Mein Moskau [2] – Vorgeschichte

2. Kapitel

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das zweite Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Russische Seele

Weit wie dein Land zwischen Wladiwostok und St. Petersburg,
zwischen Alma Ata und Pewek,
Endlos wie die Tundra Sibiriens,
Heiß wie die Wüsten Kara- und Kysyl-Kum,
Kalt wie die Küste Taimyrs,
Extrem Kälte und Hitze in Werchojansk,
Zerrissen wie der Altai,
Ruhig wie die Wolga am Kaspischen Meer,
Wild wie der junge Jenissei,
Schwelgend wie die Natur auf der Krim,
Hungernd wie die Steppen Kasachstans

Geheilt von Schamanen und Popen,
Geknechtet von Fürsten und Zaren,
Gemordet von Hitlers und Stalins,
Gemeuchelt von Spionen und Spitzeln,
Betrogen von Apparatschiks und Bürokraten,
Geblendet von falschen Propheten.

Nun bist du frei      –     und allein!
Wohin gehst du?
Was nun russische Seele ?

Ein neuer Stern geht auf, er kommt von Westen.
Stern Mammon leuchtet grell wie Neonlicht, ist aber kalt,
Kälter als Väterchen Frost in Werchojansk;
Freundlich, höflich, aber kalt;
Herzlich wärmend nie.

Sein Glanz brennt außen, tötet innen.
Er gibt nichts, ohne zu nehmen, nimmt mehr als er gibt.
Was willst du geben, willst du verkaufen?

Die russische Seele ?????

 

Vorgeschichte

Dies ist ein sehr persönliches Buch.

Ich habe bewusst darauf verzichtet – oder besser gesagt versucht, zu verzichten, Menschen, Erlebnisse und Tatsachen zu beurteilen; allzu leicht wäre aus dem „Beurteilen“ ein „Verurteilen“ geworden, denn mein Maßstab hätte nur unser westliches Wertesystem sein können.

So wie die Ereignisse mich betrafen, habe ich sie niedergeschrieben. Ich bin also im wahrsten Sinn des Wortes ein Betroffener.

Noch einmal: Objektivierung nach unseren Maßstäben war nicht meine Absicht! Wie ich eine Begebenheit erlebte, was ich dabei empfand, das habe ich nieder­geschrieben.

Meine Ausgangssituation war die eines jeden Lesers, der zum ersten Mal mit russischer Kultur und russischem Leben heute in Berührung kommt, und das werden wahrscheinlich bis auf einzelne alle sein.

Ich schreibe über ein fremdes Volk, mit fremder Kultur und Tradition und einer Geschichte, die für mich allenfalls erlerntes Wissen und was die jüngere Geschichte, die Zeit meiner Eltern, betrifft mit Schuldgefühlen belastet ist. Die von mir miterlebte jüngste Geschichte hat in mir wie in vielen anderen auch oft Gefühle wie Angst, Wut oder Trauer hervorgerufen.

Mehr noch: Geboren noch während des 2. Weltkrieges, bin ich in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen, in der Zeit des undifferenzierenden Antikommunismus, in der kaum ein Unterschied zwischen Ideologie und Menschen gemacht wurde.

Wir kennen die Auswirkungen der subtilen Indoktrination auf den Menschen aus den Zeiten des Sozialismus auf deutschem Boden. Es wäre geradezu lächerlich, zu behaupten, das westliche politische System habe seine Bürger nicht ebenso auf seine Weise geprägt.

Zu der natürlichen menschlichen Angst vor dem großen Unüberschaubaren, vor der unendlichen Weite, in der jeder feste Halt, jeder Bezugspunkt verloren geht, vor dem nicht Einschätzbaren, dem Unbekannten, vor dem schlafenden Riesen Russland, wie Peter Ustinov sagt, kommt zumindest bei meiner Generation noch die anerzogene unterbewusste Angst vor dem „Systemfeind“ hinzu.

