Mein Moskau [3] – Wie alles begann. 1992 – Aufbruch nach Russland

3. Kapitel

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das dritte Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Dukla-Express Prag – Moskau! ein Schlafwagenzug.
Hört sich toll an, erinnert an Orient-Express, ferne endlose Weiten.
Es kitzelt im Bauch, wenn ich an das unbekannte Ziel weit weg in einer „anderen Welt“  denke.

Prag, Hauptbahnhof. Die Halle, in der die Züge stehen, ein riesiges Tonnengewölbe aus Stahl und Glas im Jugendstil, liegt im Halbdunkel. Ein Gefühl der fernen weiten Welt mit Abenteuern; Nostalgie, Gedanken an eine Zeit kommen auf, in der man noch Zeit hatte zum Reisen, an eine Zeit, in der eine Reise noch nicht minutiös bis ins Letzte geplant war, in der bei der Ankunft kein unbesiegbarer Terminkalender wartete und sein grausames Regiment ausübte, eine Zeit, in der Überraschungen das Normale waren, eine Zeit, in der die Rückkehr noch nicht genauso sicher war wie die Abfahrt.

Aber auch der Zug selbst scheint aus einer anderen Zeit und fernen Welt zu kommen: fremd aussehende Waggons: die Farbe ein dunkles Grün, unterhalb der Fenster lange „Rippen“, ähnlich einem Garagentor oder der Verbretterung einer Sauna, sie wirken wie gegen Naturgewalten gepanzert, vor meinen Augen entsteht unwillkürlich das Bild eines in tiefen Schneewehen kämpfenden Zuges – und das nicht von ungefähr, denn ich werde mitten im Winter die Karpaten durchqueren; die Fenster scheinen kleiner zu sein und fester, bei näherem Hinschauen entdecke ich: es sind Doppelfenster; am Ende vieler Waggons steigt durch kleine Ofenrohre Rauch auf, als ob sie signalisieren wollten „wir sind bereit, wenn es zu schwer wird im Gebirge, packen wir mit an“; eine riesige, nie zuvor gesehene Lokomotive, ein Kraftungetüm in ungewohnter Farbe, mit fremden Zeichen: sie ist gelb, die Stirnseite ist rot wie Feuer und von ihr gehen rote Streifen aus, als ob züngelnde Flammen durch den Luftzug entlang der Seiten getrieben würden – ich sehe in Gedanken die schon legendäre Transsibirische Eisenbahn in der endlosen, schneebedeckten Weite Sibiriens mit den Naturgewalten kämpfen; dieses Kraftungetüm liegt am Anfang des Zuges, als ob es im Bewusstsein seiner Kraft und Macht sagen wollte „nun macht schon, steigt ein ihr Winzlinge, ich hab’s eilig, ich lechze nach meinem Kampf“.

Der Zug wartet auf einem der hintersten, entferntesten Bahnsteige in Prag, als ob er sich seiner Würde bewusst wäre und nichts mit diesen „kleinen, alltäglichen“ Zügen wie „Prag – München“ oder „Prag – Paris“  zu tun haben wollte.

Es ist dunkel, sieben Uhr Abend am 2. Weihnachtsfeiertag 1992; nur wenige Menschen aber mit großem Gepäck; jeder wird von „seinem“ Schlafwagenschaffner bzw. -schaffnerin vor „seinem“ Waggon kontrolliert und eingewiesen, auf Russisch oder mit Händen und Füßen (wie bei mir) mit vornehmer Zurückhaltung; alles ist irgendwie unwirklich, es wirkt wie der persönliche Empfang einer auserwählten Schar zu einer außergewöhnlichen Reise.

In Höhe der Lok steht ein Männerchor; er singt russische Volkslieder; es scheint nicht irgendein Chor zu sein, dem Können nach zu urteilen; sie verabschieden zwei anscheinend wichtige Persönlichkeiten. Die traurigen Melodien in diesem Halbdunkel mit dem Geruch an Bahnhöfe, an Eisenbahn, wie er in meiner Kindheit und Jugendzeit wirklich war, verstärken diesen unwirklichen, geheimnisvollen Eindruck.

Bis zur Abfahrt des Zuges bleibt noch viel Zeit, ich kann die Menschen am Bahnsteig beobachten:
Dem Klang und der Melodie der Gespräche nach zu urteilen, scheinen die meisten russisch zu sprechen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Gelegenheit, Menschen dieses Volkes genauer zu betrachten.

Ich bin mir bewusst, dass Verallgemeinerungen leicht falsch werden und häufig unserem Bestreben entspringen, andere „in einer Schublade verschwinden zu lassen“, um ihnen nie mehr die Chance zu einer Veränderung zu geben, aber keine Frage, sie sehen anders aus:
Es fällt mir aber schwer, zu beschreiben, worin sie sich von uns Mitteleuropäern unterscheiden; rein äußerlich kann ich fast keinen Unterschied feststellen und doch wirken sie fremd.

