Mein Moskau [13] – Welches ist die höchstgelegene Stelle in Moskau?

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das dreizehnte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Dieses Gespräch, oder besser gesagt Piotrs Erklärungen, haben mich so gepackt, dass ich darüber vollkommen die Zeit vergessen habe. Natascha kommt herein und bietet Tee an.

Ich muss mich richtig fragen, wo ich bin; ich tauche aus einer anderen Ebene wieder in die praktische Gegenwart auf.

„Hans, lass unsere Gedanken nicht, zu tiefsinnig werden, lass uns Tee trinken; ich erzähle dir noch einen Witz:
Zu Chruschtschows Zeiten, als einmal für kurze Zeit Tauwetter in unserem Land herrschte, geschah Folgendes:

In einem Moskauer Gerichtsgebäude kommt ein Richter aus einem Sitzungssaal und lacht fürchterlich, er schüttelt sich schier vor Lachen. Draußen auf dem Gang begegnet er einem Richterkollegen, der natürlich wissen will, was los ist.
Mit Tränen in den Augen vor lauter Lachen sagt ihm dieser „Ich habe gerade einen Witz gehört, der war das Beste, was ich je gehört habe.“
Sein Kollege will natürlich sofort den Witz hören; aber der andere winkt lachend ab:
„Geht nicht, ich habe dafür gerade 20 Jahre Sibirien gegeben.“

Und noch einen, Hans?
Welches ist die höchstgelegene Stelle In Moskau?
Weißt du nicht? Natürlich die Keller in der berüchtigten Lubjanka:
Von dort kann man bis nach Sibirien schauen.“

Und da sagt man. die Engländer seien die Erfinder des schwarzen Humors!

Die Persönlichkeit von Piotr hat mich derartig gefangen genommen, ich bin wie unter Drogen, ich kann nicht aufhören, ich muss ihm noch weitere Fragen stellen.

„Was ich nicht verstehe, Piotr, wie kommt es, dass du so gut, grammatikalisch richtig, Deutsch sprichst? Das kann nicht daran liegen, dass du irgendwann einmal Deutsch gelernt hast, du musst lange Deutsch gesprochen haben, um so perfekt zu sprechen, ja ich glaube, du denkst auch in Deutsch.“

„Vielen Dank für dein Lob, Hans; ich glaube, dazu muss ich dir meine Geschichte erzählen, eine Geschichte, die gar nicht so einzigartig ist, und von der du vieles auch auf andere Menschen bei uns übertragen kannst: Wie ich vorhin schon gesagt habe, ich bin jetzt 75 Jahre alt; ich stamme aus einer Familie alter russischer Intelligenz, wie man bei uns sagt. Mein Vater war Professor für Kunstgeschichte an der Moskauer Universität; aber ich will nicht zu weit zurückgehen.

Ich habe Geschichte studiert. Der Krieg, den ich von Anfang bis Ende mitgemacht habe, hat meine damaligen Zukunftspläne zerstört. Im Krieg sind meine beiden Brüder gefallen; die Familie meiner Mutter, sie waren Juden und lebten in Weißrussland, sind im KZ umgekommen; nach dem Krieg ist dann mein Vater einer stalinistischen „Säuberungsaktion“ zum Opfer gefallen, was meine Mutter nur wenige Monate überlebt hat. Da ich mich schon während meines Studiums – die deutsch-russischen Beziehungen haben mich schon immer interessiert – mit der deutschen Sprache beschäftigt hatte, landete ich nach dem Krieg in der späteren DDR. Wie es trotz meines politischen „Familienmakels“ dazu kam, dass ich im diplomatischen Dienst landete, kann ich dir nicht sagen. Bis 1965 war ich an der sowjetischen Botschaft in der DDR und danach bis zu meiner Pensionierung im Außenministerium.

Meine eigentlich Liebe war und blieb die Geschichte; das und wahrscheinlich doch mein politisches „Familienmakel“ sorgten dafür, dass ich auf der sogenannten Erfolgsleiter nicht sehr weit nach oben kam. Ich war natürlich in der Kommunistischen Partei solange es notwendig war, benutzte meinen Beruf aber letztlich dazu, ungehindert durch die Wirren der Zeit zu kommen, und habe mich, wann und wo es immer ging mit Geschichte und Literatur beschäftigt.“

„Deine Erklärungen, Piotr, haben bei mir ehrlich gesagt mehr Fragen aufgeworfen, als dass sie beantwortet hätten.
Deine Familie hat, wie du gerade gesagt hast, doch grausam unter den Deutschen gelitten. Wie kommt es, dass du nicht, nur keinen Hass, sondern sogar eine gewisse Zuneigung zu den Deutschen verspürst – wie ich überhaupt erstaunt bin, wieviel Sympathie mir entgegengebracht wird, wenn ich mich als Deutschen zu erkennen gebe; ich hatte zumindest mit Zurückhaltung, wenn nicht gar mit Ablehnung gerechnet.

