Mein Moskau (37) – Die vergessenen Kinder und rabiate Zigeunerinnen

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[Hanns-Martin Wietek] Dies ist das siebenunddreißigste Kapitel der Geschichte eines zweifachen Aufbruchs – eines persönlichen und eines Volkes –, erlebt und geschrieben in den Jahren 1992 und 1993.

Nachdem diese Geschichte jetzt schon Geschichte geworden ist, habe ich mich entschlossen, sie unverändert zu veröffentlichen – auch wenn ich das eine oder andere heute anders schreiben würde.

Vielleicht trägt die Geschichte dazu bei, dass die Menschen des Westens die russischen Menschen besser verstehen.

Die einzelnen Abschnitte erscheinen in loser Folge.
Alle Folgen finden Sie hier.

 

Am Nachmittag verabreden wir uns mit Olga und fahren zur Kirche, um die mitgebrachten Sachen abzuladen. Pascha übernimmt noch diese Fahrt.

Olga ist im Keller unter der Kirche.
Auf engen, steilen, gewundenen Treppen tasten wir uns durch das Gewölbe nach unten.

Mir drängt sich der Vergleich mit den Katakomben in Rom auf. Unten sitzt sie mit ihren Schützlingen im Heizungsraum zwischen Rohren auf Kisten und gibt den Kindern Religionsunterricht, um sie auf die Erstkommunion vorzubereiten.

„Warum sitzt ihr hier unten und nicht in dem Raum, den ich das letzte Mal gesehen habe?“ ist meine erstaunte Frage.
„In diesen Raum können wir nicht mehr;“ antwortet sie, „vor einigen Wochen ist dort ein Feuer ausgebrochen, niemand weiß warum, und alles, was wir hatten, ist verbrannt. Einen anderen Platz haben wir nicht, und hier ist es wenigstens schön warm.“

Mir wird fast übel beim Anblick von so viel Not. Und was die Situation noch schlimmer macht, das sind die strahlenden Augen der Kinder, die mich anblicken, als ob ich der Messias persönlich wäre, und die freudige Gelassenheit von Olga, die das Schicksal nicht nur erträgt, sondern sogar noch die Krall, aufbringt, sich zu freuen, dass sie einen warmen Ort gefunden haben.

Ich möchte schreien vor Anklage und weiß mir nicht anders zu helfen, als dass ich mich in die Hektik des Abladens stürze.

Kein Wort des Trostes kommt über meine Lippen; aber ich glaube, sie würden mich auch gar nicht verstehen, denn ‚eta normalna, es ist doch schön, dass wir es warm haben und uns auf ein großes Ereignis vorbereiten dürfen!‘ Ich schäme mich. Ich komme mir vor wie ein Wurm, wie der letzte Dreck. Ich kann so viel Not nicht ertragen, ich flüchte mich in wilden Aktionismus! Gott verzeih‘ mir.

Draußen vor der Kirche blicke ich um mich.
Jetzt kann ich Olgas Angst und Misstrauen verstehen!
Ganz ungeniert, ohne sich die geringste Mühe zu geben, es zu verheimlichen, ist außen am Nachbarhaus eine große Kamera angebracht, mit der der Vorplatz und der Eingang der Kirche überwacht werden.

„Das ist nicht der einzige Beobachtungsposten“, wird mir gesagt, „vom KGB werden oder zumindest wurden wir auch aus Wohnungen überwacht.“
Und alle tun so, als sei es das Normalste von der Welt! Ich kann es nicht fassen!

 

Einige Tage sind vergangen; wir waren wieder auf dem Roten Platz, im GUM, in verschiedenen Kirchen, im Kolomenskoje; wir haben eingekauft und gebummelt; ich habe mit mehreren jungen Unternehmern gesprochen, die Beziehungen zu Deutschland suchen; die Zeit ist verflogen.
Überall hin sind wir mit ‚meiner‘ Metro gefahren, das Auto stand unberührt im Hof.
Heute muss ich das erste Mal in Moskau selbst mit dem Auto fahren. Mir graut davor, zumal wir es auch noch eilig haben.

