Mein Moskau [8] – Riga statt Moskau

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das achte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück Bratkartoffeln, Eier, Kartoffelsalat, Brot, Butter und Kaffee mit Zitronenscheibe; etwas ungewohnt, aber es schmeckt.

Igor macht noch die neue Moskauer Adresse und Telefonnummer von Nikolai ausfindig, während ich die ganze Zeit überlege, wie ich es anstelle, heraus­zubekommen, ob es angebracht ist oder vielleicht sogar erwartet wird oder im Gegenteil beleidigend ist, wenn ich ihm irgendeine Summe Geldes gebe; wenn ja, wieviel, ohne einerseits knauserig oder umgekehrt protzig zu wirken. 30 DM z.B. sind für mich nun wirklich nicht viel Geld, in Moskau ist das aber z.Zt. das Gehalt eines Solosängers an der Oper.

Ich löse das Problem, indem ich ihn bitte, mich mit 40 $ an der Einrichtung seiner neuen, zukünftigen Wohnung beteiligen zu dürfen. Mir scheint, ich habe den richtigen Weg gefunden.

Bevor Igor um halb acht zur Arbeit geht, vergewissert er sich telefonisch noch einmal, ob das Taxi auch wirklich um neun Uhr hier sein wird, um mich zum Flughafen Scheremetjewo 1 zu bringen. Dem Himmel sei Dank für diese Eingebung, denn bei dieser Gelegenheit stellt sich heraus, dass der Taxifahrer mich an den falschen Flughafen gefahren hätte, nämlich nach Scheremetjewo 2, den internationalen, statt nach 1; dort hätte ich lange mein Flugzeug nach Riga suchen können!

Der Abschied ist noch herzlicher, als die Begrüßung; zwei „alte, langjährige“ Freunde verabschieden sich mit der Zusicherung, einander wiederzusehen.

Zur verabredeten Zeit steht das Taxi vor der Tür: ein Mercedes 250 S neuester Bauart, ohne Frage ein Sondertaxi für Ausländer-West. Der Fahrer spricht nur Russisch; das hätte heiter werden können, ihm verständlich zu machen, dass wir zum falschen Flughafen fahren; im Übrigen hätte ich es wahrscheinlich gar nicht bemerkt, denn ich wusste bis heute Morgen ja gar nicht, dass es zwei Flughäfen gleichen Namens gibt.

 

Die Fahrt über die breite Autobahn ist abgesehen von den immer wieder auf­tauchenden Schlaglöchern und sonstigen größeren Unebenheiten sehr schön. Es hat in der Nacht weiter geschneit, draußen ist es sehr kalt und die Sonne scheint vom strahlendblauen Himmel.

Wir fahren anfangs durch schier endlos scheinende Hochhaussiedlungen, Trabantenstädten gleich; alle sind zehn bis fünfzehn, teilweise noch mehr Stockwerke hoch, zum großen Teil in der hässlichen Betonplattenbauweise. Aber auch neue, architektonisch schöne, freundliche, aufgelockerte Hochhaus­komplexe aus gelben Klinkersteinen sind darunter – sie sehen aus wie riesige moderne Burganlagen. Es wird überhaupt sehr viel gebaut, und wie es scheint, bevorzugt in diesem neuen Stil.

Und immer wieder sind dazwischen einfache kleine Holzhäuser in den unterschiedlichsten hellen Farben, teilweise Blockhütten ähnlich; die Dachtraufen, Fensterbänke und -Umrandungen sind üppig mit geschnitzten Ornamenten verziert. Sie scheinen bewohnt zu sein und sind in mehr oder weniger gutem Zustand. Manchmal stehen Holzhäuser und Hochhäuser eng nebeneinander, ein seltsam anmutendes Bild: Vergangenheit und Zukunft Russlands auf engstem Raum!

Das Bild ändert sich nach einer Weile. Die Hochhäuser verschwinden, die Holzhäuser nehmen zu, regelrechte kleine Holzhaussiedlungen, ja -dörfer, liegen zwischen lichten Wäldern verstreut, ab und zu steht auch ein kleines Haus aus Stein zwischen den anderen. Jedes Haus ist von einem Stückchen Land umgeben, das offensichtlich auch genutzt wird – in welcher Form lässt sich jetzt im Winter schwer feststellen.

