Mein Moskau [7] – Die erste Nacht in Moskau

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das siebente Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

In der großen Bahnhofshalle ein betäubendes Chaos:

Die Halle ist voller Menschen in dicker Winterkleidung; sie sitzen und stehen bei Unmengen von Gepäck, als ob sie ihre gesamte Habe eingepackt hätten, um auszuwandern; es ist schwer, durch diese Menschenmenge hindurch zu kommen.  Es sind vor allem Südosteuropäer, vom Aussehen erinnern sie an Türken, auch sind viele Muslime darunter. Der Geräuschpegel entspricht der Menschenmenge. Die Luft ist zum Schneiden dick.

Der Eindruck draußen vor dem Bahnhof ist ebenso betäubend chaotisch: Die Straßen sind verschneit und nicht geräumt; genau kann ich allerdings nicht erkennen, ob es eine Straße oder vielleicht ein großer Platz ist, denn es ist dunkel und es gibt keine „Straßenflutlichtanlagen“ wie bei uns. Die einzige Beleuchtung ist die der Autos und das sind chaotisch viele, ein Gewirr von scheinbar ziellos umherfahrenden Autos und Lastwagen; die meisten fahren mit mehr oder weniger (meist weniger) funktionierendem Standlicht, ein großer Teil fährt ganz ohne Licht, normales Fahrlicht hat fast niemand eingeschaltet; ich komme mir vor, als ob Verdunkelung angesagt sei.

Verstärkt wird der orientierungslose Eindruck durch die mir fremden Wagentypen; es sind meist ältere Autos sowjetischer Marken, wie ich sie bisher nur auf Bildern oder manchmal im Fernsehen kurz gesehen habe. Mir wird irgendwie mulmig im Bauch, dieser Anblick macht mir fast ein wenig Angst und ich bin heilfroh, wenn ich aus diesem Chaos entkommen bin.

Während ich dies schreibe, wird mir deutlich, wie stark auch ich, der ich mich für einen aufgeklärten, vorurteilsfreien Menschen halte, mich durch ins Unterbewusstsein gedrungene Informationsketten beeinflussen lasse: Nachrichten über die Sowjetunion – Systemfeind – Angst vor…, dazu Bilder aus Moskau – auf den Straßen die typischen Autos und Lastwagen; und schon funktioniert das Ganze auch in der umgekehrten Richtung: die typischen Automarken – Systemfeind – Angst; und das, obwohl ich oberbewusst weiß, dass die Situation heute eine andere und mit der früheren nicht zu vergleichen ist. Nicht nur sehr gefühlsbeladene Ereignisse prägen sich eben im Unterbewusstsein ein und beeinflussen später die Handlungen eines Menschen, sondern gemäß dem Sprichwort „steter Tropfen höhlt den Stein“ auch Informationen mit recht geringem Gefühlswert, werden sie nur oft genug wiederholt.

Wir laden mein Gepäck in ein wartendes Auto und umfahren das Chaos, das offensichtlich auf einen Unfall in der Mitte des Getümmels zurückzuführen ist. Nach wenigen Minuten halten wir vor einem Superluxus-fünf-Sterne-Hotel westlicher Prägung; die livrierten Portiers reißen die Türen auf als ob Staatsbesuch käme, in der Halle ein Gewirr von Sprachen amerikanisch, englisch, deutsch, französisch, russisch, japanisch; von irgendwo in der riesigen Halle kommt leichte Kaffeehaus-Klaviermusik; überall stehen verstreut Sitzgruppen bequemster Art, an denen ganz offensichtlich Geschäftsleute in Besprechungen vertieft sind, andere sitzen nur und warten und lauschen; an einer Stelle ist eine runde Bar eingerichtet, an einer anderen Stelle sind mehrere Schalter einer Bank, wieder an einer anderen Stelle können Karten für Oper und Theater reserviert, Flüge gebucht, Wagen gemietet und Taxen bestellt werden; eine breite Treppe, wie sie fürstlicher in den Residenzen der Renaissance auch nicht zu finden ist, führt nach oben; in der Mitte ein kleiner Springbrunnen mit Wasserspielen; das gesamte sogenannte Ambiente ist nur vom Allerfeinsten; ich muss gestehen, eine solche moderne Pracht noch nie gesehen zu haben und hätte so etwas vielleicht in New York, Tokio oder einer anderen westlichen Weltstadt erwartet, aber nicht hier.

