Mein Moskau [16] – Eine fast untrennbare Verbindung: KULTUR

Alexander Puschkin; Gemälde Wassili Tropinin 1827Alexander Puschkin; Gemälde Wassili Tropinin 1827
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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das sechzehnte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Ein paar Worte möchte ich doch noch zu den wechselseitigen Beziehungen unserer Dichter und Denker sagen; und das mache ich besonders gern, denn hier fand wirklich eine andauernde wechselseitige Befruchtung statt.

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts ist von der deutschen Literatur in Russland noch wenig bekannt.
Unser erster großer Dichter Alexander Puschkin (1799-1837), er wurde ebenso wie Jurjewitsch Lermontow (1814-1841) bei einem Duell getötet, war noch ganz von der französischen Literatur beeinflusst, eine Folge der Kulturpolitik von Katharina der Großen.
Aber schon mit Lermontow begann eine immer stärker werdende Hinwendung zur deutschen Literatur.

Ende des 18. Jahrhunderts zeigte sich Interesse für die deutsche Sturm- und Drangzeit, ein germanophiler Studentenzirkel übersetzte Werke von Schiller, Goethe, Wieland und Kotzebue, die dann in den zwanziger Jahren des nächsten Jahrhunderts bei uns Allgemeingut wurden.
Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die großen französischen Dichter gelesen. Den „Faust“ betrachtete man z.B. als barbarisch; und auch nach 1820, als deutsche Dichter viel gelesen wurden, bevorzugte man in Russland von Goethe eher den „Werther“.

Portrait of Heinrich Heine (1797-1856) 1831 (oil on paper on canvas) by Oppenheim, Moritz Daniel (1800-82); 43x34 cm; Hamburger Kunsthalle, Hamburg, Germany; German, out of copyright

Portrait of Heinrich Heine (1797-1856) 1831 (oil on paper on canvas) by Oppenheim, Moritz Daniel (1800-82); 43×34 cm; Hamburger Kunsthalle, Hamburg, Germany; German, out of copyright

Bis Ende der dreißiger Jahre geriet Goethe immer mehr in Kritik, dafür wurde Heine immer berühmter. Die einen schätzten ihn wegen seiner Lyrik, die anderen wegen seiner Gesellschaftskritik.

Umgekehrt war man in Deutschland über Russland, abgesehen von einigen Reisebeschreibungen, bis Mitte des 19. Jahrhunderts wenig informiert. Das änderte sich erst durch den gemeinsamen Kampf der Deutschen und Russen gegen Napoleon. Das Jahr 1840 brachte dann den Durchbruch, es wurde in Deutschland zu einem Puschkinjahr.

Ab diesem Zeitpunkt kann man die deutsche und die russische Literaturgeschichte praktisch nicht mehr trennen.
Bis heute findet eine andauernde wechselseitige Inspiration, Beeinflussung, Befruchtung statt.
Es fällt mir wirklich schwer, einige Beziehungen herauszugreifen, weil ich befürchte, andere dadurch in ihrem Wert herabzumindern; aber ich will es stichwortartig versuchen:

Iwan Turgenjew (1818-1883) z.B. bezeichnete sich als einen „verdammten Goetheaner“ und beeinflusste seinerseits Storm und Fontane. Dichter wie Nikolaj Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) und Fjodor Dostojewski (1821-1881), die in Deutschland ganz wesentlich das Bild vom typisch russischen Menschen geprägt haben – zu Recht oder zu Unrecht, das sei dahingestellt – beeindruckten sehr viele deutsche Dichter; der letztere z.B. beeinflusste Stefan Zweig und Rainer Maria Rilke ebenso wie die Expressionisten Kafka, Brod und Werfel.

Friedrich Nietzsche 1882

Friedrich Nietzsche 1882

Ab 1900 wurde Friedrich Nietzsche bei den russischen Symbolisten und Modernisten zu einem Idol.
Ende des 19. Jahrhunderts beeinflussten die Dichter der deutschen Romantik Alexander Blok (1880-1821), Andrej Belyi (1880-1931) – der ein Goethe-Verehrer und Anhänger Rudolf Steiners war – und andere Dichter aus der „Silbernen Epoche der russischen Poesie“.
Lew Tolstoj (1828-1910) wirkte auf Thomas Mann, Sergej Tretjakow (1892-1939) auf Brecht. Tolstoj und Goethe sind ein eigenes Kapitel, usw., usw., usw.

Und ich habe noch nicht einmal die größten Dichter unserer beiden Völker vollständig aufgezählt; und in der Gegenwart kennst du dich ja wahrscheinlich selbst aus.
Ich will es bei diesen wenigen Stichworten belassen, wir säßen morgen früh noch hier.

Mein Streifzug durch die deutsch-russischen Beziehungen wäre natürlich unvollständig, würde ich nicht die Philosophen Hegel, Feuerbach, Marx und Engels erwähnen.
Über deren Einfluss auf Russland muss ich ja wohl nichts sagen.

Eigentlich ist es schon fast grotesk, dass ausgerechnet das Land, das kein echtes Proletariat nach der Definition von Karl Marx hatte, den Marxismus zur Staatsideologie erhoben hat!
Aber ich sagte ja schon, nicht alles war schlecht, und wenn ich mir heute so manche der frühen Schriften des Karol Wojtyla, des heutigen Papstes Johannes Paul II durchlese …. Aber ich beginne zu sinnieren.

Zu den deutsch-russischen Beziehungen in der Malerei kann ich dir wenig sagen. Aber wie ich von Natascha gehört habe, gerätst du ja in den nächsten Tagen in die Fänge einer jungen, perfekten und noch dazu schönen Kunsthistorikerin; sie kann dir zu diesem Thema mehr sagen als ich.“

„Lieber Piotr, ich danke dir ganz ganz herzlich, deine „Vorlesung“ war beeindruckend, ja sie war spannend. Aber nicht nur das, ich glaube, sie war auch wichtig für mich, und ich hoffe, ich darf dich, wenn ich Fragen habe, wieder belästigen.“

„Hans, es war keine Belästigung, und ich nehme ganz sicher an, dass wir uns noch öfter sehen werden. Dann werde ich einige Fragen an dich haben.“

 

Wir sitzen noch eine Weile zusammen, Natascha quetscht mich über ihre Freundin Galina aus, und ich erhalte unzählige Vorschläge, was ich in Moskau alles besichtigen muss.
Die Kunsthistorikerin ruft an, um zu sagen, dass sie heute nicht mehr kommen kann, und wir vereinbaren einen Termin für einen Besichtigungsmarathon.

Ich werde jetzt erst, einmal bei Nikolai wohnen und von dort Natascha besuchen.
Nikolai kommt mich abholen; dieses Mal aber ohne Auto, wir werden mit Bus und Metro fahren. Das wird ein Spaß werden, mit meinem Gepäck!

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.