Mein Moskau [12] – Unerwartete Erkenntnisse

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das zwölfte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Am frühen Nachmittag kommt Nataschas Onkel, Pjotr Petrowitsch Popov.

Ein großer, schlanker, fast weißhaariger Mann; ich schätze ihn Anfang der Sechziger; er ist gut angezogen, wirkt sportlich; wie er sich bewegt, wie er spricht, erinnert er an einen Diplomaten der alten Schule. Sein Gesicht strahlt Güte, Freundschaft, Wissen, aber auch Humor aus. Er gehört ganz gewiss zu den Menschen, die aufrichtig über sich selbst lachen können, auch wenn man ihm anmerkt, dass er schon frohere Zeiten gesehen hat.

Seine Augen fesseln mich.

Sie sind von einer abgründigen Tiefe, man kann darin versinken, ins Bodenlose fallen; ich habe das Gefühl, die gesamte russische Geschichte mit allem Freud und Leid blicken mich an; es ist aber auch ein wissender, scharfer Blick, aber nicht von der Schärfe, die durchbohrt, zerschneidet, sondern die durchdringt, aufsaugt und dahinter schaut in Güte.

Er spricht wirklich fließend Deutsch aber mit russischem Akzent. Das klingt nicht nur sehr angenehm in meinen Ohren, sondern es hat für mich auch den Vorteil, dass ich in unserem Gespräch nie vergesse, dass ich mit einem Russen spreche.

Auch diese Begrüßung ist herzlich, als ob sich alte Bekannte, die sich lange nicht mehr gesehen haben, wieder treffen; dabei habe ich wirklich das Gefühl, wir kennen uns schon immer und waren nie getrennt.

Wir stellen uns einander vor.

Er bittet aber gleich, dass ich ihn Pjotr nenne, er möchte mich Hans nennen -mit dem „Hans“ hat er etwas Schwierigkeiten, es wird anfangs immer ein „Chans“ oder „Gans“ daraus – und bittet bei dem altvertrauten russischen „Du“ bleiben zu dürfen, denn unser deutsches „Sie“ gehe ihm so schwer von den Lippen.
Ich lache, und sage ihm, dass ich darüber nur froh sein könne, denn „Pjotr Petrowitsch Popov“ sei für mich der reinste Zungenbrecher.

Und schon sind wir mitten im Gespräch, einem Gespräch, das sich mir nahezu als Offenbarung erweisen sollte.

Der Name, sagt er, sei gar nicht so schlimm, wenn man weiß, was er aussagt und wie man ihn handhaben muss:

„Chans, ich heiße also Pjotr Petrowitsch Popov.
Popov, das ist klar, ist mein Familienname, so hieß mein Vater, mein Großvater usw.
Petrowitsch bedeutet „Sohn des Piotr“, .also war der Vorname meines Vaters „Piotr“, wie der meine; Popov ist der Familienname. Das heißt zu Deutsch ‚Peter, Sohn des Peters, Popow‘.
Meine Schwester hieß Alexandra Petrowna Popov, zu Deutsch: Alexandra, Tochter des Peters, Popov.
Mit dem Nachnamen redet man in Russland nur deutlich höhergestellte Personen an, zu denen man sonst überhaupt keinen Kontakt hat: z.B. den Firmenchef, dem man nur einmal im Jahr in der Fabrik begegnet, oder anderen Persönlichkeiten, zu denen man Distanz wahren möchte. Hier wird in der Anrede auch das seltenere „Sie“ im Russischen gebraucht. Wenn man über jemanden spricht, den man nicht kennt und zu dem man auch keine innere Beziehung hat, benutzt man ebenfalls den Familiennamen. Schon der Abteilungsleiter einer Firma wird von seinen direkten Untergebenen aber mit Vor- und Vaternamen angesprochen und je nachdem, wie gut man ihn kennt mit „Du“ oder „Sie“.
Bekannte und auch indirekt Bekannte werden ausschließlich geduzt und je nach Bekanntheitsgrad nur mit Vornamen oder zusätzlich mit dem Vaternamen angeredet.
Bei Freunden ist es sicher auf der ganzen Welt gleich. Es ist also ganz einfach.“

