Mein Moskau [14] – Das „deutsche“ Russland

Iwan IV., Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert, Porträt, GemeinfreiIwan IV., Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert, Porträt, Gemeinfrei
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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das vierzehnte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

„Im Jahr 957 hat die regierende russische Großfürstin Olga bei einem Staatsbesuch in Byzanz offiziell das Christentum angenommen. Schon zwei Jahre danach schickte sie eine Gesandtschaft an den Hof des Deutschen Kaisers Otto der Große und bat um einen Bischof und Priester für ihr Land.

Ihr Enkel Wladimir I. hat dann das Christentum im ganzen Land eingeführt. Auch da werden in der Nestor-Chronik aus dem 11. und der Radziwill-Chronik aus dem 15. Jahrhundert wieder die Deutschen erwähnt:

Nachdem er seine Gesandten zu den Bulgaren geschickt hatte, wo sie den moslemischen Glauben prüfen sollten – es wird behauptet, dass nur das Abstinenzgebot der Moslems die Annahme dieses Glaubens verhindert habe, was der Wahrheit ziemlich nahe kommen dürfte – schickte er seine Mannen nach Deutschland mit den Worten „Geht jetzt zu den Deutschen und seht wie es mit ihnen steht. Und von dort geht zu den Griechen.“ Den Zuschlag bekamen dann allerdings die Griechen, denn ihre Religion verband den Prunk der Muslime mit der „Freiheit“ der römischen Kirche, gemeint ist die Freiheit, Wodka zu trinken.
Wladimir I. (1019-1054) hat die „Russkaja Prawda“ erlassen. In dieser ersten russischen Gesetzessammlung finden sich Passagen, die an Germanisch-Deutsche Gesetzesbücher angelehnt sind.

Drei seiner Söhne hat er außerdem mit deutschen und byzantinischen Prinzessinnen verheiratet.

1089 heiratet Eupraxia, eine Angehörige des Kiewer Fürstenhauses, König und Kaiser Heinrich IV, ihr deutscher Name wurde „Adelheid“.

Aber entschuldige, Hans, ich bin bei meinem Lieblingsthema gelandet; da kann ich im Allgemeinen nicht aufhören; nur so viel noch: diese Beziehungen ziehen sich durch unsere ganze Geschichte.“

„Um Gottes Willen, Piotr, du langweilst mich nicht im Geringsten! Im Gegenteil, ich finde es ausgesprochen spannend!
Mir geht es genau wie du gesagt hast: Russland ist für mich bisher in erster Linie ein politischer Begriff gewesen; Geschichte, das waren Fakten, die ich auswendig lernen musste – und ich hasse stures Pauken; dass man Geschichte auch anders sehen und vor allen Dingen auch anders vermitteln kann, wird leider zu oft vergessen.
Deine Art, Geschichte zu vermitteln, gefällt mir.
Wenn Natascha nichts dagegen hat, würde ich ganz gern noch mehr haben“.

„Nun gut, auf deine Verantwortung; beklage dich dann aber nicht, wenn ich kein Ende finde. Ich werde mich aber bemühen, keine Semestervorlesung daraus werden zu lassen. Das Thema wäre es jedoch wert. Wir waren also bei der Christianisierung.

Der politischen aber auch der kulturellen Entwicklung wurde bald danach, genauer 1237, durch den Tatarensturm und die Unterjochung Russlands durch den Enkel Tschingis Khans, Batu Khan, erst einmal der Garaus gemacht. Erst 1380 wurden die Tartaren bei Kulikowo endgültig vernichtend geschlagen, übrigens von dem Moskauer Fürsten Dimitrij Donskoj, der damit die Vormachtstellung der Moskauer Fürsten begründete.
Russland brauchte lange bis es sich von dieser barbarischen Zeit erholt hatte.

Im 14. und 15. Jahrhundert war das Baltikum der Ort, an dem Russen und Deutsche miteinander in Berührung kamen.

Kulturelle Einflüsse kamen über die reiche Handelsstadt Nowgorod zu uns. An der Wende zum 16. Jahrhundert haben sich die ersten russischen Studenten an der Universität in Rostock eingeschrieben.

Kommen wir gleich zu Iwan IV. Wassilijewitsch, genannt Iwan grosnij, Iwan der Schreckliche, der erste Zar Russland (1530-1584), denn auch er hatte Kontakt zu Deutschland.
Aber zuerst muss ich einige Worte zu seiner Person sagen:
Schon die deutsche Übersetzung seines Namens ist falsch; richtig muss es heißen „der Drohende“.
Das heißt doch, dass er in seinem Land zu seiner Zeit gar nicht als so außergewöhnlicher Charakter empfunden wurde, wie der Beiname „der Schreckliche“ uns heute glauben machen will.
Vieles, was uns heute, aber auch damals in Westeuropa als außergewöhnlich erschien, wurde von seiner unmittelbaren Umgebung als „noch im Rahmen“ gesehen.“

„Mir scheint, an dieser unterschiedlichen Befrachtungsweise hat sich bis heute nicht viel geändert; wenn ich bedenke wie oft. ich auf meine Frage ‚das verstehe ich nicht‘ zur Antwort, bekomme ‚eta normalna’“.