Ich sehe meistens Menschen mittleren Alters. Da sie sich erlauben können zu reisen – und die in meiner Nähe Stehenden reisen 1. Klasse, gehören sie wahrscheinlich zu der besser verdienenden Gesellschaftsschicht. Männer und Frauen sind von vergleichbarer Größe wie wir, die Männer vielleicht eher etwas größer und kräftiger, die gleiche Hautfarbe, die Farbe der Haare scheint dunkler zu sein, zumindest bei den Männern; in der Kleidung kann ich ebenfalls kaum einen Unterschied feststellen, gepflegte Alltagskleidung wie bei uns, die Männer vielleicht nicht so modisch, in dunkleren Farben; die Frauen sind sehr gepflegt, auf Make-up scheint mehr Wert gelegt zu werden – auf den Wangen ist deutlich mehr Rouge aufgelegt; sie sind kräftiger aber nicht aufdringlich geschminkt, sie scheinen, ohne übertrieben modisch zu sein, großen Wert auf ihre Kleidung zu legen. Alles in allem lässt sich fast kein Unterschied feststellen; und doch wirken sie anders. Worin besteht dann aber der Unterschied?

Ein Unterschied scheint in der Art ihrer Bewegung zu liegen; ich meine damit die Körpersprache, die das Sprechen begleitenden Bewegungen, die Gestik;  sie bewegen sich ruhiger – langsamer wäre zu viel gesagt; aber auch wir Mittel-und Nordeuropäer reden im allgemeinen nicht mit Händen und Füßen, das kann es nicht sein; ihre Bewegungen sind verhaltener – gehemmt ist schon wieder übertrieben; vielleicht spielt mir mein Unterbewusstsein hier einen Streich, aber ich empfinde es irgendwie unfrei, als ob jede Bewegung überlegt wäre, nicht so impulsiv.

Ihre Gesichter gleichen auf den ersten Blick denen der Norddeutschen, der Nordeuropäer, sie sind jedoch etwas dunkelhäutiger; der Gesichtsausdruck ist jedoch etwas gleichförmiger, ihm fehlen die harten,‘ scharfen Züge, die man bei uns besonders bei älteren Menschen häufig antrifft; sie wirken dadurch mehr unnahbar, ihre Regungen lassen sich schwerer einschätzen – ähnlich wie es uns Europäern mit den Völkern des Fernen Ostens geht, bei denen der Unterschied jedoch viel, viel deutlicher ist.

Ich glaube, es sind die Augen, die mich fesseln und gleichzeitig verunsichern; nicht die Form und nicht die Farbe – sie unterscheiden sich nicht von den unsrigen –, ich glaube es ist der Blick; er ist so unergründlich. Seien es nun die vorwiegend dunklen Augen der Männer oder die mehr grau-blau-grünen Augen der Frauen, immer liegt in ihnen eine unergründliche Tiefe, eine Wehmut, als ob sie Angst hätten, verletzt zu werden, und doch ist es ein offener, klarer, vielleicht sogar etwas fordernder Blick.

Bei den Männern kommt das Fordernde dieses Blickes mehr zum Ausdruck; sie wirken auf mich dadurch leicht herrisch, was durch ihre Körpergröße und die etwas dunklere Haarfarbe noch betont wird; ich kann mir vorstellen, dass sie durchaus Angst einflößen können.

Der Blick der Frauen lässt Sehnsucht erahnen, erinnert an Wehmut, an Leid, er ist unergründlich; ich kann schwer erklären warum, aber dieser Blick ist so typisch, dass ich daran eine Russin erkennen könnnte.

Wir sagen, die Augen seien der Spiegel der Seele, und wir (und nicht nur wir, die Russen selbst) sprechen von der unergründlichen russischen Seele. Diese russische Seele findet wirklich ihren Spiegel in den Augen!

Auf die Sekunde genau setzt sich dieser Lindwurm in Bewegung; nur einige wenige winken; es ist, als ob wir schon abgeschrieben wären. Ich wünschte mir, meine Lieben würden mir hier winken, denn hier beginnt die Reise; andererseits ist es besser so, denn hier blieben sie sicher mit Angst zurück.

Da sitz ich nun, allein, auf meinem Bett – das andere Bett, eigentlich für Galinka reserviert, bleibt leer – 1. Klasse Abteil, Schlafwagen, Richtung Moskau, 19 Uhr 12 ab Prag und komme mir vor, als ob ich auf einem Kamel durch die Wüste reite, so werde ich durcheinander geschaukelt, hin und her, rauf und runter; allerdings ist es nicht so warm wie in der Wüste, denn offensichtlich funktioniert die Heizung nicht richtig; die Betten bestehen aus zwei heruntergeklappten Bänken, die zwar gepolstert sind, bei deren Herstellung man aber wohl mehr an ein gesundes weniger an ein bequemes Liegen gedacht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei diesem Krach und Lärm überhaupt schlafen kann, offensichtlich liegt mein Abteil genau über einer Räderachse; das kann heiter werden, da ich doch die nächtliche Totenstille des Landes gewohnt bin.

