Mein Moskau [4] – Grenze

4. Kapitel

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das vierte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Es ist Morgen; als erstes ein Blick aus dem Fenster: es liegt Schnee, viel Schnee, und da sich gestern die Heizung nach zwei Stunden doch noch eines Besseren besonnen hat, ist es in meinem Abteil angenehm warm. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bin ich gestern dann auch eingeschlafen; das wütende Rattern und Schlagen, wie ein Kampf zwischen Schiene und Rädern – mein Abteil liegt wirklich genau über einer Achse – ist mir jedoch bis in den Traum gefolgt.

Wir sind noch in der Tschechoslowakei, die Grenze bei Tschop kann aber nicht mehr weit sein. Wie werden die Grenzsoldaten sein? Werde ich mich verständigen können? Unangenehme Erinnerungen an das provozierend arrogante und freche Gehabe der Grenzsoldaten der ehemaligen DDR werden wach. Aber auch ein Ereignis steht bevor: die russische Eisenbahn fährt auf einer breiteren Spur; irgendwie müssen die Räder der neuen Spurbreite angepasst werden, ich bin gespannt.

Es ist sechs Uhr, die Schaffnerin kommt und bringt Tee, nachdem ich mich auf dem Gang  gezeigt habe, und bedeutet mir, dass ich jederzeit Tee haben kann (kostenlos). Dann bringt sie ein Formular, das ich ausfüllen soll; ich nehme an, es ist eine Zollerklärung, kann aber leider nichts lesen, alles auf Russisch.

Auf dem Gang lerne ich meine Nachbarn kennen: Helena, eine russische Jüdin, vor wenigen Jahren ausgewandert nach Deutschland, eine sehr schöne Frau, mit ihrem deutschen Freund auf der Fahrt nach Moskau. Die Verständigungsprobleme sind vorläufig gelöst! Sie hilft mir beim Ausfüllen meiner Zollerklärung.

Wir nähern uns der Grenze; ich bin aufgeregt und gespannt. Wie wird die Grenze aussehen? So martialisch befestigt und bewacht, so menschenverachtend wie in meiner Vorstellung, ähnlich der ehemaligen Grenze zur DDR? Oder wird man die Grenze kaum bemerken, es ist ja schließlich die Grenze zwischen zwei ehemaligen „Bruderstaaten“. Tschechoslowakische Grenzsoldaten und Zollbeamte sind zugestiegen.

Für mich ist bis jetzt kein Unterschied zu irgendeiner Grenze (ausgenommen zwischen EG-Staaten) erkennbar:

„Ihren Pass, bitte         Deutscher?“

„Ja.“

„Danke…. Auf Wiederseh’n.“

Ein Stempel in meinem Pass; das war alles; das Ganze hat keine Minute gedauert. Der Zug rollt langsam weiter.

Das war aber noch nicht die Grenze, wir sind noch in der Tschechoslowakei.

Jetzt kommt die Grenze.

Ich werde unwillkürlich an das Kampflied „der Osten ist rot“ erinnert: vor mir steigt die Sonne langsam blutrot über den Horizont. Unzählige fast wie Enten große grau-schwarze Vögel mit grauen Schnäbeln (sind es Krähen oder Raben?) erheben sich mit Geschrei aus ihren Schlafbäumen; keine Menschen sind zu sehen, es ist als ob diese Vögel die einzigen Bewohner dieser Gegend wären; ein gespenstisches Bild; Hitchcock könnte hier seine Inspiration für den Film „die Vögel“ bezogen haben!

Die Grenze sieht tatsächlich so aus wie in meiner Vorstellung:

Grenzzäune, Wachtürme, wieder Grenzzäune, alles ähnlich der vergangenen deutsch-deutschen Grenze. Ein entscheidender Unterschied besteht jedoch: Der deutsch-deutschen Grenze sah man an, dass sie mit der bekannten deutschen Gründlichkeit für Jahrtausende gebaut war (wie könnte es auch anders sein? dabei hatten wir das Ganze doch schon einmal!), die russische Grenze wirkt eher wie eine einmal geschaffene, dann aber vergessene Anlage, wie ein längst überholtes, still vor sich hin rostendes Ungetüm aus vergangenen Zeiten; keine Menschenseele ist zu sehen.