 

Am Ende meiner „Teenager“-Zeit – so nannte man zu meiner Zeit die Jahre zwischen dreizehn und zwanzig – hatte ich ein prägendes Erlebnis, das man bezogen auf Russland sicher als Schlüsselerlebnis bezeichnen kann: Ich schreinerte mir einen halbhohen Wandschrank, in den ich meine erste Stereoanlage einbaute; wir besaßen bis zu diesem Zeitpunkt nur einen sehr einfachen Plattenspieler, der zum Hervorbringen unserer „modernen Geräusch­kulisse“ – wie mein Vater meinte – mehr als ausreichend war.

Die ersten Schallplatten, die ich auf dieser Anlage mit Konzertraum füllender Lautstärke abspielte, waren das 1. Klavierkonzert von Tschaikowski und eine Langspielplatte mit russischer Volksmusik, die ich mir gerade zuvor gekauft hatte.

Stundenlang hörte ich mir immer und immer diese Musik an, die bis in die innerste Seele dringenden russischen Lieder mit ihrer tiefen Wehmut, der unendlichen Sehnsucht aber auch ihrer gewaltigen, fast uferlosen Freude; ich lebte inmitten dieser Musik, ja ich war selbst diese Musik.

In diesem Zustand der vollkommenen Selbstaufgabe – mein Ich war nur noch Klang, war nur noch klingende Schwingung, kein Denken trübte den Rausch, ja die Ekstase – in diesem Zustand verließ ich das Haus und ging wie schwerelos in den benachbarten Park an den Fluss. In dem nebligen November­abend, erdungebunden, mich schon körperlos im Jenseits fühlend, ging ich am Ufer des kleinen Flusses, der mich magisch rief, entlang.

Ich weiß nicht mehr, was mich letztlich wieder auf diese Erde zurückgebracht hat; geblieben ist bis heute diese unbeschreibliche Empfindung, Schwingung, Klang zu sein. Vielleicht hat damals das, was mit „Russische Seele“ umschrieben wird, von mir Besitz ergriffen.

Ein Erlebnis ganz gegensätzlicher Art hatte ich mit Russland während meiner Wehrdienstzeit:

Mitte der 60iger Jahre in München, in dessen Nähe ich stationiert war, fand ich eines Tages, ich weiß nicht mehr wo und bei welcher Gelegenheit, die Zeitschrift „Sowjetliteratur heute“. Es bestand die Möglichkeit, diese Zeit­schrift zu abonnieren. Da ich möglichst schnell die nächsten Folgen lesen wollte, gab ich meine damalige Adresse an, wohlgemerkt eine militärische Adresse mit Dienstgrad, Einheit usw.

Nach einigen Wochen wurde ich zu meinem Kompaniechef befohlen, der mich an einen Offizier vom MAD (Militärischer Abschirmdienst) weitergab. Erst im Laufe des längeren Verhöres, in dem die Kontakte meiner ganzen Familie zu östlichen Ländern – wir waren u.a. schon in den 50iger Jahren zu Verwandten nach Schlesien gefahren – untersucht wurde, erfuhr ich welche für damalige Zeiten Ungeheuerlichkeit geschehen war:
Ich, Reserveoffiziersanwärter, hatte unter meiner vollen militärischen Adresse Post aus Moskau!!! erhalten; das Päckchen, das unter größten Vorsichtsmaßnahmen geöffnet worden war, enthielt die Zeitschrift „Sowjetliteratur heute“ und angeblich kommunistisches Propaganda­material, das ich allerdings nie zu Gesicht bekam.

Meine militärische Laufbahn bekam damals einen deutlichen Knick, was mich abgesehen von der geringeren Bezahlung allerdings wenig berührte.

Heute, nachdem ich etwas von Russland gesehen habe, scheinen mir diese beiden Erlebnisse, die bis vor einiger Zeit meine einzigen Berührungspunkte mit Russland waren, geradezu typisch für Russland zu sein:

Die Gegensätze liegen ganz eng beieinander und man hat manchmal das Gefühl, so paradox es klingt, sie leben oft harmonisch miteinander.

