Mein Moskau [19] – „und wenn ich wüsste, dass ich sterben müsste …“

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das neunzehnte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

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Wir sind heute Abend, am 6. Januar, bei Igor Fedorowitsch, dem Vater von meiner kleinen Englisch-Dolmetscherin und Freund von Nikolai und Tatjana, eingeladen.
Zur Begrüßung findet das mir jetzt schon vertraute Hallo mit Küsschen rechts, Küsschen links statt.

Nachdem wir Mäntel und Schuhe ausgezogen haben, noch im Flur stehend, wird der Begrüßungstrunk, wie könnte es anders sein, ein halbes Wasserglas voll Wodka gereicht.

Igors Frau und die beiden Töchter verschwinden nach der Begrüßung wieder in der Küche, aus der angenehme, vielversprechende Düfte kommen.

Die Wohnung – drei Zimmer, Küche, Bad und Flur – ist modern und schön eingerichtet. Im Wohnzimmer ist groß gedeckt; in der Ecke steht ein Weihnachtsbaum, über dessen amerikanisches Aussehen ich mich in der Zwischenzeit nicht mehr wundere.

Wir sitzen kaum, da wird das Essen gebracht: Hühnchen, Reis, Pelmeni – eine Art mit Hackfleisch gefüllter kleiner Maultaschen, Salat, die in Scheiben geschnittenen Salzgurken dürfen natürlich nicht fehlen, Kartoffeln, Rindfleisch usw., usw. Alles sieht sehr appetitlich aus.
Aber den Anfang macht eine neue Runde Wodka mit der dazugehörigen Salzgurkenscheibe.

Merkwürdigerweise haben die Mengen Alkohol, sprich Wodka, die ich hier in Russland trinke, bei weitem nicht die Wirkung, die sie in Deutschland auf mich haben. Anfangs habe ich das für Einbildung gehalten, aber es ist tatsachlich so. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären.

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Heute muss ich jedoch besonders vorsichtig sein. Diese Runde Wodka muss meine letzte gewesen sein, denn in zwei Stunden werden wir in die Patriarchats-kathedrale, Jelochow-Kathedrale (Bogojawlenskij Jelochowskij Sobor), gehen, um die russischorthodoxe Christmette mit dem Patriarchen von Moskau und allen russischorthodoxen Patriarchen der Welt zu feiern.

Das bedeutet für mich die Erfüllung eines Traumes!

Dieses sehnlichst herbeigewünschte Ereignis darf und will ich mir nicht durch Wodka verderben, auch wenn ich unhöflich werden muss! Nikolai wird dort übrigens im Chor mitsingen.

Die Trinksprüche von Igor Fedorowitsch wurden Gottseidank durch seine Töchter lieb und nett, aber auch nachhaltig eingedämmt. Der zweite war wirklich auch mein letzter Wodka; das Essen hat sehr gut geschmeckt. Es ist acht Uhr, wir machen uns auf den Weg. Mit der Metro zwanzig Minuten, und wir sind da.

Die Kathedrale ist schon von außen gleißend hell angestrahlt: die umliegenden Straßen stehen voller Fernseh- und Rundfunkübertragungswagen, wir müssen über ein Gewirr von Leitungen steigen, um in die Kathedrale zu kommen.

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Um 22 Uhr soll der Gottesdienst beginnen, über vier Stunden wird er dauern, und jetzt, eineinhalb Stunden vor Beginn, ist die Kirche schon fast voll. Ein monotoner Wechselgesang von Frauenstimmen empfängt uns schon am Eingang.

In den russisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Bänke und Stühle, man steht während des ganzen Gottesdienstes.
Wir müssen uns aber Gottseidank nicht in dieses Gedränge mischen, denn wir können mit Nikolai auf die Empore gehen, von wo der Chor singen wird, und wir werden von dort alles miterleben können.

Schon gleich neben dem Eingang trägt uns ein Aufzug nach oben.
Wir gehen mit Nikolai auf eine Seitenempore.
Auf der gegenüberliegenden Empore steht ein zweiter Chor!

Nikolai erklärt mir, dass sich die beiden Chöre abwechseln: ein Chor singt immer zwanzig Minuten, die nächsten zwanzig Minuten singt der andere Chor, und das immer im Wechsel bis zum Schluss. Der gesamte Gottesdienst ist ein ununterbrochener Wechselgesang zwischen den Geistlichen – Priester und zwei Diakone – und dem Chor. Verständlich, dass ein Chor allein nicht vier bis fünf Stunden singen kann, also gibt es zwei Chöre, manchmal sogar drei.
Jetzt wird mir erst bewusst, dass es in der russisch-orthodoxen Liturgie gar keine Orgel gibt; stimmt, ich sehe auch keine.