Die Art und Weise, wie er das erzählt, nicht im Geringsten schulmeisterhaft, mehr wie eine lustige Geschichte, macht, mir Mut, auch persönlichere Fragen nach seinen Lebensumständen heute zu stellen:

„Piotr, wir hören in Deutschland in unseren Nachrichten eigentlich nur Katastrophenmeldungen über Russland.
Angeblich gibt es nichts zu kaufen; die Menschen stehen stundenlang Schlange, um wenigstens Grundnahrungsmittel zu kaufen, usw., usw. Darf ich Dich fragen, wovon du lebst und wie du davon lebst?“

„Natürlich darfst du es, das ist kein Geheimnis. Ich bekomme eine Rente….“

„Du bekommst schon Rente?“

„Natürlich bekomme ich schon eine Rente, ich bin schließlich 71 Jahre alt; meine Frau, sie ist zwar erst 61 Jahre, bekommt aber auch schon eine Rente; zusammen haben wir z.Zt. im Monat 6000 Rubel, wenn du bedenkst, dass ein Pfund Butter momentan 700, ein halbes Pfund Brot 200 und ein Liter Milch in den staatlichen Läden 30 Rubel kostet, kannst du dir ausrechnen, wie weit wir kommen; oft sitzen wir am Monatsende zusammen und wundern uns, wie wir diesen Monat überstanden haben.
Es wird aber besser werden, denn die Renten werden bald erhöht. Und irgendwie geht es immer.
Deswegen siehst du ja so viele Menschen in Moskau immer mit irgendeiner Tasche oder Tüte herumlaufen; man muss immer bereit sein, wenn es irgendwo etwas günstig zu kaufen gibt.
Es gibt schon alles, nur nicht für alle; nicht alle können es kaufen; wir Rentner können nicht auf dem freien Markt einkaufen gehen, da ist unser Monatsgeld bei ein bis zwei Einkäufen weg.
Aber gehe einmal auf einen der Rinoks, der freien Märkte, dir werden die Augen übergehen: es gibt alles, alles, was das Herz begehrt. Wir können aber nicht für ein Kilo Fleisch oder Wurst oder Gemüse 2000 Rubel bezahlen.
Für dich ist es wahrscheinlich das Paradies. Für eine Deutsche Mark bekommst du jetzt fast 300 Rubel; rechne aus, was dich ein Kilo Rindslende kostet.“

„Nicht ganz sieben Mark!“

„Aber Hans, eta normalna.
Und warum wunderst du dich, dass vor den Geschäften Schlangen stehen? Wo viele Menschen einkaufen, muss man lange warten, eta normalna.
Das ist das wichtigste und erste Wort, das du auf Russisch lernen musst: „Otscherit“, überall ist otscherit, wenn du einkaufen gehst, wenn du zu einer Behörde gehst, überall ist otscherit. Schon wenn wir geboren werden, ist otscherit, wenn wir sterben auch, und ich glaube, wenn wir zu unserem Herrgott wollen, wird da auch otscherit sein.
Otscherit, das geht so:
Du kommst irgendwohin, viele Menschen warten, dann fragst du ‚wer ist der Letzte‘, der meldet sich, du schaust ihn dir gut an; kurz danach kommt wieder jemand, der stellt die gleiche Frage, dann meldest du dich; jetzt brauchst du nur noch zu warten, bis dein Vordermann an der Reihe ist, dann ist es auch für dich soweit. Wenn du allzu lange warten musst, kannst du auch noch etwas anderes erledigen gehen; du kennst ja deinen Vordermann, und der nach dir, kennt dich.
Wenn wir einmal gestorben sind und der da oben fragt uns ‚was hast du da unten gemacht‘, werden wir sagen ‚otscherit‘.“