Es sind die „Datschas“ (oder heißt es „Datschen“?) der Moskauer.

Die Straßen sind nicht geräumt, der Schnee ist festgefahren, was aber niemanden zu stören scheint; alle fahren zügig mit normaler Geschwindigkeit, sie scheinen diese Situation gewohnt zu sein.

Immer wieder steht ein Auto, Personen- und Lastwagen, am Straßenrand; der Kopf des Fahrers ist unter der Motorhaube verschwunden und alle versuchen, den Motor zum Arbeiten zu überreden. Manchmal steht auch ein Wagen mitten auf der Straße und der Fahrer füllt in aller Ruhe aus großen Kanistern Benzin nach oder liegt bastelnd unter seinem Auto oder wechselt einen Reifen. Man bleibt offensichtlich dort stehen, wo es der Motor oder welches Teil des Wagens auch immer vorgesehen hat. Den Wagen an den Straßenrand zu schieben, scheint hier nicht üblich zu sein.

Wie ich später erlebe, wird das auch mitten in der Stadt im größten Verkehrs­getümmel so gehandhabt; und aufgrund des biblischen Alters vieler Fahrzeuge kommt das sehr häufig vor. Auch von der Polizei angehaltene Wagen bleiben dort stehen, wo sie gerade sind, es sei denn, sie werden eigens aufgefordert, an den Rand zu fahren, was allerdings auf den meisten Hauptverkehrsstraßen sicher gefährlicher ist, als einfach in der Mitte stehen zu bleiben. Diese Straßen sind nämlich in jeder Fahrtrichtung wenigstens drei- bis vierspurig, wobei höchst selten Fahrbahnmarkierungen zu sehen sind, an die sich doch niemand hält; es fahren einfach so viele Autos nebeneinander, wie die Situation erlaubt; und Lastwagen fahren offensichtlich grundsätzlich in der Mitte. Und was das Erstaunlichste ist, es gesehen trotz aller – in unseren Augen – Regellosigkeit sehr wenig Unfälle.

Im Flughafen angekommen – ein Flughafen wie jeder andere, nur etwas älter, muss ich das erste Mal Geld wechseln, um das Übergewicht meines Gepäcks zu bezahlen. 500 Rubel muss ich bezahlen. Für eine DM bekomme ich 265 Rubel.

„Sic transit gloria mundi“, es gab eine Zeit, da wurde der Rubel ungefähr mit einem Dollar gehandelt! Und das ist noch gar nicht so lange her.

Eigentlich bin ich bisher erstaunlich ruhig, wenn ich bedenke, dass dieser Abstecher nach Riga doch einige Risiken in sich birgt:

Lettland ist seit einiger Zeit selbständig; d.h. ich verlasse Russland, für das ich nur ein einmaliges Visum habe (und ich will ja wieder zurück!), und lande in Lettland, von dem ich nicht weiß, ob ich nicht vielleicht ein Visum für die Einreise haben muss.

Falls schon die üblichen Grenzformalitäten und -kontrollen eingeführt worden sind, kann mir geschehen, dass einerseits mein Russlandvisum durch den Grenzübertritt ungültig wird und andererseits ich von Lettland kein Einreisevisum erhalte; wenn beides geschieht, stehe ich ziemlich dämlich im Niemandsland am Flughafen und meine Reise endet mit dem nächsten Flugzeug umgehend in Deutschland.

Mein Gepäck gebe ich ab; es verschwindet auf dem Rollsteg – ohne Zollkontrolle !!!

Ich gehe zu der angegebenen Wartehalle; nirgends sind Grenz- oder Zollbeamte zu sehen; mein Pass wird nur in Verbindung mit dem Ticket geprüft, für ein Visum interessiert sich niemand. So ganz schlimm kann es also nicht mehr werden.

Ein Problem ergibt sich aber jetzt hier in der Wartehalle: alle Flüge werden nur auf Russisch aufgerufen, keine Spur von Internationalität. – Was ich damals nicht wusste, es war ja auch nur ein Flughafen für Inlandflüge, aller­dings der früheren Sowjetunion. – Ich frage mich mit Händen und Füßen und Englisch durch, wo mein Flug „Aeroflot 2085“ abgeht.

