tm übrigen werden wir höchstens ein Viertelstündchen zu tun haben, so schnell ist die GAI auch wieder nicht. Also reihe ich mich in die Schlange der Parkverbotsünder ein. Als ich das letzte Mal hier war, standen auf dem breiten Bürgersteig eine Verkaufsbude neben der anderen; seltsam, nicht eine einzige ist mehr vorhanden.

Wir kaufen einige Dinge im ‚irish house‘ – einem Kaufhaus, das ausschließlich Westwaren führt – ein, die es nur hier gibt, allerdings auch zu unseren Preisen in Dollar oder DM oder Rubel zum Tageskurs.

Elen geht danach noch frisches Brot kaufen, ich gehe schwer bepackt schon zum Wagen. Es hat doch etwas länger als das Viertelstündchen gedauert. Schon aus der Entfernung kann ich erkennen: ‚mein Wagen ist weg‘!
Das zu erkennen ist nicht schwer, denn dort wo wir Parksünder alle standen, steht jetzt kein Auto mehr.

Mein erster Gedanke ‚da hast du dein Vertrauen in die Ehrlichkeit, jetzt haben dich die verfluchten Auto-Mafiosi doch erwischt!‘

Mir werden die Knie weich. Alles hätte geschehen dürfen, aber das doch nicht. Plötzlich sehe ich meinen Wagen: er schwebt in der Luft, und wird gerade auf einen Abschleppwagen gehievt.

‚So eine Dreistigkeit! Am helllichten Tag Autos mit. einem Abschleppwagen klauen!‘ schießt, mir durch den Kopf. Aber da sehe ich auch schon einen GAI-Mann danebenstehen, der sich etwas notiert.
‚Um Gottes Willen! Wenn die losfahren, finde ich meinen Wagen ewig nicht wieder!‘

Ich renne wie ein Wilder die fast hundert Meter, verfluche die eingekauften Sachen, die mich am Rennen hindern und die ich fast verliere, rufe immer wieder ‚Halt, halt, nicht wegfahren, das ist mein Wagen!‘ und erreiche den Abschleppwagen gerade noch rechtzeitig. Ich stelle mich vor den Wagen, sodass er nicht wegfahren kann und lamentiere, jammere und bettle. Gott sei Dank, der GAI- Mann lacht! Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich könnte den Mann umarmen!

Aber das nächste Problem: wir können uns nicht verständiger*, und Elen ist weit und breit noch nicht zu sehen.

Mit Händen, Füßen und jammervoller Mimik versuche ich ihm klar zu machen, dass Elen gleich kommen wird, und wir dann sprechen können. Der Fahrer des Abschleppwagens scheint keine Lust zu haben zu warten. Der ‚liebe‘ GAI-ler – ich könnte ihn küssen – überredet ihn.

‚Hoffentlich ist Elen nicht noch mehr eingefallen, das sie noch kaufen muss“ Dem Himmel sei Dank! Sie kommt.

Meine Tüten und Päckchen habe ich an den Straßenrand gestellt; der Herr GAI nimmt sie und stellt sie in den Abschleppwagen mit den Worten ’nje charascho‘ und zeigt, dass sie am Straßenrand leicht verschwinden könnten, während wir reden. Elen ist da!

Ich bitte um Entschuldigung, aber hier hätten noch andere Autos gestanden usw. usw.

Ich kann den Wagen wiederhaben, muss aber 20.000 Rubel Strafe zahlen. Und wenn es 100.000 Rubel wären; Hauptsache der Wagen bleibt hier.
Er wird wieder heruntergehoben.

Aber da taucht schon wieder ein Problem auf: wir haben bis auf wenige hundert Rubel alles ausgegeben! Auf meine Frage, ob ich auch mit DM bezahlen kann, kommt sofort ’nje problema‘. Ich greife in meine Tasche, da trifft mich der nächste Schlag: ich habe nur noch ganze 10 DM in der Tasche, da entspricht 8.000 Rubel!
Was nun?

Der Fahrer ist sauer und will den Wagen am liebsten erneut aufladen. Der GAI-Mann zuckt mit den Schultern und sagt uns, dass er da nichts machen könne, das sei die Entscheidung des Abschleppers. Aber er setzt sich für uns ein; der Mann ist mit den 10 DM zufrieden.

Alles in Ordnung, der Abschleppwagen fährt ohne meinen Wagen ab, wir bedanken uns bei dem GAI-Mann.
Und ich habe jetzt noch nicht einmal eine Kleinigkeit, was auch immer, womit ich meinen Dank unterstreichen könnte. Aber das scheint ihm nichts auszumachen.

Am nächsten Morgen hören wir von Unruhen und Demonstrationen, die am Abend zuvor auf dem Nowi Arbat stattgefunden haben. Da geht mir ein Licht auf:
Der Nowi Arbat ist die Straße, die zum Weißen Haus führt; daher also die Schnelligkeit, mit der wir Parksünder entfernt wurden!
Die Straße musste frei bleiben!
Und daher auch keine Verkaufsbuden mehr!
Das Leben nimmt seinen gewohnten Gang.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.