„War das denn schon immer so?“

„Otscherit war schon immer, solange ich zurückdenken kann. Es gab aber nicht immer alles zu kaufen.
Vieles, was es heute auf dem Rinok gibt, gab es nicht, oder nicht in dieser Qualität. Westwaren gab es gar nicht; heute kannst du sie in vielen Geschäften kaufen, jedoch fast ausschließlich für DM oder Dollar, die früher aber auch niemand haben konnte und durfte.
Dafür ist aber alles teurer geworden, auch in den staatlichen Läden, deren Qualität, zugegeben, auch etwas gestiegen ist.
Die Löhne und vor allem die Renten haben aber mit den Preisen nicht mitgehalten! Das ist das Problem.
Früher zu kommunistischen Zeiten, ist es, abgesehen von den Apparatschiks, allen gleich gut oder gleich schlecht gegangen. Heute bilden sich zwei Klassen heraus:
Die, die auf legalem oder illegalem Weg mit der Entwicklung Schritt halten können und auf diese Weise langsam zu materiellem Wohlstand gelangen, und die, die diese Chance nicht mehr haben – sei es verschuldet oder unverschuldet – und die bedürfen dringend eurer Hilfe aus dem Westen, denn sie kämpfen teilweise wirklich um ihre nackte Existenz.
Und in dieser Zweiteilung liegt eine große Gefahr! Sie ist Wasser auf die Mühlen der Altkommunisten, denn die nützen die Situation, die sie letztlich zu verantworten haben, heute schamlos aus.“

„Aber du wirst mir doch sicher Recht geben, dass diese Leute heute keine Chance mehr haben. Das Selbstbewusstsein der Bevölkerung ist doch so stark gestiegen, dass selbst Betonköpfe in der Militärführung mit dieser neuen Situation rechnen müssen und auch tatsächlich rechnen! Gorbatschow, auch wenn er nicht mehr aktiv ist, und Jelzin sind doch in der Bevölkerung unumstrittene Persönlichkeiten! Sie haben doch die politische Freiheit gebracht!“

„Siehst du Hans, das ist schon wieder das nächste Problem: Bei euch im Westen werden sie, besonders Gorbatschow, fast wie Heilige verehrt; sie haben – und hier auch wieder zuerst Gorbatschow, den ich übrigens auch für eine ganz große Persönlichkeit halte – nicht nur die politische Freiheit gebracht, sie haben auch euch die Angst vor der Konfrontation genommen. Das ist für euch alles.
Es ist auch für uns unermesslich viel! Das Leben in Unfreiheit war schrecklich und kann nur der ermessen, der es einmal mitgemacht hat.
Du gehörst zu der Generation, die das nie erlebt hat.
Ich will dir mal einen russischen Witz erzählen, vielleicht kannst du es dann besser nachempfinden:

Zwei alte Bekannte treffen sich nach vielen, vielen Jahren in Moskau auf der Arbatskaja, der großen Einkaufsstraße Moskaus, wieder. Sie begrüßen sich überschwänglich, dann fragt der eine:
„Sag‘ Piotr Alexejewitsch, wo hast du solange gesteckt, was hast du die ganze Zeit gemacht?“
Mit betretener Miene antwortet der: „Ich war acht Jahre in Sibirien.“
„In Sibirien? Weshalb in Sibirien? Was hast du gemacht?“
„Wegen Faulheit.“
„Wegen Faulheit? Nje was moschne! Nicht möglich; bei uns in Russland doch nicht!“
„Doch; und das kam so: Ich saß mit Freunden an einem Abend zusammen, wir haben getrunken, waren lustig, und nach einer Weile, du weißt wie das ist, hat einer einen politischen Witz erzählt; wir haben fürchterlich darüber gelacht. Auf dem Nachhauseweg habe ich zu mir gesagt ‚Piotr, du musst jetzt zum KGB gehen und das melden‘. Aber ich war müde und dachte mir ‚gehst du gleich morgen früh‘.
Am nächsten Morgen, ganz zeitig, ich lag noch im Bett, poltert es an meiner Tür; der KGB ist da, nimmt mich sofort mit, und schon war ich in Sibirien.“
„Ja, aber, wie kam denn das?“
„Ein anderer Freund war nicht so faul wie ich, der ist noch am selben Abend zum KGB gegangen!“
So war es wirklich, Hans!