Wenn ich bedenke, wie für Russland die Bilanz des zweiten Weltkrieges ausgesehen hat:
20 Millionen Tote, über 1.700 ganz oder teilweise zerstörte Städte, 70.000 ebenso zerstörte Dörfer, 25 Millionen Obdachlose, allein der materielle Schaden betrug damals 679 Milliarden Rubel!!, so habe ich jedenfalls gelesen. Das heißt doch, dass es wohl keine Familie in Russland gibt, die nicht direkt oder indirekt unter den Deutschen gelitten hat!
Und trotzdem schlägt mir fast überall Sympathie entgegen; und es ist echte Sympathie und kein berechnendes Interesse!
Ich verstehe das nicht!“

„Hans, was gibt es daran nicht zu verstehen?
Du warst das damals ja sicher nicht, deine Generation war es ebenfalls nicht, aber darüber hinaus waren es doch auch nicht „die Deutschen“, es waren die Hitler-Faschisten mit ihrem Machtapparat, die dieses Leid und Unglück zu verantworten hatten.“

„Wenn das die allgemeine Einstellung zu den damaligen Ereignissen bei euch ist, Piotr, dann seid ihr zu beneiden.
Euch ist dann etwas gelungen, was wir Deutschen, wenn wir ehrlich sind, bis heute nicht geschafft haben.
Wir tragen zwar unser Haupt heute auch nicht in Trauer und Asche, aber ein ungutes Gefühl haben doch wohl die meisten, zumindest noch die meiner Generation, wenn sie an diese Zeit denken; und dieses „ungute Gefühl“ kommt aus einem unterbewussten Schuld komplex.“

„Das alte Leid der Deutschen, in allem vollkommen sein zu wollen! Ich verallgemeinere ungern, aber das ist sicher ein typisch deutscher Charakterzug.
Weshalb gelingt es uns so gut zu unterscheiden? Betrachte dir doch einmal unsere Geschichte.
Das russische Volk, der russische Mensch, ist in seiner ganzen langen Geschichte noch nie frei gewesen; es hat immer mehr oder weniger stark unter irgendwelchen Herrschern gelitten.
Ich meine damit nicht die Zeiten der Fremdherrschaft, wie unter den Mongolen, nein, ich meine die eigenen sozusagen legitimen Herrscher des Volkes, die Zaren, Fürsten, Adeligen, die Gutsbesitzer – denke an Alexander Puschkins Roman „Dubrowskij“, wie dort die Menschen eines Dorfes, die „Seelen“, genau wie das Stück Vieh per Gerichtsbeschluss in den Besitz des neuen Gutsbesitzers übergehen.
Aber auch nach der Revolution hat sich nichts geändert: der Traum vom freien Menschen – und zu mehr als einem Traum ist es nie gekommen – war sehr schnell ausgeträumt; der Tyrannei der Revolutionäre folgte nahtlos die Diktatur Stalins, eine so menschenverachtende Diktatur, wie zu den Zeiten der „Goldenen Horde“ verbunden mit einem Personenkult, wie es ihn nur zur Blütezeit des Absolutismus gab.
Nach Stalin ist es nicht viel besser geworden: die schlimmsten Triebe der Willkür eines einzelnen Herrschers sind zwar beschnitten worden, dafür hat aber ein unmenschlicher anonymer Machtapparat die Menschen nach eigenem Gutdünken verwaltet.
Und die, die diese körperlichen, geistigen und seelischen Grausamkeiten verübten, waren immer die Angehörigen unseres eigenen Volkes!!

In unserem Volk ist daher im Lauf der Jahrhunderte die Einstellung, das Gefühl gewachsen: wir sind zwar ein Volk, aber das eine sind Die-da-oben und das andere sind wir; was Die-da-oben machen, dafür sind wir nicht verantwortlich.

Als wir vorhin darüber sprachen, dass heute die Bevölkerung leider allzu schnell bereit ist, die Schuld für die wirtschaftliche Misere bei den Reformpolitikern zu suchen, waren das die negativen Auswirkungen dieser Einstellung; die positive Seite ist, dass auch einem anderen Volk, in diesem Fall euch Deutschen, zugestanden wird, dass nicht das Volk, sondern eben Die-da-oben, die Machthaber, die Faschisten das Leid verursacht haben, das über unser Volk gekommen ist.

Vielleicht haben auch, und das wäre ein Grund, der dir als Westdeutschem vielleicht nicht ganz so gefallen wird, „unsere – heute muss ich sagen ehemaligen – sozialistischen Brüder“ in der ehemaligen DDR diese Einstellung kräftig unterstützt: Um im sozialistischen Lager als gleichwertig anerkannt zu werden, haben sie sich lautstark und bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit immer wieder von Hitler-Deutschland und den Nazis distanziert; nach dem Motto ’schaut her, wir sind das Volk der guten Deutschen, wir haben mit diesen nichts zu tun gehabt‘.

Sie wollten zwar auf diese Weise die Bundesrepublik mehr oder weniger in die Nachfolge des Naziregimes stellen, was ihnen nicht gelungen ist, haben damit aber genau das Gefühl der russischen Menschen getroffen.

Aber der wichtigste Grund, der leider in den vergangenen Jahrzehnten des kalten Krieges und der ideologischen Polarisierung vollkommen verschüttet und vergessen worden ist:
Die Beziehungen zwischen unseren Ländern sind schon über tausend Jahre alt!

 

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.