Mein Moskau [23] – „Wandertag“

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das dreiundzwanzigste Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Es ist bitter kalt geworden, in der Nacht fällt die Temperatur auf minus 20°C, tagsüber wird es mit minus 15°C auch nicht viel wärmer.

Es ist zwar eine ‚angenehme‘ Kälte, die Luft ist ‚knochentrocken‘, wie es im Volksmund so treffend heißt, keine Feuchtigkeit leitet, die Kälte bis unter die Haut, aber in meinem nun schon so oft beschriebenen Mäntelchen kann ich gar nicht ‚so schnell zittern, wie ich friere‘.

Schon immer habe ich von einem großen, knöchellangen Pelzmantel geträumt, wie es ihn eben nur in Russland gibt.

‚Menschen mit Fellmützen und langen Pelzmänteln, freundlich lächelnd die schwermütigen russischen Weisen singend, durch die tief verschneite weite Landschaft stapfend, das ist unser Bild vom russischen Menschen im Winter‘.

So ein Mensch möchte ich auch sein.

Die Fellmütze habe ich schon von Oksana in Riga bekommen, mir fehlt jetzt „nur“ noch der Mantel.

Nikolai und ich fahren in die Stadt zum „Shopping“.

Mein Ziel ist es, möglichst, diesen Pelzmantel zu kaufen; und außerdem suche ich Noten alter russischer Volkslieder, von denen es in Deutschland nur sehr wenige gibt.

Bewusst betrachte ich die Menschen, welche Pelzmäntel sie fragen. Es dauert nicht lange, da muss ich feststellen:
‚Mann‘ trägt keinen Pelz, wie ihn ‚die Russen‘ tragen, so wie ‚Mann‘ auch keinen Bart trägt, wie ihn ‚die Russen‘ tragen; pelzgefütterte Mäntel und Jacken, mit dem Leder nach außen, sehe ich häufiger. ‚Frau‘ dagegen trägt Pelz.

Gemeinheit! Wieder eine lieb gewonnene Vorstellung zerstört!

Es ist wirklich nicht nett von ‚den Russen‘, dass sie sich so ganz anders verhalten, wie wir uns das vorstellen.

Wir ziehen durch mehrere Warenhäuser; auf dem Nowi Arbat, der großen Einkaufsstraße, und verschiedenen anderen Straßen, in denen zahlreich die Container-Verkaufsbuden stehen, wo man auch Mäntel kaufen kann, überall das gleiche Bild:
‚Mann‘ trägt keinen Pelz, basta.

Diese anderen Mäntel kosten mindestens 400 DM, das sind sie mir nicht wert; zumal mir viele der Männer, die diese Mäntel tragen, unsympathisch sind; sie erinnern mich in ihrem ganzen Gehabe an Mafiosi, vielleicht tue ich ihnen unrecht.

Gleichzeitig gehen wir auch in jede Buchhandlung und jedes Schallplattengeschäft, um meine Noten zu suchen.

Meine Volksliednoten finden wir nirgends; dafür könnte ich aber in diesen Buchläden einen Mantel, Briefmarken, Elektrogeräte, in einem sogar neue japanische Autos, mit anderen Worten bis auf Nahrungsmittel so ziemlich alles kaufen; so genau wird das hier offensichtlich nicht genommen. In einem großen Schallplattengeschäft – es gibt auch CDs, wie sie übrigens überall in der Stadtmitte auch von ‚fliegenden Händlern‘ angeboten werden, gute Klassik und Volkslieder kosten zwischen 5 und 12 $ – kaufen wir zehn(!) Schallplatten, wovon vier Doppelalben sind, und zahlen 780 Rubel, das sind zwei Mark und achtzig Pfennige! Die Qualität ist einwandfrei, es ist ein staatliches Geschäft.

Eine Flasche Bier aus dem Westen kostet z. Zt. auf dem freien Markt einen Dollar = 1,60 DM.