Aber zurück zu eurem „heiligen“ Gorbatschow und „heiligen“ Jelzin: Ihr seht nur, dass eine schreckliche Zeit zu Ende gegangen ist, und empfindet zu Recht, wie natürlich auch wir, große Freude darüber; aber wir, die Menschen heute, tragen jetzt die Last der Fehler der Politiker, und du wirst verstehen, dass unsere Freude nicht ungetrübt sein kann.“

„Aber da können doch Gorbatschow und Jelzin nichts dafür! Es muss doch jeder einsehen, dass auch sie nicht zaubern können; vor allem dann, wenn noch viele alte Machtstrukturen um ihr Überleben und damit gegen die Reformen kämpfen!“

„Nun, abgesehen davon, dass auch die Reformer – wie alle Menschen – Fehler gemacht haben, taucht hier ein psychologisches Problem auf: seit vielen Generationen sind unsere Menschen in dem politischen Bewusstsein – es war eigentlich schon eher eine Doktrin – erzogen worden, dass die „Führer des Volkes“ – ich wähle diese Bezeichnung bewusst – fraglos und mit Recht die Geschicke unseres Volkes leiten.
Das hatte zwangsläufig zur Folge, dass das Volk auch für alles die Führung verantwortlich gemacht hat, auch und natürlich besonders für die Misserfolge was natürlich niemand auch nur laut denken durfte, denn offiziell gab es keine Misserfolge.
Dieses Bewusstsein lässt sich nicht von heute auf morgen abschalten, zumal es der Bequemlichkeit der Menschen sehr entgegenkommt.
So unumstritten wie bei euch sind unsere Reformer auch bei unserer reformwilligen Bevölkerung daher nicht, auch wenn niemand zurzeit eine Alternative sieht.“

„Ich habe vorhin, als du über unsere Freude über die zu Ende gegangene schreckliche Zeit gesprochen hast, so etwas wie eine Anklage herausgehört und empfunden. Ist es nicht so, dass gerade wir Deutschen es eben nicht nur bei der Freude darüber belassen, sondern euch sowohl auf privater wie auch auf politischer Ebene finanziell und ideell kräftig unterstützen?“

„Hans, ich möchte nicht missverstanden werden!
Gerade was ihr Deutschen an privater Unterstützung für unsere Ärmsten der Armen leistet ist wunderbar und rührt viele von uns oft zu Tränen! Nach der Indoktrination der vergangenen Jahrzehnte haben das die wenigsten von uns erwartet.
Aber warum wird staatlicherseits immer nur von vielen, vielen Millionen geredet, uns Hoffnung gemacht. Angekommen ist bisher fast nichts!
Und bei dem schon angeborenen Misstrauen unserer Bevölkerung gegenüber ‚den da oben‘ wird es dann irgendwann gerade unseren Reformern zur Last gelegt; niemand wird glauben, dass nichts gekommen ist, sondern dass es wie immer in undurchsichtigen Politikerkanälen verschwunden ist.
Und es gibt da noch ein Problem:
Vor kurzem hat so ein altkommunistischer Kommisskopf laut verkündet:
‚Wir brauchen das Geld des Westens nicht, wir machen uns nur zu Sklaven des westlichen Finanzmonopols, seht euch die Entwicklungsländer an!‘
So ganz verkehrt liegt der Mann leider gar nicht. Uneigennützig ist diese Hilfe nicht, ich meine die staatliche Hilfe. Sicher ist wirtschaftliche Zusammenarbeit vieler Firmen zu beiderseitigem Vorteil wichtig, noch wichtiger aber wäre eine Liberalisierung des Handels, damit wir die Möglichkeit bekommen, uns selbst zu helfen.
Und, eine kritiklose Übernahme des westlichen Wirtschaftssystems ist für uns im Übrigen nicht nur nicht wünschenswert, sondern aufgrund unserer eigenen Kultur, Tradition und Mentalität der Menschen gar nicht möglich, wenn es nicht eines Tages zu einer neuen Katastrophe kommen soll. Nicht alles im Kommunismus war schlecht, wie nicht alles bei euch gut ist. Und was sind schon diese 70 Jahre Kommunismus bezogen auf die Geschichte unseres Volkes!
In unserer Kultur liegen Werte, die es wirklich gilt, in das Neue, das Kommende einzubinden.
Wir müssen einen neuen eigenen Weg finden, und uns darin zu unterstützen, das wäre wahre Freundeshilfe; und Hans, ich spreche nicht nur für mich, ich spreche für einen großen Teil der Intelligenz, nicht nur der alten, auch der jungen, wenn diese Hilfe aus Deutschland käme, wären wir froh.“

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.