Mein Moskau [34] – Höhepunkte

Moskau Ende 17. Jh.Moskau Ende 17. Jh.
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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das vierunddreißigste Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Was sind schon ein paar Tage zur Besichtigung einer solchen Stadt?
Um nur die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt kennenzulernen müsste man hier Jahre leben.

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Schon in meinem Kurzführer sind 35 Kirchen und Klöster, 10 Baudenkmäler, Paläste und Residenzen (ohne den Kreml), allein 11 Kunst- und 10 Literaturmuseen, 8 Bibliotheken, deren größte – nicht nur von der Anzahl der Bücher, sondern auch was Prunk und Ausstattung betrifft – die Lenin Bibliothek ist, 31 Theater und Konzertsäle; mehrere sehenswerte Friedhöfe und, und, und … aufgeführt.

 

Wir waren zusammen in der alten Zarendomäne Kolomenskoje, die heute ein Freilichtmuseum ist.
Hier stehen unter anderem prächtige Kirchen, teilweise hier erbaut, teilweise später hierher versetzt.
Erbaut wurde hier anlässlich der Geburt des späteren Zaren Iwan des Schrecklichen die Christi-Himmelfahrts-Kirche, eine steinerne Zeltdachkirche; sie gilt als die schönste ihrer Art.

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Elen und ich waren allein in der Kirche.

Ganz langsam, jeden Ton auskostend, sang ich das ‚Otsche nasch‘, das Vater unser, von Tschaikowski.
Als ich am Ende die Augen wieder aufmachte, waren plötzlich Menschen in der Kirche. Alle standen andächtig und lauschten.

Als wir durch sie hindurchgehend die Kirche verließen, bedankten sie sich, gaben mir die Hand und einige schlugen das große Kreuzzeichen und andere versuchten, meine Hand zu küssen.

Benachbart steht eine Kirche mit mehreren zwiebelförmigen Kuppeln, in deren leuchtendes Himmelblau goldene Sterne gemalt sind:
Die Kirche „zu Ehren der Gottesmutter von Kasan“.
In dieser Kirche war gerade Gottesdienst. Wir gingen hinein, kauften einige lange, schmale Kerzen und entzündeten sie vor verschiedenen Gnadenbildern. Schweigend verließen wir die Kirche.

Draußen sagte Elen zu mir: „dies ist ein ganz besonderer Ort“.
Und als ob der Himmel das bestätigen wollte, bot er uns ein Schauspiel, wie es sich sicher kein Künstler ausdenken kann:
Der Himmel war leuchtend blau, abgestuft von einem zarten Hellblau, leicht ins Türkis gehend, bis zu einem satten, tiefen Königsblau, das im Osten schon schwarzblau wurde; die Sonne war gerade unter dem Horizont verschwunden und beschien einzelne Wolkengruppen schräg von unten, sodass die Wolken in Sonnennähe an der Unterseite rosa bis rot und an der Oberseite weiß leuchteten, weiter entfernte Wolken waren dunkelrot bis violett und wurden zur Oberseite hin immer mehr schwarz.
Und hoch oben am Himmel leuchtete klar und strahlend hell die Venus.

Ein andermal – wir sind damals schier im Schnee erstickt – waren Nikolai, Igor Fedorowitsch und ich im »Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius« in Sergijew Possad (zu kommunistischen Zeiten Sagorsk). Dieses Kloster ist eines der vier heiligsten Klöster der russisch-orthodoxen Kirche. Diese vier dürfen sich ‚Lawra‘ statt ‚Monastyr‘ (Kloster) nennen und waren die geistigen Zentren des alten Russlands, was für dieses Kloster auch heute noch gilt.

Innerhalb der dicken, weißen, mit elf Türmen befestigten Mauer stehen sieben Kirchen, zwei Stiftskirchen, eine theologische Akademie, ein Krankenhaus, Verwaltungsgebäude, Refektorium und ein Museum.

Die Pracht, dieser Anlage, und das auch noch im tiefen Schnee kann nur mit einem altrussischen Wintermärchen beschrieben werden – wozu ich nicht in der Lage bin.
Viele Menschen waren dort; sie standen Schlange, um heiliges Wasser mitzunehmen; sie waren in den Kirchen, sangen und zündeten Kerzen an. Sie kauften kleine Ikonen und andere Devotionalien und wie wir, waren viele auch aus kunstgeschichtlichem Interesse gekommen.