Wir gehen auf die Mittelempore. Hier können wir unsere Mäntel ablegen, denn es ist sehr warm.
Von hier aus kann man gut erkennen, dass der eigentliche Kirchenraum erheblich kleiner ist als der einer westeuropäischen Kathedrale oder eines Domes, und der Grundriss entspricht eher dem einer Basilika.

Der gesamte Raum, alles in der Kirche, ist ausgerichtet auf eine Seite, die Ikonenwand:
Eine unvorstellbare Pracht in Gold und Edelsteinen; eine Pracht, die aus einem der Märchen aus Tausendundeiner Nacht zu kommen scheint. Viele Ikonen – die russischen Heiligenbilder – sind, in kunstvollen goldenen Ornamenten eingerahmt, über diese Wand verteilt, als ob diese Wand nur aus diesen Ikonen bestünde. In der Mitte dieser Wand ist ein großes zweiflügliges goldenes Tor, das nur während des Gottesdienstes geöffnet wird, und hinter dem sich der eigentliche Altarraum befindet. An den Seiten des Tores stehen besonders große Ikonen und Reliquienschreine hinter Glas, ebenfalls kunstvoll von Gold und Edelsteinen eingerahmt.

Die Pracht und der Glanz dieser Ikonenwand sind von atemberaubender, fast überirdischer Schönheit. Nicht nur, dass ich so etwas noch nie gesehen habe, ich habe es mir noch nicht einmal vorstellen können!

Vor der Wand, wie auch an vielen anderen Stellen in der Kirche, stehen goldene, etwa mannshohe schlanke Ständer, die doppelstöckig angeordnete große Scheiben tragen, einer der früher gebräuchlichen – ich bitte für diesen profanen Vergleich um Entschuldigung – zweistöckigen Kuchenplatten ähnlich, auf denen Kränze von dünnen langen Kerzen brennen.
In der Mitte des Raumes hängt ein weit ausladender, ebenfalls goldener Lüster.

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Obwohl die Gläubigen schon ununterbrochen betend singen, wird überall noch fleißig poliert; schwarz gekleidete Frauen mit Tüchern auf dem Kopf – in der russisch-orthodoxen Kirche müssen Frauen den Kopf bedecken – laufen unentwegt hin und her, polieren hier, wischen dort, nehmen von den Gläubigen Kerzen entgegen, die dann auf einen dieser großen Kerzenständer gesteckt und andere einfach dafür weggenommen werden, sie kommandieren auch die Leute hierhin, dorthin, werfen Mäntel, Hüte oder Schals, die an einem unerlaubten Gitter oder sonst wo abgelegt sind herunter – sie erinnern mich unwillkürlich an Erinnyen, die Rachegöttinnen in der griechischen Mythologie; bei alledem schlagen sie aber vor jeder Ikone, an der sie vorbeikommen, das russisch-orthodoxe Kreuz und verbeugen sich tief, und da es viele Ikonen sind, bekreuzigen und verbeugen sie sich unentwegt.

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Vor den großen Ikonen und Reliquienschreinen bleiben sie stehen und küssen die Glasscheibe, die von der nächsten „Erinnye“, die vorbeikommt, sofort wieder geputzt wird.

Zwei Priester in goldenen Gewändern stehen in der Menge, und unablässig kommen Gläubige zu ihnen; der Priester und der Gläubige sprechen miteinander, wobei beide manchmal mit den Köpfen unter einem Umhang des Priesters verschwinden, den dieser über sich und den wohl offensichtlich Beichtenden legt; danach küssen die Gläubigen das Kreuz, das der Priester auf seiner Brust trägt, bekreuzigen sich vielmals und verschwinden wieder in der Menge.

Und über allem schwebt dieser endlose monotone Wechselgesang der Frauen; eine unwirkliche Stimmung.

Der Glanz, der Gesang, das Treiben bringen mich langsam in eine seelische Verfassung, in der ich alles andere vergesse und zu einem Teil des Geschehens werde. Die Spannung, auf das was noch kommen soll, führt mich unbemerkt in einen fast hypnotischen Zustand; ich empfinde die Zeit nicht mehr.

Mir wird warm; am liebsten würde ich meine dicken Winterstiefel ausziehen und in Strümpfen auf dem angenehm kalten Steinfußboden stehen; aber das traue ich mich nicht, denn in der Zwischenzeit sind noch andere Leute gekommen, die wie wir von hier oben dem Gottesdienst beiwohnen werden. So stehe ich ganz vorn an der Brüstung auf der Mittelempore, gegenüber dem goldenen Tor, empfinde mich selbst nicht mehr, bin nur ein Teil eines überirdischen Fluidums; ich versuche mich gegen diesen ewig gleichen monotonen Singsang zu wehren, der mich wegtragen will, der mich benebelt, in Watte einhüllt; ich versuche mich über dieses rosenkranzgleiche Geleiere zu ärgern, es gelingt mir nicht. Da ist der große Moment gekommen: Die Patriarchen ziehen ein!