Für mich ist der Verkehr absolut unübersichtlich:
Ampeln stehen diesseits und jenseits der Kreuzungen; zum Abbiegen muss man wieder auf andere Ampeln achten und die finde ich meistens gar nicht so schnell; Abbiegespuren erkenne ich gar nicht, oder erst im letzten Moment; gefahren wird, so schnell es geht; ab und zu rauscht auf dem breiten Mittelstreifen eine große Limousine, oft ohne Nummernschild, an allen vorbei; alles in allem zum Fürchten, dabei bin ich Großstädte wie Berlin, München, Hamburg, Frankfurt gewohnt.

Höchstens einen Kilometer bin ich gefahren, da kommt GAI hinter mir angefahren, stoppt mich mitten im Verkehr, und verlangt meine ‚Dokumente‘, das sind Führerschein und Wagenpapiere. Ich gebe ihm beides.
Er macht ein finsteres Gesicht und redet auf mich ein.
„Was will er?“, frage ich Ellen.
„Du sollst Strafe zahlen.“
„Strafe? Warum, wofür?“
„Er sagt, du bist ein schlechter Fahrer.“
„Was habe ich denn getan?“
„Das sagt er nicht. Er sagt immer nur, du bist ein schlechter Fahrer“
„Aber irgendeinen Grund muss er doch haben!“
„Nichts zu machen, Hans, er sagt nur, du bist ein schlechter Fahrer.“
„Okay, frage ihn, wieviel er haben will, wir haben es eilig.“

Elen fragt ihn. So viel Russisch verstehe ich aber auch schon, dass Wut in mir hochsteigt, als er sagt ’sto mark‘, das heißt 100 Mark!

„Der spinnt doch! Einhundert Mark!? Kommt nicht in Frage!“

Nach einer aufgeregten Diskussion erklärt mir Elen:
„Er sagt, dass er deine Papiere mitnimmt, wenn du nicht bezahlst. Und Hans, wenn er die Papiere mitgenommen hat, siehst du sie nie wieder, das darfst du mir glauben. Und zeige ja nicht deinen Reisepass vor; der Zivilist, der hinter ihm steht, sagt ihm andauernd, er solle sich von dir den Pass geben lassen.“

Ich werde wütend, belle ihn an und beschimpfe ihn, natürlich auf Deutsch.
Das hat er ganz offensichtlich noch nicht erlebt, er wird unsicher, bleibt aber stur.

Da fällt mir ein, dass ich in meinem Geldbeutel nur noch einen kleinen Betrag in DM habe, das andere Geld habe ich zu Hause gelassen. Ich zücke meinen Geldbeutel – leider sind doch noch 50 DM darin – zeige den Inhalt, und sage:
„Entweder diese 50 DM oder gar nichts, basta!“

Er murrt, ist aber einverstanden. Ich soll ihm den Schein geben. Ich zeige den Schein, halte ihn aber fest, und lasse mir erst meine Papiere in die Hand gehen. Erst nachdem ich sie in der Hand habe, lasse ich den Schein los. Ich beschimpfe ihn noch einmal kräftig – das tut gut – und brause davon.

Am Abend erzählen wir Nikolai die Geschichte. Er wird wütend:
„Dieser Gangster, dieser elende Mafiosi, es ist verboten Strafe in Valuta zu kassieren; und dann noch so viel! Eine Quittung hat er natürlich auch nicht gegeben! Hans, mit deinen 50 Mark hat der Gangster zwei Monatsgehälter in seine Tasche gesteckt! Hast du dir seine Nummer gemerkt? Jeder GAl-Mann hat an seinem Revers eine Kennnummer.“
„Natürlich nicht, ich wusste das ja nicht.“
„Morgen fahren wir wieder zum Oktjabrskaja ploschtschad, merken uns seine Nummer und gehen zu seiner Dienststelle!“

Am nächsten Morgen (und auch in den Wochen danach), war dieser GAIMann nicht mehr an diesem Platz.

„Hans, er macht jetzt mit deinem Geld einen großen Urlaub“, meint Nikolai.

 

Heute ist in Deutschland Ostern. Besser, ich denke nicht daran. Wir gehen in der Stadt spazieren.