„Da könntest du Recht haben.
Auf die ihn prägenden Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend will ich gar nicht weiter eingehen, darüber müsste man mehrere dicke Bücher schreiben: das einschneidende Erlebnis jedoch, das ihn zu dem werden ließ, der er später war, war der frühe Tod seiner heißgeliebten jungen Frau, seiner ‚kleine Stute‘, wie er sie nannte. Sie war der erste Mensch, und auch der einzige, in seinem Leben, den er liebte, dem er vertraute, und von dem auch er geliebt wurde!

Er nahm an, dass sie vergiftet wurde – eine damals fast alltägliche Todesursache in diesen Kreisen – und rächte sich fürchterlich an seiner Umgebung. Erst zu diesem Zeitpunkt bekam er seinen Beinamen ‚grosnij‘. Am deutlichsten wird die Zerrissenheit seiner Seele, werden die Extreme seines Charakters vielleicht an dem Folgenden:

Er war ein sehr gläubiger Mensch, war viel in der Kirche und nahm aktiv am Gottesdienst teil; ja er dichtete und komponierte sogar selbst Chormusik! Und von allen, die er umbringen ließ – das waren nicht wenige – ließ er die Namen aufschreiben, damit er für ihr Seelenheil liefen könne! –  Ich nehme allerdings an, dass er zu einem späteren Zeitpunkt dann den Überblick verloren hat bzw. seine Betzeit nicht mehr ausgereicht hat.

Nur ein Beispiel noch: Sein Anspruch war, der Erbe der römischen Kaiser zu sein, und er machte dies mit Prunk und feierlichen Zeremonien auch deutlich; andererseits liebte er es, ganz einfach gekleidet, mit irgendwelchen Kumpanen und Radaubrüdern zu saufen, andere zu foltern und Schlimmeres. Sicher, die Extreme seines Charakters sind schon ins Krankhafte übersteigert, aber ein bisschen davon ist. typisch für ‚die russische Seele‘.

Aber wieder zu unserem Thema.

1547 auf dem Reichstag zu Augsburg erlaubt Kaiser Karl V dem Kaufmann Hans Schütte, Ärzte und Handwerker für Russland anzuwerben.
In den Berichten von 1553 heißt es, dass sich Iwan Grosnyj auf den Rat deutscher Kriegsleute hin die Römer zum Vorbild genommen habe.
1564 erscheinen an seinem Hof Gesandte des Deutschen Ordens.
1576 schickt er selbst eine Gesandtschaft zum Reichstag des deutschen Kaisers nach Regensburg.

Am östlichen Rand von Moskau entsteht damals eine kleine deutsche Siedlung aus zwangsumgesiedelten Livland-Deutschen, die in ihrer Kirche ihre eigene Religion ausüben durften. Das hatte Auswirkungen bis in den engeren Bereich der Zarenresidenz, wo für lutherische Ausländer, meist waren es Deutsche, regelrecht kirchliches Gemeindeleben mit angestellten Predigern stattfand. Um 1650 wurden diese Deutschen dann allerdings durch den Einfluss fremdenfeindlicher orthodoxer Kreise, die den Auszug aller Andersgläubiger aus den Mauern der Zarenresidenz erzwangen, umgesiedelt in die „Neue Deutsche Freiheit“. Dort hat der junge Zarensohn Peter erste Einblicke in westliche Lebensgewohnheiten und technische Fertigkeiten der Deutschen gewonnen.

Eine mehr lustig bis lächerliche Episode war, dass der habsburgische Erzherzog Leopold 1613 für den Moskauer Thron kandidiert hat.

Um 1650 schätzte man, dass ungefähr 18.000 „Germani“, also eindeutig Deutsche, in Russland lebten. Zu dieser Zeit entstand auch eine deutsche Schule in Moskau.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts standen in den Dienstlisten der russischen Zentralbehörden deutsche Namen für Handwerker und Bergleute, für Ärzte und Apotheker und für Unternehmer und Militärs.

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Mit Zar Peter dem Großen (1689-1725) begann, fast möchte man sagen, ein deutsches Kapitel in der russischen Geschichte.

Er war ein sehr hektischer, unsteter Geist, der z.B. niemals lange an einem Ort blieb, er konnte grausam sein – seinen eigenen Sohn opferte er der Staatsraison und verurteilte ihn zur Hinrichtung, aber er weinte auch heftig beim Tod eines Freundes, er führte geistvolle Diskussionen, aber er spielte auch selbst den Henker bei Folterungen und Hinrichtungen, kurzum er war bei aller Aufgeschlossenheit und Liebe zu Westeuropa eine „russische Seele“. Sein erklärtes Ziel war es, Russland für den Westen zu öffnen und aus Russland einen modernen Staat zu machen.

