Mein Moskau [25] – Endlich der Kreml (Fotos)

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das fünfundzwanzigste Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

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Wir haben noch genügend Zeit, den Kreml zu besuchen.

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Der Kreml ist eine Anlage, dessen fast 2,5 km lange Festungsmauer 28 Hektar umschließen. In der teilweise 8 m dicken und 20 m hohen Mauer sind 20 Türme eingebaut. Die Ursprünge der Anlage, wie sie heute besteht, reichen bis in das 14. Jh. zurück. Mehrere Paläste aus verschiedenen Zeitepochen und fünf Kathedralen, zwei Kirchen und zwei Kapellen, teilweise im Großen Kremlpalast eingebaut, stehen innerhalb dieser Mauern.

Als letzter „Palast“ entstand  1900 ein für mein Empfinden zumindest in dieser Umgebung unpassender, um nicht, zu sagen scheußlicher, moderner Beton-Glas-Aluminium-Bau, der Kongresspalast.
Unter Iwan IV, Ende des 15. Jh. wurde der Kreml Regierungssitz des Zaren und des Patriarchen von Moskau, dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche –der rechtgläubigen Kirche, wie sich selbst nennt.
Zar Peter der Große verlegte 1712 seinen Regierungssitz nach St. Petersburg und 1918 wurde der Kreml in Moskau zum Sitz der Sowjetregierung.

Menschenmengen schieben sich in den Kreml; heute findet ein Neujahrsfest, für Kinder statt. Alles schiebt sich auf dem engen Bürgersteig neben den großen Kathedralen entlang. Auf den riesigen Platz, auf dessen anderer Seite der Große Kremlpalast steht, tritt niemand. Einige „Zivilisten“ mit Trillerpfeife stehen auf dem Platz, und sobald jemand vom Bürgersteig abkommt, gellt eine Trillerpfeife los.

Fotoaufnahmen der herrlichen Kathedralen sind so nicht möglich; nirgends habe ich Verkaufsstände gesehen, an denen man Bilder kaufen kann. Ich muss aber einige Aufnahmen haben; es geht doch nicht, dass ich in Moskau im Kreml bin und keine Aufnahmen machen kann!

Das Getrillere macht mich langsam wütend; wie eine Schafherde werden Menschen zurechtgepfiffen; es fehlen nur noch die Hunde, die bellend neben dieser Herde herlaufen und jeden, der vom Bürgersteig abkommt, in die Waden beißen; und das alles nur, weil in irgendeinem Bürokratengehirn ein Gedanke: nicht zu Ende gedacht  wurde, wenn überhaupt gedacht wurde. Ist der Boden heilig? Oder haben die Angst, dass wir etwas kaputt machen? Diese Trillermännchen vermiesen mir noch meinen Kremlbesuch! Ich brauche meine Bilder, basta!

Bis der mit seiner Trillerpfeife bei mir ist, habe ich mindestens drei Aufnahmen geschossen; ich bin eben schwerhörig, Punktum.

Zügig, mit weitausgreifenden Schritten, schnell, aber so dass es nicht gehetzt aussieht, gehe ich in Richtung Platzmitte; das Trillermännchen ist so verdutzt ob der Ungeheuerlichkeit, dass zuerst keine Reaktion kommt; fast habe ich mein Ziel erreicht, ich drehe mich um und schaue durch meine Kamera, da geht das Getrillere los; als ich einfach weitergehe, mich umdrehe und fotografiere, ist er auch schon im Laufschritt angekommen. Ich entschuldige mich freundlich, sage mein ’nje panemaju pa russki‘, bedeute, dass ich nur ein paar Aufnahmen machen will, und denke jetzt wird Frieden sein; aber nein, er geifert, los, dass ihm schier der Schaum vor dem Mund steht.

Elen und Jane sind in der Zwischenzeit hinzugekommen, er redet auf sie ein; wir gehen.

Auf dem Rückweg frage ich Elen, was er denn eigentlich die ganze Zeit gesagt habe.

„Er hat immer nur gesagt ‚ich bin Offizier, ich bin Major, er muss mir gehorchen!'“, lachen die beiden.

Der staatliche sozialistische Machtapparat hat in der Vergangenheit rücksichts­los, unnachsichtig und undurchschaubar seine Interessen durchgesetzt. Bei allem, was nach staatlicher Autorität aussah, sind die Menschen daher, verständlicherweise, jedem Konflikt aus dem Weg gegangen.

