Mein Moskau (39) – Mafia, Mafia und Schneetreiben

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das neununddreißigste Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Ich muss zurück nach Deutschland. Diesmal auf dem schnellsten Weg.

Flughafen Scheremetjewo 2, Moskau – Leipzig, mit Aeroflot, 390 $.
11.10 Uhr MZ Abflug, 11.55 Uhr MEZ Ankunft, Flugzeit 2 Stunden 45 Minuten
IC von Leipzig 13.13 Uhr, Nürnberg an 17.18 Uhr.
So sieht mein Fahrplan aus.

In der vergangenen Zeit habe ich viele Gespräche mit Direktoren Moskauer Firmen geführt, die Verbindung zu deutschen Firmen suchen, um Geschäftsbeziehungen aufzubauen.

Und wie Piotr mir schon Anfang des Jahres gesagt hatte, sind wir Deutsche nicht nur aus wirtschaftlichen Erwägungen die bevorzugten Partner in Russland. Es ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das uns verbindet und dessen Wurzeln verzweigt sind. Natürlich spielen wirtschaftliche Gründe eine große Rolle – wäre es anders, so wären sie schlechte Geschäftsleute, aber bei gleich guten Bedingungen werden deutsche Partner bevorzugt. Zwei Reiseunternehmen, eine Moskauer Schmuckfirma und ein Künstlerkreis aus Gschel – in der Bedeutung vergleichbar mit Meißen, die Majoliken herstellen, bieten sich als Partner an.
In meinen Koffern habe ich traditionellen russischen Schmuck mit Halbedel- und Schmucksteinen und Schmuckschatullen aus dem Ural für 1200 DM. Hoffentlich bekomme ich am Zoll keine Schwierigkeiten.

Um 9.00 Uhr sind wir am Flughafen.
Um nicht allzu viel Tränen fließen zu lassen, verabschieden wir uns schnell wir werden uns ja bald wiedersehen, dann in Deutschland.

An der Zollkontrolle wird mein Gepäck geröntgt. Den Schmuck muss ich, wie nicht anders zu erwarten war, auspacken. Der Zöllner schaut sich alles an, nickt mir sein ‚Einverstanden‘ zu, ich kann gehen. Das war’s!

Mein Gepäck hat jedoch Übergewicht, 40 $ soll ich bezahlen! Kommt nicht in Frage, ich nehme eine Reisetasche als Handgepäck mit mir ins Flugzeug.
Hier ist viel Platz; die Hälfte der Plätze ist leer.

In Leipzig angekommen, versuche ich Geld zu wechseln oder von der Bank abzuheben – ich habe nur noch Dollar.

Keine Bank ‚arbeitet‘, auch nicht am Flughafen, es ist Sonntag! Das wäre mir in Moskau nicht passiert. Hier ist eben doch Provinz.
Ich klage dem Busfahrer, der mich zum Hauptbahnhof bringen soll, mein Leid; verständnisvoll lässt er mich schwarzfahren.
Zum Dank erzähle ich ihm während der Fahrt von Moskau.

Am Abend bin ich bei meinen Töchtern zu Hause.
Es herrscht große Freude, wir haben uns sehr gefehlt.
Ich packe den Schmuck aus. Meine Töchter sind begeistert.
Als ich jedoch den Schmuck aus der zweiten Reisetasche hervorholen will, trifft mich der Schlag. Der ganze Schmuck ist weg!
Drei Schatullen sind noch da, aber leer! Alles andere ist geklaut.
Schmuck im Wert von 700 DM! Das war ein teurer Flug.
Da durchsuchen diese verfluchten Kakerlaken-Mafiosi doch tatsächlich das aufgegebene Gepäck nach Wertsachen!
‚Hans, du bist ein Idiot! Hast du noch nie gehört, dass man auf Reisen, wohin auch immer, Wertsachen grundsätzlich bei sich tragen soll?‘

Mein Trost, der mir den Schmuck zwar auch nicht zurückbringt, der mir jedoch zeigt, dass nicht, nur ich ein ‚Naivling‘ bin:
Wenige Tage später wird auf der gleichen Strecke einer deutschen Ministerin der Schmuck gestohlen. Sie – oder ihre Versicherung – verliert jedoch mehr: zehntausend Mark.
Ich befinde mich also in guter Gesellschaft.

 

Ев ist Ende September.

Seit meinem ‚lehrreichen‘ Rückflug war ich noch zweimal in Moskau, immer mit dem Wagen und immer ohne den geringsten Zwischenfall.
An der polnisch-russischen Grenze bezahlte ich jedes Mal meine obligatorische ‚Ausreisegebühr‘ an die polnische Grenzmafia.
– Die wirtschaftliche Situation in Polen scheint nicht schlecht zu sein, denn der Preis ist stabil geblieben. –
In Russland herrscht Inflation, aber mein russischer Fahrer hatte seinen Preis dennoch nicht erhöht; wahrscheinlich wusste er, dass er mit seiner Forderung an der Schmerzgrenze lag. Ungefähr 26 Stunden dauerte die Fahrt jedes Mal.

Während meines Aufenthalts in Moskau stand mein Wagen – wie alle anderen auch – im von außen frei zugänglichen Hof zwischen den Wohnblocks vollkommen unbehelligt, trotz deutschem Nummernschild, das ja angeblich ‚freigegeben zum Stehlen‘ bedeutet. – Ausländische Wagen sind bei der GAI nicht registriert und können daher angeblich nicht wiedergefunden werden. – Ich bin in dieser Zeit, wann es auch immer ging, mit ‚meiner‘ Metro gefahren.