 

In den ersten Wochen meiner Moskauer Zeit waren meine meist gebrauchten Sätze „warum ist das so“, „warum macht ihr das“ und „das versteh‘ ich nicht“. Als Antwort bekam ich immer „das ist normal“ und „das ist Russland“, manchmal auch „ich versteh‘ nicht, dass du das nicht verstehst“. Die wenigsten in Russland versuchen dies oder jenes zu verstehen; es ist einfach so, und damit „basta“. Unsere typisch deutsche Gründlichkeit und unser Versuch, allen Dingen auf den Grund zu gehen, wird teils bewundert, teils belächelt, selten jedoch verstanden. (Verstehen wir es eigentlich?)

Inzwischen jedoch gebrauche ich immer öfter in Deutschland den Satz „ich versteh‘ das nicht“.

Den wenigsten Menschen ist bewusst – und so ging es anfangs auch mir -, dass nicht nur Mentalität und Tradition der Russen eine andere ist – diese Unterschiede haben wir ja sogar zwischen den verschiedenen Volksstämmen in Deutschland und noch viel mehr zwischen den verschiedenen europäischen Völkern -, sondern dass sie auch einer anderen Kultur angehören; und weil das den wenigsten bewusst ist, wird Russland wie ganz selbstverständlich mit unseren eigenen Maßstäben gemessen.

Wie kommt es eigentlich zu diesem Fehlverhalten?

Russland hat spätestens seit Zar Peter dem Großen aktiv an der europäischen Politik teilgenommen. Er hat große Anstrengungen unternommen, um Russland zu europäisieren. Viele europäische Herrscherhäuser antworteten damals zwar mit Skepsis und vornehmer Zurückhaltung, teilweise sogar mit Spott, dennoch gelang es ihm viele Europäer, vor allem Deutsche (die russische Sprache enthält noch heute sehr viele deutsche Wörter – angefangen von Buchhalter, Büstenhalter bis Strafe), in Politik, Wirtschaft und Kunst zu verpflichten; auf künstlerischem Gebiet war die Verflechtung bis zur Oktoberrevolution besonders eng.

Seit Russland in der Weltpolitik eine Rolle spielt und zudem die moderne Nachrichtentechnik eine andauernde, schnelle Information erlaubt, sind „Moskau“ und „Russland“ fast täglich in unseren Nachrichten als Partner der Politik vertreten.

Russlands bestimmende Rolle im ehemaligen Warschauer Pakt, in dem Völker mit vertreten waren, die fraglos unserer Kultur angehören wie Polen, Ungarn, Tschechoslowaken und nicht zuletzt Deutsche, und die politisch gewollte Homogenität dieses Paktes hat zu dem unterbewussten Trugschluss geführt, dass Russland auch kulturell den anderen Völkern gleichgesetzt wurde, was schon für den europäischen Teil Russlands – und der ist bezogen auf ganz Russland (nicht ehem. UdSSR oder GUS!!) dem Wurmfortsatz des Blinddarms beim Menschen vergleichbar – nicht stimmt.

Mit Verstand ist Russland nicht zu begreifen,
mit dem üblichen Maß nicht zu messen;
es hat eine besondre Gestalt –
an Russland kann man nur glauben.

Fjodor Tjutschew, (1803 – 1873)

Russland kann man nicht verstehen, man kann nur daran glauben, sagt Fjodor Tjutschew; aber ich glaube, man kann es erfahren und erfühlen.

Aber so wie die Russische Seele große Höhen und grausame Tiefen kennt, wird auch der, der sich darauf einlässt, diese Höhen und Tiefen erfühlen.

Es ist nicht immer ganz einfach, aber am Ende wird es besonders für uns vom Verstand her bestimmten Westeuropäer ein Gewinn sein.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.