Das hat zu einer resignierenden Unterwürfigkeit  geführt, die die Arroganz all derer, die auch nur einen Schein von staatlicher Autorität zu besitzen glauben, immer größer werden lassen.

Das kann man erleben bei Kellnern in staatlichen Restaurants, Verkäufern in staatlichen Läden, Aufsichtspersonal in der Metro und besonders bei der GAI oder Miliz.

Wo jemand wagt, sich gegen dieses Verhalten zur Wehr zu setzen, werden heftige Gefühle frei.

Aber so wie aus den arroganten VoPos der DDR. inzwischen umgänglichere Polizisten geworden sind, so ändert  sich die Situation auch in Russland. Deutlich sichtbar wird das überall dort, wo Betriebe privatisiert werden oder zumindest eine privatwirtschaftlich orientierte Leitung erhalten.

Meine Aufnahmen habe ich aber immer noch nicht.

Am Ende des Platzes gehen ab und zu Menschen auf die andere Seite. Ich mache das gleiche. Der ‚Herr Major‘ schaut zwar unentwegt in meine Richtung, aber bei so viel Frechheit bleibt, ihm wahrscheinlich die Luft für seine Trillerpfeife weg. Auf der anderen Seite angekommen – Dank sei dem Major, denn diese Stelle ist, zum Fotografieren noch viel günstiger – mache ich meine Aufnahmen; zwei Soldaten kommen auf mich zu, fragen mich etwas, ich bedanke mich ‚Spassiba balschoi‘, sie schauen mich verständnislos an, und ich gehe wieder zurück. Geschafft!

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Dieses kleine Zwischenspiel hat uns nur fünfzehn Minuten gekostet; uns bleibt noch Zeit, einige Kathedralen zu besichtigen.

Die Pracht und den Prunk dieser Kirchen kenne ich ja schon von meiner verunglückten Christmette her; ich bin aber immer wieder von neuem berührt von der Schönheit.

Und Elens Erklärungen nehmen nichts von dieser Faszination, eher im Gegenteil: durch das Wissen, warum etwas so ist, erscheint es mir noch schöner.

Zwei Stunden vergehen auf diese Weise wie im Flug; wir müssen gehen, die Pforten werden für Besucher geschlossen.

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Es ist dunkel geworden, die tief verschneiten Wege im Kreml werden durch Laternen beleuchtet, ein romantisches Bild.

Ein kleines Problem habe ich noch:

Ich möchte mich bei Elen mit einem kleinen Geschenk bedanken. Die Gepflogenheiten des Landes kenne ich zu wenig, um das richtige Geschenk für die passende Gelegenheit, zu finden. Es darf nicht nach Bezahlung aussehen, ich will sie ja nicht beleidigen; zu klein soll es aber auch nicht sein, denn ich will ihr ja eine Freude machen; und in den Verdacht, den ‚reichen, mit Dollars um sich werfenden Onkel aus Amerika‘, zu spielen, will ich auch nicht kommen; andererseits sind 10 Dollar, nach unserer Kaufkraft gemessen, nun wirklich nicht viel; hier sind 10 $ zur Zeit fast ein halbes Monatsgehalt; ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll.

Ich versuche, ihr mein Unwissen und meine Ratlosigkeit zu schildern, und bitte sie, mir zu helfen.

GUM_Weihnachten_innen_(c)_wietek

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Wir gehen ins GUM und kaufen dort ein kleines Geschenk, ganz sicher bin ich mir jedoch nicht, dass ich alles richtig gemacht habe.

In der Metrostation unterhalten wir uns noch über die Möglichkeiten, wie ich ihr bei ihrer Arbeit, über die deutsch-russischen Beziehungen in der Kunst, helfen kann. Ich verspreche ihr, zu helfen.

Wir verabschieden uns; ‚mein Fräulein Professor‘ entschwindet  mit  der Metro.

Wieder bei Nikolai in der Wohnung, erzähle ich von meinen erzwungenen Aufnahmen und dem Herrn Major.

„Oh, oh, Hans“, meint er, „noch vor vier Jahren, säßest du jetzt nicht mehr hier. Irgendwo im Keller des KGB-Gebäudes Lubjanka hinter vergitterten Fenstern wäre jetzt dein Platz.“

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