Heute Morgen bin ich um 2.30 Uhr losgefahren; im Kofferraum zwei leere Kanister à 30 Liter, die ich kurz vor der polnisch-russischen Grenze zusätzlich zum Tank noch gefüllt habe, denn in Polen kostet der Liter Diesel nur 60 Pfennige, und in Weißrussland gibt es im Augenblick auf der ganzen Strecke weder Benzin noch Diesel. Mit 100 Litern werde ich aber ganz sicher bis Moskau keine Probleme bekommen.

Um 15.30 Uhr bin ich jetzt auf der russischen Seife bei Brest, nachdem ich auf der polnischen Seite wie immer meinen ‚Obolus‘ bezahlt habe. Diesmal erwartet mich Nikolai!
Es ist nicht nur schöner, ihn schon hier zu treffen und mit ihm die restliche Strecke zu fahren, ich spare auch die 300 $ für den Fahrer.

 

Nikolai kommt sofort auf mich zu.
Wie immer liegen wir uns in den Armen und freuen uns, uns wiederzusehen. Der Arme ist ganz durchgefroren, denn er hat viele Stunden in der für diese Zeit ungewohnten Kälte gewartet. Das nächste Mal werden wir uns im Bahnhof von Brest treffen!

Merkwürdig, wie sehr ich mich an diese herzliche Begrüßung unter Freunden gewöhnt habe. Nicht dass ich mich nur der russischen Begrüßungszeremonie angepasst hätte, nein, es ist mir ein Bedürfnis, meiner Freude auf diese Weise Ausdruck zu geben.
Schon einige Male habe ich Freunde in Deutschland ganz spontan ebenso begrüßt, was zwar keine Ablehnung, jedoch Verwunderung hervorgerufen hat. Warum fällt es uns nur so schwer, Gefühle zu zeigen? Wovor haben wir nur Angst?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht fiele uns manches leichter in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, wenn wir unser Gefühl mehr zeigen würden.
Vielleicht empfände mancher unsere Welt weniger kalt; vielleicht würde mancher, besonders Jugendliche, sich nicht in Drogen, von Alkohol bis Heroin, flüchten!?
Ich bin sicher.

 

Nikolai übernimmt, das Steuer, und solange es noch hell ist, kann ich die Landschaft genießen:
Es ist eine sehr schöne, eine – wie wir sie uns vorstellen – typisch russische Landschaft mit lichten Birkenwäldern, dazwischen Moore, kleine Seen und Sümpfe, ein endloser Horizont. Dann wieder Wiesen und Weiden, vereinzelt Kiefernwäldchen.
Die Sonne steht schon sehr tief hinter uns und taucht, alles in ein weiches, in ein romantisches Licht, einem Gemälde von Caspar David Friedrich gleich. Vereinzelt stehen Bäuerinnen am Straßenrand und bieten Äpfel an. – In Polen wurden auf dieselbe Weise Pilze angeboten; für drei Mark habe ich ungefähr zwei Kilo eingekauft. – Jetzt möchte Nikolai Äpfel nach Moskau mitnehmen. Die beiden ‚Babuschkas‘ (Großmütterchen), bei denen wir halten, sind ganz glücklich, weil wir ihnen alle Äpfel abkaufen, und den Kofferraum bis zum Geht-nicht-mehr zuschütten.
Langsam wird es dunkel, und ich versuche zu schlafen.

Wir sind einige Stunden gefahren, da werde ich aus meinem vor-mich-hin-Dösen geschreckt. Bisher schien es, dass wir fast allein auf der Straße seien, und jetzt stehen wir plötzlich in einem Stau! Rechts und links von uns in mehreren Spuren Last- und Personenwagen in einem wilden Durcheinander. Jeder versucht nach der Methode ‚drive as drive can‘ vorwärts zu kommen, jeder ist sich selbst der Nächste. Die Personenwagen schlagen sich im wahrsten Sinn des Wortes seitwärts durch die Büsche und versuchen, an den Lastwagen vorbeizukommen; es regnet, mir wird angst und bange, dass meine Nachbarn in uns hinein rutschen.
„Was ist los, Nikolai?“
„Alles normal Hans, es ist nur die neue Grenze zwischen Weißrussland und Russland.“
‚Alles normal‘, naja; hoffentlich werden wir in diesem Abgasgestank nicht übernachten!
Auf absolut undurchschaubaren Wegen haben wir nach einer halben Stunde auch diese Grenze passiert.

Ungefähr drei Stunden vor Moskau, im Smolensker Hügelland (zwischen 200 und 300 m hoch), ich habe Nikolai vor einer halben Stunde abgelöst, fängt es an zu schneien!
Das darf nicht wahr sein!
Zehn Zentimeter Schneematsch auf der Straße, Flocken dick wie Wattebällchen, und das mit Sommerreifen! Ende September, wer denkt da schon an Schnee?
Das kann heiter werden!
Zwei Stunden dichtes Schneetreiben.
Kurz vor Moskau, wieder im Flachland, geht der Schnee in Regen über.

Moskau!
Ich habe es wieder einmal geschafft!
6.30 Uhr MZ. 26 Stunden hat die Reise wieder gedauert.
Mir fehlen ein paar Stunden Schlaf; die werde ich jetzt nachholen.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.