Jetzt zeigt sich, dass die Letten den Russen in der politischen Entwicklung, bezogen auf ihre Eigenstaatlichkeit, doch schon ein Stück voraus sind: Auf russischer Seite heißt dieser Flug noch „Aeroflot 2085“, geflogen wird jedoch mit einer lettischen Maschine und unter der Flugnummer der lettischen Luftverkehrsgesellschaft.

Geschafft!

Die Maschine ist gut zur Hälfte voll, ich bekomme ohne Schwierigkeiten einen Fensterplatz und während ich hier sitze und „mein Gedächtnis auf Kassette spreche“, ziehen unter mir endlose, verschneite Wälder vorbei; ab und zu eine Lichtung aber sonst Wälder, Wälder und nochmal Wälder. Der Himmel ist klar, keine Wolke behindert den Blick auf die Erde.

Je weiter ich nach Norden komme, umso weniger wird der Schnee.

Landung in Riga.

Über Bordlautsprecher kommen die üblichen Anweisungen und die genaue Ortszeit. Hier gilt wieder osteuropäische Zeit, d.h. die Uhr wird eine Stunde zurückgestellt.

Schon beim Verlassen des Flugzeuges fühle ich in meinem Mitteleuropäer-Wintermantel: die freundliche Stimme aus dem Lautsprecher hatte recht, es ist bitter kalt, minus fünfzehn Grad.

Mein erster Eindruck noch auf dem Rollfeld, die wartenden Zubringerbusse und das Flughafengebäude im Blick: Alles sieht sehr skandinavisch aus !?

Ich bin verdutzt, denn das hatte ich nicht erwartet, zumal mich noch vor wenigen Minuten der Stadtkern von Riga, aus der Luft gesehen, an eine deutsche Hansestadt erinnert hat.

Keine kyrillischen Schriftzeichen, sondern lateinische; und ausgesprochen klingen die Wörter eher schwedisch, dänisch oder norwegisch, aber nicht russisch. Es ist eben lettisch.

Ich habe jedoch wenig Zeit, mich in meiner Verwunderung zu ergehen, denn die politische Realität steht in Form eines Grenz- und Zollbeamten vor mir. Er spricht ein bisschen Englisch. Gott sei Dank !

„Pass bitte   Visum?“

„Ich habe kein Visum.“

„Elisabetstraße 12 – Visum.“

Er gibt mir meinen Pass zurück und einen Zettel mit dieser Adresse und wendet sich dem nächsten zu; ich bin anscheinend abgefertigt.

„Vielen Dank, auf Wiedersehen.“

Auch diese Hürde wäre genommen!

Draußen wartet Oksana auf mich mit ihrer Freundin Helena, die fließend und akzentfrei Deutsch spricht.

Es ist ein schönes Gefühl und es schmeichelt meiner Eitelkeit, von zwei so schönen jungen Frauen erwartet und herzlich begrüßt zu werden. „Reiß‘ dich zusammen, mein Freund; mach‘ keine Dummheiten! Du bist erst vor kurzem auf die Nase gefallen! Nicht schon wieder!“ spricht da plötzlich eine innere Stimme ungefragt im unpassenden Moment.

Vor dem Flughafen warten schon die Freibeuter, getarnt als Taxifahrer, auf uns. Oksana und Helena haben für die Fahrt von der Wohnung zum Flughafen umgerechnet 3 $ gezahlt. Der gleiche Weg in umgekehrter Richtung soll jetzt 15 $ und zwar in Dollar kosten; und alle sind sich einig, diese Gauner. Wir erreichen wenigstens, dass wir für diese Summe zusätzlich zur Elisabetstraße gefahren werden.

An der Tür des Konsulats für ausländische Angelegenheiten hängt ein Schild:

„Wir wünschen Ihnen Frohe Weihnachten und ein schönes Neues Jahr. Geschlossen bis zum 3. Januar 1993“

Mir scheint, ich bin zur Illegalität verdammt: offiziell bin ich bisher noch nicht in Russland eingereist, tatsächlich bin ich schon wieder ausgereist, und in Lettland bin ich offiziell auch nicht eingereist.

Vielleicht habe ich das ganze bisher geträumt, in meinem Pass lässt es sich jedenfalls nicht nachvollziehen.

Wahrscheinlich werde ich auch hier wieder ausreisen, ohne eingereist zu sein.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.