Nachdem wir jetzt fast vier Stunden im Eilschrift, zuletzt auch noch mit kleinen verschnürten Päckchen beladen – Plastiktüten werden in den Geschäften nicht verteilt, die kann man allenfalls irgendwo auf der Straße in der Nähe von Geschäften bei einer Frau zu zehn Rubel das Stück kaufen – nachdem wir also vier Stunden Pflastertreten hinter uns haben, zeigen sich bei mir die ersten Ermüdungserscheinungen.

Wir haben in dieser Zeit aber auch eine ganz schöne Strecke zurückgelegt. Hier in der Innenstadt und in den Fußgängerzonen liegt nicht, wie bei uns im Westen, wo zumindest die Fußgängerzonen ausschließlich aus Geschäften bestehen, ein Geschäft neben dem andern; hinzukommt, dass auch die Einkaufs­straßen, soweit, man sie als solche bezeichnen kann, weit auseinander liegen.

Und immer noch habe ich keinen Mantel!

Unseren letzten Versuch werden wir in einem Magazin auf dem Nowi Arbat starten. Ich friere jetzt so sehr, dass mir jeder Wintermantel recht ist; es ist mir gleichgültig wie er aussieht, er muss nur die ‚sibirische‘ Kälte aus meinen Knochen fernhalten.
Das ist aber ein staatliches Geschäft, hier wird nur gegen Rubel verkauft –vernünftig, finde ich, denn die Flucht in Dollar und DM verstärkt, nur zusätzlich den Verfall des Rubels. Wir müssen daher Dollar wechseln.

In fast allen Containerbuden auf den Gehwegen wird auch gewechselt. Wir fragen an mehreren nach dem Kurs, suchen uns den günstigsten aus, ich zücke meinen 50 Dollarschein, und sofort geht die kleine Klappe, durch die verkauft wird, zu.

Ich bin verblüfft.

Nikolai klärt mich auf, dass auf der Straße nicht gewechselt wird; wir müssen durch ein kleines Türchen nach innen kommen.

„Warum? Ich denke, es ist ganz offiziell erlaubt, hier zu wechseln.“

„Es ist erlaubt; aber jeder hat Angst, dass irgendwelche Mafiosi in der Nähe sind, die den Augenblick des Wechselns ausnutzen, und dann könntest du später mit einer Beule auf dem Kopf aufwachen, und dein gesamtes Geld ist weg“.

In diesem Magazin gibt es meinen Pelzmantel natürlich auch nicht. Dafür suche ich mir einen dick gesteppten, über die Knie langen, grauen Mantel mit Gürtel, blauem Kragen und blauen Schulterklappen aus. 12.000 Rubel, das sind 44 DM.

Ich bin derartig wild auf einen warmen Mantel, dass mir gar nicht auffällt, dass ich diesen Mantel auf der Straße noch nie gesehen habe.

Ich ziehe den Mantel sofort an, aus meinem West-Mäntelchen wird an der Kasse eine kleine verschnürte Wurst gemacht, und voll Genugtuung, der Kälte jetzt ein Schnippchen geschlagen zu haben, komme ich auf die Straße.
Nikolai sieht mich und lacht:
„Hans, du siehst jetzt aus wie ein Revolutionär von 1917; Fellmütze, Vollbart und Militärmantel!“

Jetzt fällt mir auf, dass ich diesen Mantel noch nie auf der Straße gesehen habe, und jetzt weiß ich auch warum.

Aber, was ich wollte, habe ich: ich sehe typisch russisch aus: zwar anders als ich eigentlich wollte, aber noch russischer geht es nun wirklich nicht. Und wenn ich ehrlich sein soll, manchmal, wenn mich wegen der Dummheit, dem Egoismus und der geistigen Unbeweglichkeit mancher ‚lieber‘ Zeitgenossen die Wut packt, wünschte ich mir sogar, ein Revolutionär zu sein. ‚Hans, les‘ mal nach bei Freud!‘

Wir machen uns auf den Heimweg.

Unterwegs kommen wir an einem kleinen Verkaufsstand vorbei, an dem jemand unter anderem Militärschaftstiefel verkauft; meine Schuhgröße ist dabei! Jetzt wird der Revolutionär vollkommen! Zwanzig Dollar und ich hin perfekt!