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Erstaunlich war für mich jedoch, dass sich alle, der Bedeutung des Ortes bewusst, in den religiösen Ablauf des Geschehens eingliederten. Ein Danebenstehen und Betrachten von außen à la Sightseeing, fotografierend, wie man es in unseren Kathedralen und Domen fast nur noch erlebt, gab es nicht; einen Verkaufsrummel nach dem Motto ‚kitsch as kitsch can‘, wie an all unseren Wallfahrtsorten, gab es nicht.

Ich will nicht, schon wieder den ‚Geist der Geschichte‘ oder den – an dieser Stelle sicher – heiligen ‚Geist des Ortes‘ bemühen, aber allein das An-diesem-Ort-sein wirkte ausgleichend, beruhigend, ja in gewisser Weise ‚transzendierend‘ auf mich; hier wäre ich gern ein paar Tage geblieben, wir hatten aber leider nur wenige Stunden Zeit – und es schneite ununterbrochen.

 

An einem Tag hatten Elen und ich beschlossen abends ins Bolschoi-Theater zu gehen, es gab ein Ballett. – In Moskau gewesen zu sein, ohne ein Ballett im Bolschoi miterlebt zu haben, ist, als ob man Paris gefahren wäre, ohne den Eiffelturm oder Rom ohne den Petersdom zu sehen. –

An den offiziellen Verkaufsstellen, die es an mehreren Stellen in der Stadt u.a. auch in Metrostationen gibt, waren keine Karten mehr zu bekommen; uns blieb nur noch der Schwarzmarkt.

Dieses Wort ‚Schwarzmarkt‘ hört sich gefährlich an, es ist aber ganz einfach: Am Theater sind den ganzen Tag noch bis nach Beginn der Vorstellung Leute, meist junge Männer, die Karten für den Abend, aber auch für andere Tage (Karten können regelrecht bestellt werden) anbieten; man kann sich sogar aussuchen, wo man sitzen will, die Händler tauschen untereinander die Karten aus.
Unsere Karten kosteten sechs Dollar das Stück, offiziell hätten sie nur 300 Rubel, das ist etwas mehr als einen halben Dollar gekostet.

Da wir uns noch umziehen mussten, verabredeten wir uns für halb sieben vor dem Eingang. (In Moskau beginnen fast alle Theater und Konzerte schon um sieben, nicht, wie bei uns meist um acht Uhr, was ich als angenehm empfinde.)
Ich wartete und wartete und wartete; ich verfluchte die ‚Russische Minute‘, keine Elen kam.

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Nach Beginn des Stückes wird niemand mehr eingelassen; es war schon fünf vor sieben.
Zwei Minuten vor sieben kam Ellen, vollkommen aufgelöst, wir schafften es gerade noch.

Froh, dass sie überhaupt, gekommen war, entschloss ich mich die russische Minute wie ein Gentleman zu übergehen.
Es war aber gar nicht ihr eigenes Verschulden.
Da sie mit ihren Abendschuhen nicht durch den tiefen Schnee gehen konnte, hatte sie sich ein Taxi genommen. Um zum Bolschoi zu kommen, musste sie die große, von Kreml und Rotem Platz kommende Straße überqueren, auf der die Regierungslimousinen ein- und ausfahren. Wenn die ganz hohen Herren den Kreml verlassen, wird einfach der gesamte Verkehr angehalten, damit diese Vertreter des Volkes nicht im Verkehr stecken bleiben.

Um halb sieben war der Verkehr angehalten worden, um zehn vor sieben Uhr rauschte Jelzin vorbei. Offensichtlich war ihm noch in letzter Sekunde ein Telefongespräch mit dem Weißen Haus in Washington dazwischen gekommen. – Man stelle sich vor der Stachus in München (vor seinem Umbau!), dem entspricht der Verkehr an dieser Stelle in Moskau, wäre für 20 Minuten angehalten worden! – ‚Eta normalna!‘

Das Ballett war, wie hätte es im Bolschoi auch anders sein können, ein Ereignis.

Danach brachte ich Elen nach Hanse. Da wir uns in einem italienischen (nur Devisen, aber keine Lire) verbummelt, hatten, war es spät geworden. Ich fuhr mit ‚meiner‘ Metro zum Preobraschenskaja Ploschtschad, um letzten vier Stationen zu meiner Wohnung mit dem Bus zu fahren. Es war aber schon nach ein Uhr, und kein Bus fuhr mehr.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.