Der Kontrast zwischen da draußen, dem Bahnhof und diesem Hotel erschlägt mich.

A.A. geht mit mir zu den beiden Damen, bei denen man Flüge buchen kann; ich werde freundlich empfangen und sofort gefragt, ob ich Englisch oder Deutsch sprechen möchte. Während AA von einem der zahlreichen Telefone kostenlos meine „Notfallnummer“ auf ihre Tauglichkeit überprüft, buche ich für den nächsten Morgen 11 Uhr einen Flug nach Riga; Kostenpunkt 84 $ (1000 km!!). Ich möge bitte 20 Minuten warten, ein Bote bringe umgehend das Ticket vom Aeroflot Büro!

AA’s Telefonat war erfolgreich; sie hat die Adresse, wo ich übernachten soll und zu der sie mich fahren wird. Wie ich später erfahre, verlief das Gespräch folgendermaßen:

„Ich möchte Igor Nikonow sprechen.“

„Mein Sohn ist noch nicht zuhause, er kommt erst um 20 Uhr.“

„Hier ist ein Herr Wietek aus Deutschland; er hat mir ihre Nummer gegeben; er sucht eine Übernachtungsmöglichkeit.“

„Gut, er soll hierher kommen, er wird erwartet.“

Weder ich noch sonst irgendjemand hatte mit diesen Leuten von mir zuvor gesprochen, sie wussten überhaupt nicht von meiner Existenz! Man stelle sich vor, hier bei uns in Deutschland klingelt das Telefon und eine unbekannte Person sagt, ‚hier ist ein Mister Smith aus Amerika (oder sonst irgendwoher), er hat mir ihre Telefonnummer gegeben, er spricht selbst kein Deutsch, er sucht eine Übernachtungsmöglichkeit‘. Wie wäre wohl unsere Reaktion?

Da ich am nächsten Morgen zum Flughafen muss, bestelle ich von hier gleich zu der angegebenen Adresse und Zeit ein Taxi. Ich muss dreimal fragen, ob ich mich auch nicht verhört habe, als sie mir den Preis nennt: 35 $!! Der Flug nach Riga kostet 84 $ und das Taxi in Moskau – ca. 35 km zum Flughafen – kostet 35 $, also fast die Hälfte des Flugpreises!! Ich komme aus dem Staunen nicht heraus.

Wie ich später erfahre, werden diese Buchungen durch „Intourist“ vorgenommen.

Sowohl war der Flug für mich teurer als für einen Russen, als auch – und das ganz besonders – das Taxi, aber die sind ja bekanntlich auch bei uns nicht gerade billig.

Spontan habe ich das Gefühl, bei diesen offiziellen Stellen gelte immer noch die Regelung aus kommunistischen Zeiten, dass Ausländer aus dem kapitalistischen Westen – und besonders solche, die nach Russland reisen können – viel Geld haben und daher auch kräftig „gemolken“ werden müssen. Dies bringt doppelten Nutzen: erstens ist es für die eigene Tasche von Vorteil und zweitens wird der „Klassenfeind“  dadurch geschädigt.

Bei genauerer Betrachtungsweise kann allerdings die Begründung für dieses Verhalten, auch wenn es den Betroffenen natürlich etwas schmerzt, nicht so ohne weiteres von der Hand gewiesen werden:

Der Staat subventioniert für seine Bürger viele Bereiche des öffentlichen Lebens. Ausländer, und besonders solche aus dem „reichen“ kapitalistischen Westen bedürfen nicht nur dieser Subventionen nicht, sondern haben auch keinen Anspruch darauf, dass die Volksgemeinschaft, und nichts anderes ist der Staat, irgendwelche Leistungen für sie bezahlt, denn sie beteiligen sich ja auch nicht über die Steuern an den allgemeinen Kosten. Hinzukommt, dass der Ausländer teilweise aber auch überdurchschnittliche Leistungen für sein Geld erhält, wie im Fall der Taxibuchung durch Intourist – es werden nur Wagen modernster westlicher Bauart benutzt. (Ein Russe hätte mit einem normalen Taxi nur 10 $ bezahlt.)

Und dass Touristen auf der ganzen Welt als willkommene „Melkobjekte“ angesehen werden, ist somit kein spezifisch russisches Problem.

Nachdem nun alles erledigt ist, fahren wir zu Igor Nikonow.