Unser Heimweg hat aber leider noch einen Umweg; Nikolai muss noch den Vorbesitzer seiner Wohnung besuchen, und das leider in einer Gegend, in der keine Metro fährt.

„Gar nicht weit von hier, gleich neben“, meint Nikolai, „wir sind gleich da, nur zwei Kilometer.“

Wie sich in einer so großen Stadt die Perspektiven verschieben! Zwei Kilometer Fußmarsch, und wir sind gleich da, gleich neben!

Wir sind da!

Die „Wohnung“ besteht, wie bei Nikolai, aus einem Zimmer; die Betten sind durch einen Vorhang abgetrennt; in einer Ecke ist eine Kochnische, Fernsehapparat und Tisch mit Stühlen stehen daneben. An einer Schnur sind einige Wäschestücke zum Trocknen aufgehängt.

Die übliche Begrüßungsszene, als ob man sich Jahre nicht gesehen hätte; die Schuhe werden ausgezogen; niemand fragt, es heißt nur „Bitte, setzen zu Tisch“, Wodka, Gurke, Speck, Wurst, Brot und Tee stehen auf dem Tisch, als ob alles vorbereitet gewesen wäre – was nicht stimmt, denn er wusste nicht, dass wir kommen.

An diesem Ritus kommt man in Russland offensichtlich nicht vorbei, und wer es versucht, riskiert, unhöflich zu sein. Dabei möchte ich so gern nach Hause, ich bin müde, mir tun die Füße weh, hier ist eine so dicke Luft, ich bin alles in allem das, was man im Volksmund mit ‚knatschig‘ bezeichnet. Und heute Abend sind wir noch bei Igor Fedorowitsch eingeladen!

Ich habe mich schon mit meinem Los abgefunden, als Nikolai unvermittelt aufsteht und sagt:
„Hans, komm, wir müssen gehen bevor es zu spät wird, hier in dieser Straße hat die Mafia gestern einen Taxifahrer erschossen.“ Dieser Zusammenhang ist mir zwar nicht ganz klar, aber ich widerspreche nicht, denn ich bin ja froh, nach Hause zu kommen. Draußen auf der Straße frage ich nach.

Dass hier gestern jemand erschossen wurde, ist ein so schlimmes Ereignis, dass jetzt hier alle Angst haben.
Ich finde es zwar auch nicht gut, dass hier jemand erschossen wurde, aber bezogen auf diese Riesenstadt Moskau, und wenn ich an andere Großstädte, wo auch immer denke, erscheint es mir leider „normal“. Die heftige Reaktion der Menschen überrascht mich.

„Das hat es früher nicht gegeben; erst mit der Perestroika ist die Mafia aufgekommen“, meint Nikolai, „und jetzt wird es immer schlimmer, jeden Tag wird irgendwo jemand erschossen.“

Eine „private“ Mafia gab es unter dem strengen Regiment des Kommunismus nicht. Die Presse war zensiert; selbst wenn es das gab, durfte es das nicht geben, also wurde es verschwiegen.
Dass in New York, Frankfurt, Paris usw. fast täglich Menschen umgebracht werden, regt dort niemanden mehr auf, man geht zur Tagesordnung über, alle sind abgestumpft.
Hier ist die bei uns leider alltägliche Erscheinung jetzt neu, oder zumindest scheint sie neu zu sein.
Und für Gefühle muss man sich in Russland nicht schämen. Es ist also gar nicht verwunderlich, dass die Menschen so große Angst empfinden in einer Zeit, in der die alte Ordnung – so ungeliebt sie auch war, war sie doch eine Ordnung – zusammengebrochen ist, und die neue Ordnung erst, aus dem Chaos geboren werden muss.
Vielleicht tragen die Russen mit ihrer Reaktion sogar dazu bei, dass die Ereignisse in Russland bei uns, durch unsere Sensationssucht noch verstärkt, so schwarz gezeichnet werden.

Endlich zu Hause! Beine hoch, und Schweigen.

Das Glück dauert aber nur wenige Minuten, dann heißt es schon „Hans, wir müssen gehen, wir werden erwartet und wir sind schon zu spät!“

Der Teufel soll alle Besuche holen!