Mein Moskau [5] – Abenteuer Speisewagen

SpeisewagenSpeisewagen
image_pdfimage_print

[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das fünfte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

Meine Hoffnung, dass durch die breitere russische Spur das Schaukeln der Wagen geringer würde, hat sich nicht erfüllt; im Gegenteil, es scheint schlimmer geworden zu sein; dafür schleichen wir jetzt so langsam durch die zugegeben sehr schöne Gegend, dass, wenn Sommer wäre, ich versucht wäre, auszusteigen, um während der Fahrt Blumen zu pflücken.

Der Himmel ist zwar blau, die Sonne scheint strahlend, so dass mir hinter meinem Doppelfenster sehr warm wird, draußen jedoch liegt Schnee und herrscht klirrende Kälte: Bäche und selbst breite Flüsse sind bis auf ein schmales Rinnsal in der Mitte zugefroren. An vielen Stellen auf den Eisflächen haben Männer Löcher in das Eis geschlagen und angeln. Wird hier eigentlich aus der Not eine Tugend gemacht oder ist es ein offensichtlich beliebter Volkssport? Wahrscheinlich trifft beides zu.

In einer Kurve kann ich durch mein Fenster erkennen, dass jetzt zwei dieser Lokomotiven-Ungetüme unseren Zug gemächlich in die vor uns liegenden, tief  verschneiten Karpaten hinaufziehen.

Wir kommen an vereinzelt liegenden Dörfern vorbei: sie bestehen fast ausschließlich aus Holzhäusern, teilweise nach dem Blockhüttenprinzip gebaut; erstaunlich ist ihre Farbenfreudigkeit, helle, freundliche Farben wie blau, rosa, gelb, grün in buntem Durcheinander in der weißen Landschaft.  Um die einzelnen Häuser sind Gärten angelegt, die durch Staketenzäune voneinander getrennt sind. Häufig kann ich Brunnen mit Pumpen und Ziehbrunnen erkennen, aus denen Frauen trotz der klirrenden Kälte mit Eimern Wasser schöpfen; aus meinem warmen Abteil gesehen ein idyllisches Bild. Je höher wir in die Berge hinaufkommen, um so seltener werden die Anzeichen menschlicher Besiedlung, um uns herum nur noch die tief verschneiten Gipfel der Karpaten im strahlenden Sonnenschein unter einem schon postkartenkitschig blauen Himmel.

Auf der anderen Seite der Karpaten geht es fast genau so gemütlich hinunter, wie vorher hinauf; erst in der Ebene wird aus unserem Bummelzug wieder ein Fernschnellzug.

17 Uhr, Helena, Bernd und ich beschließen, in den Speisewagen zum Essen zu gehen, besser: uns auf die Reise zum Speisewagen zu machen; es ist ein  Erlebnis!

In diesem fahrenden Zug zu laufen, erfordert wahrlich eine ganz besondere Übung; durch das Geschüttle und Gerüttle des Wagens fühle ich mich wie die Kugel in einem Flipper-Automaten, ich werde von einer Wand zur anderen geschleudert.

Zwischen den einzelnen Waggons sind jeweils zwei Schiebetüren, die schon von sich aus schwer aufgehen, unter den besonderen Fahrbedingungen jedoch erfordert es ein Übermaß an Kraft und Geschicklichkeit; Mut erfordert es im Übrigen auch, da die Türen, sobald der Kraftaufwand etwas nachlässt, sofort mit brachialer Gewalt zuschießen; zwei in den Kurven sich gegeneinander verschiebende Eisenbleche ermöglichen den Übergang zur Tür des nächsten Waggons.

Zum gefährlichen Abenteuer wird dieser Übergang gar, wenn die Ebenen zweier aneinander grenzender Waggons unterschiedlich hoch sind: der Fahrtwind treibt den Schnee in den Übergang, die beiden Bleche haben dann einen Höhenunterschied von ungefähr 30 cm (die Schienenschwellen jagen unter den Füßen hindurch), mit einer Hand halte ich die erste Tür, um mit der anderen Hand die zweite Tür zu öffnen, immer in der Angst auf dem Schnee auszurutschen und enge Bekanntschaft mit den Schienenschwellen zu machen.