Draußen schneit es wieder, die Straßen sind nicht geräumt, spärlichste bis gar keine Straßenbeleuchtung, die Autos für mein Empfinden praktisch ohne Licht. Ich bin ein erfahrener Autofahrer, mehrere hunderttausend Kilometer habe ich schon „auf dem Buckel“, aber unter diesen Umständen würde ich auch nicht für viel Geld auch nur 100 Meter fahren!

Dennoch, der Verkehr fließt zügig: überholt wird rechts oder links, wie es gerade kommt; die Wagen fahren so nah aneinander vorbei, dass ich fast Schmerzen bekomme, weil ich immer das Gefühl habe, dass wir aneinander-schrammen; manchmal schaltet ein entgegenkommendes Fahrzeug  (offensichtlich wenn es sich bedroht fühlt) sein Licht an, das aber dann gleich wieder ausgemacht wird; Lastwagen scheinen grundsätzlich nur in der Mitte zu fahren. Draußen ist es düster, ich kann kaum etwas von der Stadt erkennen.

Wir erreichen einen Komplex von mehreren Hochhäusern in Betonplattenbauweise. Unser Fahrer fragt sich durch; wir halten an einem dieser Betonsilos. An der Eingangstür sehe ich keine Klingelknöpfe mit Namen, dennoch gehen wir in den Aufzug; A.A. scheint zu wissen, wohin wir müssen.

In der Wohnung – zwei Zimmer, Küche, Bad und Flur (ca. 70 m3) – werde ich von einem Ehepaar um die 50 und einer alten Frau aufs Herzlichste begrüßt, als ob wir alte Bekannte wären, die sich nach langer Zeit wiedersehen; der Mann erklärt mir in gutem Englisch, dass sein Sohn Igor noch nicht zuhause sei, ich könne schon einmal duschen und dann in der Küche Platz nehmen und essen.

Ich erkläre noch einmal meine Situation, von wem ich die Telefonnummer bekommen habe, und dass ich seinen Sohn gar nicht kenne; er erklärt mir, dass er schon alles verstanden habe und dass es selbstverständlich sei (eta normalna), dass ich bei ihnen wohnen werde.

Nach einer halben Stunde kommt Igor. Er wird von seinen Eltern kurz informiert und kommt dann freudestrahlend auf mich zu, um mich zu begrüßen.

Nun bin ich schon ob der für mich unverständlich großen Gastfreundschaft verwirrt, indem Igor aber die ersten Worte an mich richtet, fange ich an zu glauben, dass ich träume: er begrüßt mich in fließendem Deutsch aber mit dem typischen, ausgeprägten, liebenswerten Akzent eines Dänen; so ausgeprägt ist der Akzent, dass ich zu glauben beginne, er sei gar kein Russe, sondern ein in Russland lebender Däne. Das Rätsel löst sich aber schnell auf: er hat zuerst Dänisch studiert und danach Deutsch.

Zur Begrüßung bekomme ich meine erste Lektion in Russische Sitten: der Wodka darf nicht fehlen! Ein Wasserglas, halbvoll, und dazu wird eine saure Gurke, in Scheiben geschnitten, und in Scheiben geschnittener fetter, geräucherter Speck gereicht; nach jedem Schluck Wodka wird eine Scheibe Gurke gegessen, das soll angeblich die allzu schnelle Wirkung des Alkohols verhindern.

Naja!? Da glaube ich schon eher, dass der fette Speck den Alkohol „bekömmlicher“ macht.

Wir unterhalten uns; nach kurzer Zeit kommt seine Frau ebenfalls nach Hause, sie spricht nur Englisch, ich bekomme die neuesten Informationen über das Leben in Russland und erzähle über meine Reise und meine Erwartungen.

Wir telefonieren nach Riga zu Oksana und melden meine Ankunft für den nächsten Tag an.

Je später es wird, umso mehr beschäftigt mich der Gedanke, wie wir alle in dieser kleinen Wohnung schlafen werden. Mit mir sind wir jetzt sechs Personen, die in zwei Zimmern schlafen sollen: eine Oma, die Eltern, Igor mit seiner Frau und ich; wie das wohl gehen soll?

Es geht! Igors Frau schläft bei den Eltern im Bett auf der „Besucherritze“ mit der Oma im Zimmer, ich schlafe im Bett, in dem sonst Igor mit seiner Frau schläft, und Igor schläft auf dem Sofa; mein Protest fruchtet nichts, ich darf nicht auf dem Sofa schlafen, ich bekomme das beste Bett.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.