An einem Wachturm halten wir; Soldaten, junge Kerle, fast „Bubis“, und Zoll- und Grenzbeamte in Uniform steigen in alle Waggons zu. Die Soldaten „besetzen“ alle Waggontüren; die Beamten gehen durch die Abteile: korrekt, höflich, ein Blick unter die Betten, auf das Gepäck,….  den Pass bitte. Mein Visum, ein gesondertes, dreiteiliges kleines Formular mit Lichtbildern in der Größe eines Reisepasses, scheint sie nicht weiter zu interessieren (eigentlich müsste bei der Einreise der erste Teil abgetrennt und einbehalten werden). Trotzdem fragt er andauernd nach meinem Visum, offensichtlich gefällt ihm das Visum, das ich habe, nicht. Das anscheinend falsche Visum gibt er mir zurück, steckt meinen Pass ein und geht weiter.

Dem Himmel sei Dank, dass im Nebenabteil Helena und Bernd sitzen, allein wäre ich wahrscheinlich jetzt einer kleinen Panik nahe!

Ich gehe ins Nachbarabteil, um zu fragen; als Antwort bekomme ich nur ‚Hans, sei still und zieh‘ Dich an, wir müssen mitkommen‘.

Naja, wir werden sehen.

Draußen auf dem Bahnsteig treffen wir noch einige andere Leute; es scheinen alle Ausländer zu sein. Wir marschieren alle guten Mutes – Gemeinsamkeit macht stark – in die Zoll- und Grenzstation im Bahnhof.

Hier klärt sich alles auf: Wir sind an der tschechoslowakisch-ukrainischen und nicht an der Grenze zu Russland! Wenn wir nach Russland wollen, brauchen wir ein Transitvisum durch die Ukraine! Kostenpunkt 15 $ ! Die politische Neuzeit mit ihrer marktwirtschaftlichen Orientierung ist angebrochen!

Helena und Bernd beantragen ein Visum nach Kiew (Ukraine).

Ich verstehe nicht.

„Ihr wollt doch nach Moskau!“

„Schweig‘, Hans;“ und flüsternd „wir haben kein Visum für Russland, wenn wir aber hier über die Grenze sind, können wir bis Wladiwostok fahren und kein Mensch fragt uns mehr nach einem Visum.“

Leider hat sich die Situation heute, im August ’93, geändert.
Zwischen der Ukraine und Russland ist heute eine Grenze mit Pass- und Zollkontrollen eingerichtet worden. Die Züge haben einen Aufenthalt von zwei Stunden!
Es ist widersinnig! In Westeuropa werden die Grenzen abgebaut und in Osteuropa werden sie aufgebaut.
Wieder einmal zeigt sich, dass weder mit Macht und Gewalt Erreichtes Bestand hat, noch dass man auf diese Weise eine Entwicklung beschleunigen kann.

In diesem Wartesaal treffen wir eine junge Studentin aus Nigeria, eine gut aussehende und gut angezogene Schwarze. Sie ist in Tränen aufgelöst und erzählt auf Englisch: Sie studiere in Wien, habe eine Reise nach Moskau gemacht, dort wurden ihr alle Papiere, Geld und Koffer gestohlen; geblieben seien ihr fünf Dollar und ihre Rückfahrkarte. Auf der Miliz bekam sie eine Bestätigung für den Verlust ihrer Papiere, mit der sie die ukrainische Grenze passieren durfte. An der tschechischen Grenze wurden diese „Ersatzpapiere“ jedoch nicht angenommen; sie wurde mit dem nächsten Zug wieder zurückgeschickt. Jetzt sitzt sie hier, niemand kümmert sich um sie und sie weiß nicht weiter.