Jetzt erkenne ich aber erst, wie großzügig ich in meinem 1. Klasse-Abteil wohne. In der 2. Klasse schlafen in jedem Abteil vier Personen, jeweils zwei übereinander, wobei die Abteile genau so groß sind, wie meines. Der Mief, ja der Gestank in diesen Wagen, in denen auf dem Gang auch unentwegt geraucht wird, ist entsetzlich; ich habe den Eindruck, dass die Toiletten auf den Gang hin entlüftet werden. Helena klärt mich jedoch auf, dass diese spezielle Duftnote im Wesentlichen von den russischen Zigaretten herrührt.

Auf einer der beiden Plattformen eines jeden Wagens liegt immer ein mehr oder weniger großer Haufen Kohle vor einem Heizkessel; d.h.  die Wagen werden nicht zentral und nicht elektrisch, sondern jeder für sich mit Warmwasser durch Kohlefeuerung geheizt!

Der Speisewagen muss wohl am anderen Ende des Zuges liegen, unsere Reise will kein Ende nehmen, am liebsten würde ich wieder umkehren. Geschafft! Ein Raum mit fünf Plastiktischen und -bänken, der Duft eine Mischung aus abgestandenem Küchenmief gemischt mit 2. Klasse Schlafwagennormalaroma.

Mit der Wahl unseres Essens haben wir keine Qual: es gibt nur Tomatensalat und eine Suppe mit Brot; zum Trinken können wir wählen zwischen Piwo (russisches Bier) und einem undefinierbaren, widerlich süßen, knallig roten Limonadengetränk ohne Kohlensäure. Der Tomatensalat besteht aus drei Scheiben Tomaten, auf der Suppe schwimmt eine dicke Fettschicht, darunter etwas Gemüse und Fleisch. Beides schmeckt nicht schlecht, die Suppe riecht allerdings sehr unangenehm, denn das Fleisch entpuppt sich als klein geschnittene Nierchen, die ganz sicher vor dem Kochen kaum gewässert worden sind.  Das Essen der Suppe gestaltet sich ohnehin schwierig, da sie bei diesem Geschaukle einfach nicht im Teller bleiben will und der Löffel auch des Öfteren in meinem Bart statt dem Mund landet. Nach der Hälfte gebe ich entnervt auf.

Wir begeben uns auf die Rückreise, die leider auch nicht kürzer ist, als die Hinreise.

Endlich wieder in meinem Abteil! Es tut gut, wieder zu sitzen!

Leider währt diese Zufriedenheit nicht lange, denn ich spüre, dass mein Magen mit seinem Inhalt nicht einverstanden ist. Der Protest des Magens wird immer drückender und heftiger; ich befürchte eine Revolution.

Meine Überlegung: 75 Jahre haben es die kommunistischen Machthaber geschafft, das Volk ruhig zu halten, sie müssen bei aller Duldsamkeit dieses Volkes doch ein Geheimmittel gehabt haben. Sie hatten! Wodka!

Die anarchistischen Bestrebungen meines Magens werden derartig heftig, dass mir nur noch eine Möglichkeit bleibt: eine zweite Reise zum Speisewagen, um das Geheimmittel zu kaufen!

Warum muss der nur am anderen Ende des Zuges sein! Wahrscheinlich haben sich die noch-kommunistischen Bürokraten gedacht „wer 1. Klasse fahren kann, soll dafür wenigstens beim Gang zum Speisewagen das Leben des Normalbürgers kennenlernen und für seine Klassennonkonformität büßen“.

Ich glaube, ich erreiche den Speisewagen nie!

Angekommen!…………… Geschlossen!!!!!

Das darf nicht wahr sein! Zurück, marsch, marsch!

Auf dem Rückweg werde ich einige Male angesprochen, ob ich Dollar in Rubel tauschen will. Nach dem fünften Mal, schon fast wieder in meinem Abteil, werde ich ärgerlich:

„Ich will nicht wechseln, ich brauche Wodka!“

„Nje problema,……….. zwei Dollar.“

Das hätte ich also einfacher haben können. In meinem Wagen angekommen, treffe ich meinen Schaffner, der mir freudestrahlend mitteilt, dass ich von ihm, wenn ich noch mehr Wodka brauche (wofür hält der mich?), auch einige Flaschen kaufen kann.

Mir ist schlecht; der Gestank der Suppe, der aus meinem Bart kommt, ist grauenhaft.

Es wird erzählt, in Russland trinke man Wodka aus Wassergläsern, das kann ich auch: ein halbes Glas dieser „Medizin“, die Wirkung lässt“ nicht lange auf sich warten, mir geht es deutlich besser!

Es ist halb neun, ich gehe schlafen.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.