Mir fällt auf, dass an mehreren Stellen die großen Leuchtreklamen ausländischer Firmen abgedeckt oder zugehängt sind. Warum? Elen klärt mich auf:
„Jelzin hat ein Regierungsdekret erlassen, das bestimmt, dass für Werbung in lateinischen Buchstaben große Steuer bezahlt werden muss. Wer in lateinischen und kyrillischen Buchstaben wirbt, muss weniger Steuern bezahlen; nur wer allein in kyrillischen Buchstaben wirbt, muss keine Steuern bezahlen.“

Eigentlich schade, dass für eine solche Selbstverständlichkeit ein Regierungsdekret notwendig ist.

Wir fahren in einen anderen Teil der Stadt.

Dort wo ich einen Parkplatz suche, zieht eine Gruppe bunt gekleideter Zigeunerinnen mit kleinen Kindern umher. Diese farbenprächtigen Kleider, die kaffeebraunen Frauen mit den großen schwarzen Augen, sie sind ein schöner Anblick.

Wir steigen aus und sind sofort von mehreren dieser exotischen Frauen umringt. Sie betteln, aber mit einer solchen Aufdringlichkeit, und immer wieder stellt sich mir eine von ihnen in den Weg, ich komme einfach nicht auf die andere Seite des Wagens zu Elen hinüber. Sie ist ebenso von den Frauen umringt wie ich. Ich gehe einige Meter zur Seite, warte auf Elen; sie steht neben dem Auto, hält ihre geöffnete Handtasche auf dem Arm und scheint tief in ein Gespräch mit einer älteren Zigeunerin versunken zu sein. Ich rufe sie. Sie reagiert nicht. Ich rufe wieder. Sie reagiert  immer noch nicht.
Da stimmt doch irgendetwas nicht!

Ich gehe zu ihr, muss wieder einige der Frauen beiseiteschieben, da steht sie wie hypnotisiert vor dieser Frau, die Frau redet ununterbrochen eindringlich auf sie ein, macht mit ihrer Hand Zeichen vor ihrem Gesicht und Elen rührt sich nicht. Als ich bis zu ihr vorgedrungen bin, öffnet die Zigeunerin vor Elens Gesicht die Hand und bläst ihr etwas Imaginäres ins Gesicht, worauf wieder Leben in Elen kommt.
Sie schaut in ihre geöffnete Handtasche und ruft entsetzt:
„Hans, mein Geld, mein ganzes Geld ist weg! Ich habe nichts gesehen, es ist einfach weg!“

Ich nehme sie beim Arm und ziehe sie weg, heraus aus diesem Zigeunerknäuel. Als wir nur wenige Meter weiter gegangen sind, ist der Spuk vorbei; keine Zigeunerin ist mehr zu sehen.

Elen weint, ja sie schluchzt bitterlich; ich kann sie kaum beruhigen.
„Elen, bitte, beruhige dich, es waren doch nur ungefähr zehntausend Rubel (25 Mark), das ist doch kein Grund so unglücklich zu sein.“
„Nein Hans, das ist es nicht allein! Diese alte Frau hat mir einige Dinge aus meiner Kindheit gesagt, die niemand wissen kann. Ganz genau hat sie mir von einer Tante erzählt, die damals viel Schlechtes gemacht hat; sie hat mir auch gesagt, dass diese Tante vor zwei Jahren gestorben ist; sie hat mir Ereignisse ganz genau erzählt, die kann niemand außer mir wissen! Und sie hat gesagt, dass die Macht dieser Frau jetzt vorbei ist. Sie hat mir von meinem Vater erzählt, der schon gestorben ist, als ich noch ganz klein war. Ich habe aber diese Zigeunerin noch nie gesehen! Und in der Zwischenzeit haben sie mir alles Geld gestohlen.“
So kommt es aus ihr unter Schluchzen und Tränen hervor. Ich kann sie kaum trösten.

Es müssen sehr schlimme Erlebnisse gewesen sein, die diese Zigeunerin in ihr wieder wach gerufen hat.

Wir fahren schnell nach Hause.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.