Wir sammeln unter uns Geld und geben ihr ungefähr 100 $.  Sie soll zu ihrer Botschaft nach Kiew oder Moskau zurückfahren (weshalb sie nicht gleich zu ihrer Botschaft gegangen ist, ist mir nicht ganz klar) und sich von dort weiterhelfen lassen. Für unseren Zug muss man allerdings eine Platzkarte haben; Helena meint jedoch das Problem mit ein paar Dollar lösen zu können.

Die ukrainischen Beamten sind sehr freundlich, wir erhalten unsere Pässe mit den eingestempelten Visa zurück, die Prozedur hat ungefähr eine halbe Stunde gedauert.

Der Bahnsteig, auf dem wir angekommen sind, ist aber leider leer.  Unser Zug ist in der Zwischenzeit zum Spurwechsel weitergefahren und wird in ungefähr ein bis zwei Stunden wiederkommen.  Schade, schade, dass ich das nun nicht sehen kann! – Die Spur der russischen Eisenbahn ist 10 cm breiter, als die der anderen europäischen Länder. Irgendwie werden alle Räderachsen gegen die breiteren ausgetauscht; die Reisenden können dieser Arbeit aus ihrem Wagen zuschauen.

Wir müssen warten.  Die Sonne scheint und obwohl das Thermometer minus 15 Grad zeigt, empfinde ich die Kälte bei weitem nicht so sehr, wie auch nur wenige Minusgrade bei uns zuhause; die Luft ist hier wesentlich trockener, hier herrscht kontinentales Klima.

Hoffentlich nutzt niemand meine Abwesenheit, um mein Abteil nach ‚Brauchbarem‘ zu untersuchen; bis auf mein Geld und meine Dokumente liegt meine ganze Habe ‚zum Klauen freigegeben‘ offen im unverschlossenen Abteil! ‚Was soll’s, positiv denken! Es wird schon nichts passieren.‘ Zum ersten Mal in meinem Leben überschreite ich eine Zeitzone: auf der tschechoslowakischen Seite gilt mitteleuropäische Zeit (MEZ), auf der ukrainischen Seite osteuropäische Zeit (OEZ), die Uhren müssen um eine Stunde vorgestellt werden; im Osten geht die Sonne auf, also muss es auch eher Morgen, z.B.  sechs Uhr, werden, logisch! Ich befürchte allerdings, dass ich ohne diese Eselsbrücke nie zurechtkommen werde.

Der Bahnhof, in dem wir uns die Zeit vertreiben, lässt mich erneut fühlen, dass ich mich in eine andere Welt begebe: ein funktionaler Bau, der ohne Zweifel schon bessere Zeiten gesehen hat, Reste von kommunistischen Losungen sind noch sichtbar, in einer Ecke hängen die kümmerlichen Reste von Telefonen an der Wand, Scheiben sind zerbrochen oder fehlen ganz. Aber trotzdem: mehrere ältere Frauen fegen die Bahnhofshalle, ein Bild, wie ich es von Berichten über den sowjetischen Alltag kenne. Die Menschen, die auf oder bei riesigen Bergen von Gepäck sitzen – als ob sie ihren gesamten Besitz gepackt hätten, um auszuwandern – sind überwiegend kleiner, dunkelhäutig und schwarzhaarig; da ich diesen Menschenschlag nicht kenne, wirkt er auf mich ‚finster‘; Helena erklärt mir, es seien überwiegend Armenier und Georgier, also Menschen aus den südlichen Teilrepubiken der ehemaligen UdSSR.

Um 10 Uhr OEZ kommt unser Zug wieder; meinem Abteil hat niemand „einen Besuch abgestattet“.

Alles Geld und gute Worte von Helena nutzen nichts, die junge Nigerianerin muss eine offizielle Fahrkarte kaufen, so unter der Hand wird ihr kein Schlafplatz zur Verfügung gestellt. Da das allerdings nicht so schnell geht (warum eigentlich nicht? wir haben doch noch 20 Minuten Zeit!) fährt unser Zug gegen 10 Uhr 30 ohne sie ab.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.