Rauchen ist eigentlich nicht erlaubt, wie mir scheint mit gutem Grund, denn die Lüftung scheint ebenfalls nicht zu funktionieren, ich ersticke fast in meinem eigenen Zigarren qualm.

Ich war gerade auf der Toilette! Gute Güte! Aber bei diesem Gerüttel und Geschüttel (erstaunlich, dass der Zug nicht aus den Schienen springt) ist es kein Wunder, dass niemand in die dafür vorgesehene Schüssel trifft; größere Dinge werde ich mir wohl bis Moskau verkneifen müssen. Vielleicht wird das Fahren auf der breiteren russischen Spur etwas ruhiger.

Aber was soll’s, oft genug habe ich die Meinung vertreten, dass wir „überzivilisierten“ Westeuropäer nicht das Maß aller Dinge sind, dass es auch mit geringerem Aufwand und deswegen im Wesentlichen nicht schlechter geht. Wir sind nicht der Nabel der Welt, es sei den man betrachtet es anatomisch: da sind wir bezogen auf die Welt tatsächlich der Größe des Nabels beim Menschen vergleichbar.

Über vierzig Stunden habe ich nun vor mir in diesen „vier Wänden“; jetzt habe ich Zeit allein zu sein, zur Ruhe zu kommen, allein mit meinen Gedanken, sie werden frei, sie schweifen umher und zurück:

Alle Sicherheit liegt hinter mir; aber auch viel Leid, eine in die Brüche gegangene Ehe mit der langen quälenden Zeit der inneren Loslösung und eine kurze, heftige aber aussichtslose Leidenschaft mit einer russisch-mongolischen Eva, mit Galinka.

Wären da nicht die feuchten Augen meiner Kinder und der immer wieder mit eindringlichem Flehen in den Augen gesprochene Satz meiner Ältesten „Papa, komm wieder!“, es gäbe keine Verbindung mehr zu meiner Vergangenheit, es wäre vielleicht eine endgültige Trennung von meinen Wurzeln.

Meinem Vater habe ich auf seine verständnislosen Fragen nach dem Warum geantwortet: „Vater, und wenn ich wüsste, dass ich in Russland sterben musste, ich würde trotzdem fahren“.

Ich weiß selbst nicht warum; es ist nicht wie eine sehnlichst herbeigewünschte Erfüllung eines Traumes, es ist eher wie ein Zwang, als ob sich mein Schicksal dort erfüllen musste.

Was spricht eigentlich gegen diese Reise, warum diese Angst? Normal ist doch, dass eine so große Reise, vergleichbar vielleicht einer Reise nach Amerika oder Südostasien oder…, oder…., mit freudiger Erwartung und Spannung begonnen wird.

Zugegeben, wir hören nur Nachrichten über Chaos, Probleme und Schwierigkeiten. Der riesige unbekannte Moloch Russland wurde und wird nur in düsteren Farben gemalt; die Kriminalität habe erschreckende Ausmaße angenommen: Autofahrten durch Russland endeten, wenn man Glück habe nur mit dem Verlust des Wagens, in der Nacht sei es weder empfehlenswert, mit der Metro zu fahren, noch allein in Moskau zu laufen, die Mafia sei allgegenwärtig; Fernsehberichte erwecken den Eindruck, als sei die Prostitution Moskaus größtes Problem, als sei der Hunger so groß, dass, um zu etwas Essbarem zu gelangen, jedes Mittel recht sei.

Das ist aber nicht alles:

Ich fahre nach Moskau, spreche kein Wort Russisch, kann keinen kyrillischen Buchstaben lesen, weiß nicht, wo ich wohnen soll, nur wo ich nicht wohnen kann: nämlich in den für Ausländer vorgesehenen Hotels – angeblich ab 250 $ aufwärts pro Nacht. Ich hoffe, bei einem Opernsänger, Nikolai, wohnen zu können; ihn habe ich im letzten Jahr in Nürnberg kennengelernt, wo er als Straßenmusikant Geld verdient hat. Es ist mir allerdings weder telefonisch, geschweige denn brieflich gelungen, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Ich fühle mich also wie blind und taub zugleich, wie ein hilfloses Kind, das auf die Hilfe anderer angewiesen ist, aber nicht weiß, ob es diese Hilfe auch bekommen wird.

Schlau war es aus dieser Sicht sicher nicht, Galinkas Fahrkarte drei Tage vor der Abreise zurückzugeben (sie hatte sogar in Moskau studiert); aber es war richtig, denn zwischen uns hatte sich eine allzu große Kluft auf getan.

Naja, zwei Strohalme habe ich: eine Telefonnummer, die ich wählen kann, wenn alle Stricke reißen – Igor spricht deutsch – und empfangen werde ich am Bahnhof von der Mutter einer Bekannten – sie spricht nur russisch – Soja hat mir einen Brief mit Anweisungen für sie mitgegeben und wenn es gar zu schlimm wird, verschwinde ich auf dem schnellsten Weg nach Riga, dort wohnt Oksana, sie spricht englisch.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.