Alle in prunkvollen goldenen Gewändern mit ebenso kostbaren Kreuzen auf der Brust und Hüten, oder sind es Kronen oder Mitren?

Einer von ihnen singt mit gewaltiger, tiefer Bassstimme; ein Chor setzt ein, es beginnt ein Wechselgesang,
ich bin in einem Rausch,
alles dringt zu mir durch unendliche Weiten, alles verschwimmt vor meinen Augen,
es beginnt sich zu drehen, Hilfe! mein Kopf, mein Herz, mir wird schlecht,
so fängt ein Herzinfarkt an! schießt mir durch den Kopf,
ich falle
nichts wie weg von hier vorne, an die Wand, nach hinten! Ich rutsche an der Wand herunter, sitze, mir wird besser.
Jemand kommt und fragt, ob er mir helfen kann. Ich danke, es wird schon besser.
Vielleicht sollte ich kurz an die frische Luft.
Ich rapple mich auf; kaum stehe ich, beginnt sich wieder alles zu drehen, ich bekomme keine Luft mehr!
Angst, meine Brust ist beklemmt, mein Herz rast, mein Kopf ist heiß, weg zum Aufzug!
ich torkle zum Aufzug, dort steht der zweite Chor, sie singen,
ich falle mitten hinein auf eine Bank,
ja nicht hier liegen bleiben! nach unten!
mein Herz! mein Kopf!
ich schaffe es in den Aufzug,
warum ist der nur so langsam!!?
Richtung Ausgang, ich schaffe es nicht mehr, alles dreht sich, Herzinfarkt!! Panik! da ein Stuhl! ich falle darauf!
Meine letzten Gedanken: das war’s,
wie habe ich zu Vatern gesagt? ‚und wenn’s mein Ende wäre, ich würde trotzdem fahren!‘
Ein Witz – ich hatte Recht.
Und da lieg ich dann und niemand weiß, wo ich hingehöre.

Als ich wieder zu mir komme, stehen Nikolai, Micha, Igor und all die anderen um mich herum. Was ist los?
Langsam dämmert mir alles, ich bin also doch nicht tot!
Mir wird besser, die kalte Luft vom Eingang tut gut!
Sie bringen mich nach draußen, es schneit wie wild; ich setze mich in den Schnee.

Aus der Kathedrale dringt ein wunderbarer Chorgesang, am liebsten würde ich hier sitzen bleiben!

Micha und Igor sind aber schon losgelaufen, um ein Taxi zu holen. Noch etwas wacklig auf den Beinen gehe ich mit den anderen zur Straße.
Neben der Kathedrale im tiefen Schnee steht ein riesiger amerikanischer Straßenkreuzer, wie ihn der amerikanische Präsident fährt: der Dienstwagen des Patriarchen von Moskau!

Zu fünft stopfen wir uns in einen Lada. Niva, vier hinten, ich vorne.
Dem Fahrer scheinen sie wohl gesagt zu haben, dass es sich um einen Notfall handle, denn er fährt trotz der dicht verschneiten Straßen, als ob der leibhaftige Satan hinter ihm her wäre.
Hoffentlich wird mein Satz nicht doch noch wahr!
Trotzdem brauchen wir mit dem Auto erheblich länger als mit der- Metro.

Wir fahren wieder zu Igor Fedorowitsch!.. Dort empfängt uns großes Staunen.
Aber zum Glück muss ich jetzt doch nicht auf die Christmette verzichten; sie wird direkt im Fernsehen übertragen. Nun denn, wenigstens ist es bequemer.

Es ist aber nicht zu fassen! Da sehne ich mich solange danach, einmal ein russisch-orthodoxes Hochfest mitzuerleben, und dann kippe ich gleich am Anfang um, was mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert ist! Es ist, zum aus der Haut fahren!

Was war geschehen:
Durch die Wärme, insbesondere durch meine heißen Füße, ist während des langen Stehens mein Blut in die Beine abgesackt, im Kopf hat es dann gefehlt, und ich bin umgekippt. Diagnose orthostatischer Kreislaufkollaps. Ganz einfach!

Durch das allgemeine Stimmengewirr dringt leider nur noch wenig von der Feier aus der Kathedrale.
Ich kann erkennen, dass Jelzin, verschiedene Regierungsvertreter und Diplomaten in der Zwischenzeit gekommen sind.

Das Fernsehen kann aber nicht den Zauber der Stimmung, den Zauber der Schwingungen vieler Menschen, des Ortes, der vielen Kerzen und der heiligen Handlung wiedergeben.

Die Stimmen und der Gesang der Diakone und der Chöre sind einmalig.
Ich möchte dort sein, so bequem wie hier sitzen können, die Augen schließen und mich einfach von dem Gesang wegtragen lassen.

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Wer weiß, wozu es gut war; der Gesang könnte wirklich meine Seele wegtragen.

Ich werde wohl noch auf dieser Welt gebraucht, meint Kolja.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.