Petersburg und die Huffington Post: Geistige Begrenztheit statt grenzenlose Betroffenheit

image_pdfimage_print

[Kommentar von Roland Bathon] 14 Tote, eine geschockte Stadt, ein geschocktes Land – das ist die traurige Bilanz des gestrigen Terrorattentats in der Metro Sankt Petersburg von gestern. Viele fühlen mit den Betroffenen ehrlich mit, auch in Deutschland. Wer viel Kontakt in die Stadt hat, ist besonders betroffen.

Was jedoch ein standfester Russland“kritiker“ ist, wie der jetzt bei der Huffington Post beschäftigte Boris Reitschuster, früher mal auch für den Focus in Moskau körperlich anwesend, den schockt nichts und der hat nie Pause. „Der Terroranschlag nützt Putin – das nährt einen bösen Verdacht“ steht da in großen Lettern über seinem Artikel. Welchen Verdacht das – zumindest im Gehirn von Reitschuster – weckt, ist klar: Der Kreml ist schuld, die Quintessenz eigentlich aller Reitschuster und Huffington-Post-Artikel über Russland, die es seit seiner Einstellung dort gab.

Wer im Artikel Belege für die sehr gewagte Behauptung sucht, wird leider nicht fündig. Allerlei kritisches aus dem russischen Internet zum Kreml im Zusammenhang mit dem Attentat liest man da – russische „Blogger“ zitiert man unter deutschen Journalisten immer gerne, das klingt gut und nach „Stimme aus dem Volk“ (egal wie die Mehrheit des betroffenen Volkes denkt). Einmal davon abgesehen, dass man im Internet auch Leute findet, die glauben, die Erde ist eine Scheibe oder Putin ein Außerirdischer führt es aber Reitschuster Überschriften-These eigentlich ab absurdum. Denn es entsteht ja offenbar Kritik an der Regierung durch den Anschlag – das nutzt dem Kreml kaum. Und wo ist vor allem der Beleg für eine ja ungeheuerliche Unterstellung „der Kreml“ habe mit dem Anschlag zu tun – das ist ja der „eye-catcher“ in der Überschrift? Ihn findet man gar nicht.

Natürlich wird die russische Regierung auch dieses Attentat für eigene Zwecke nutzen. Die Politiker in Moskau wären keine Politiker, wenn sie das nicht täten und auch andere Staatsoberhäupter haben ihren Nutzen aus schlimmen Anschlägen gezogen, indem sie sich demonstrativ an die Spitze der trauernden oder zornigen Massen begaben, um diese hinter sich zu scharen. Hier wäre es falsch, aus den Mächtigen in Moskau die „besseren“ Mächtigen zu konstruieren. Ist das aber der zentrale, wichtige Punkt, an diesem Anschlag? Und ist es eine ausreichende Begründung dafür, ungeheuerliche Verdächtigungen immerhin in einer großen deutschen Onlinezeitung unbewiesen in die Welt zu posaunen, nur um das Bild vom Dämon für die Leser nochmal an die Wand zu werfen? Ist es nicht wichtig, zunächst den Trauernden beizustehen und dann die Schuldigen zu bestrafen? Bei anderen Terroranschlägen in der Vergangenheit – jeder für sich eine furchtbare Tragödie – war die Reaktion in der deutschen Presse und unter anderen Meinungsführern auch so – man sah zunächst nur Schock und Trauer, es ging fast bis zu einem Betroffenheitskult.

Bei Russland scheint etwas anders zu sein, die Tragik nicht so groß, so dass mancher schon am Tag 1 nach dem Anschlag voll in das übliche Russland-Bashing wieder einsteigen kann. Dafür wird in diesem Fall sogar ein Terroranschlag instrumentalisiert – also genau das getan, was im Bezug auf die Mächtigen in Russland vorausgesagt wird. Die Betroffenheit wird schnell zurückgefahren, keine Anstrahlung des Brandenburger Tors mit lausigem Vorwand, in der Presse eine schnellere Rückkehr zum Tagesgeschäft, keine Flaggeninflation bei Facebook. Manch einer würde besser daran tun, gerade nach diesem Anschlag einmal einen Moment inne zu halten und dabei auch darüber nachzudenken, warum sogar bei Trauer und Terror mit zweierlei Maß gemessen wird – je nachdem welche Nationalität die Opfer des Terrors haben.

Roland Bathon – russland.NEWS

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.