Zu diesem Zweck reiste er um 1697 mehrmals inkognito ins Ausland, nach Holland und Deutschland, um das Leben dort zu studieren. – Sein inkognito war allerdings etwas dürftig, denn aufgrund seines Aussehens, er war ungefähr zwei Meter groß und hatte eine große Warze auf der Wange, und aufgrund bestimmter Eigenheiten, ein Nervenleiden verursachte das Zucken seiner Gesichtsmuskeln, und aufgrund seiner ungeheuren Kraft, er konnte einen Silberteller wie Pergament in der Hand zerdrücken, war allen eigentlich klar, wer er wirklich war. Er zwang praktisch das russische Volk in eine geistige Auseinandersetzung mit westlichen Vorstellungen. Ich sage „zwang“, denn er ging dabei äußerst brutal vor und schuf sich viele Feinde, nicht nur in der Adelsschicht, den Bojaren.
Diesen ließ er z.B. nach einer Auslandreise kurzerhand die bis dahin üblichen langen Bärte abschneiden – angeblich hat er sich sogar daran selbst beteiligt -, um so auch ein europäischeres Aussehen seines Hofes zu erreichen, und er führte eine Bartsteuer ein.

Der harte Bruch mit den alten Traditionen des Volkes, seine europäische Kleidung und die vielen Deutschen in seiner Umgebung führten zu der Legende, seine Mutter, Zarin Natalja, habe auf ihrem Sterbebett gesagt, er sei nicht ihr Sohn, sondern er sei ihr untergeschoben worden; daraus wurde, er sei in Wahrheit das uneheliche Kind einer Deutschen.

Unter seiner Herrschaft wurde Deutsch immer mehr die Sprache, in der wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt und technische Errungenschaften beschrieben wurden. Er verpflichtete insbesondere deutsche Wissenschaftler und Handwerker.

In „St. Piterburch“, wie St. Petersburg früher hieß, hatten die Deutschen eine Monopolstellung bei den Bäckern, Konditoren, Wurstmachern, Bierbrauern und Uhrmachern; der Ärzte- und Apothekerstand war fest in deutscher Hand.“

„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche; du weißt, ich komme gerade aus Riga; dort war ich in einer Apotheke und habe fast ausschließlich deutsche Arzneimittel gefunden, die noch dazu mit deutschem Geld bezahlt werden mussten! Ich nehme zwar nicht an, dass man hier eine geschichtliche Verbindung sehen kann, aber gerade in diesem Zusammenhang fällt es mir natürlich besonders auf.“

„Naja,… eine geschichtliche Verbindung? Ich weiß nicht.

Tatsache ist aber, dass der alte livländische Adel, die Ritterschaft, sich als Deutsche gefühlt und Livland als eine deutsche Provinz angesehen haben. In der deutsch geschriebenen Kapitulationsurkunde von 1710, in der sie Zar Peter den Großen und den Eintritt in sein Reich anerkennen, bringen sie das deutlich zum Ausdruck.

Viele Jahrhunderte, schon vor Peter dem Großen bis zur Abdankung des letzten Zaren, ja eigentlich bis zum Frieden von Dorpat 1920, nach dem dann die Deutschen zu einer Minderheit in dem ehemals von ihnen beherrschten Staat Livland wurden, war das Baltikum die Begegnungstätte deutscher und russischer Kultur.

Einer der ersten modernen Verlage Russland wurde 1765 in Riga von dem Deutschen, oder wenn du so willst von dem Deutsch-Balten, Johann Friedrich Hartknoch gegründet. Die Gründung dieses Verlags hatte weitreichende Folgen für das deutsche Geistesleben und für das gegenseitige russisch-deutsche Verständnis.

1810 wurde in Dorpat die erste deutsche Universität in Russland eröffnet; leider wurde sie 1893 russifiziert.

Aber zurück zu Mütterchen Russland.
Über Zar Peter den Großen und den nachhaltigen Einfluss seiner Politik auf die spätere Entwicklung Russland ließe sich noch sehr, sehr viel sagen. Wichtig finde ich die Auswirkungen, die seine Politik auf unsere Kultur gehabt hat; nur ein ganz augenfälliges Beispiel:

In der russischen Sprache, du wirst es mit der Zeit selbst erfahren, gibt еs ungeheuer viele deutsche Wörter; ich will nur einige wenige nennen: der Stuhl heißt auf Russisch stul, der Friseur ist der perikmacher; zu buchgalter, büstgalter, jarmarka, schtraf, knut, stal, fort, park, frukt, potschamt brauche ich wohl nichts zu sagen; spik ist der Speck, lampa das Licht, spulka die Spule, kren in bayrischer Mundart auch Kren der Meerrettich; In der Stadt wirst du eine buterbrodnaja finden, dort kannst, du belegte Brote kaufen; das galstuch ist aus dem Halstuch zur Kravatte geworden, usw., u usw., diese Aufzählung lässt sich endlos fortsetzen.

Ob nun alle diese Wörter direkt aus dem Deutschen übernommen wurden, oder ob einige gemeinsame ältere Wurzeln haben, das kann ich dir nicht sagen, ich bin kein Sprachforscher.

Ich weiß nicht, ob sich schon jemand mit diesem Phänomen beschäftig! hat, mit Sicherheit ist es aber ein lohnenswertes Thema.“

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.