Lewada: Preissteigerungen bleiben Russlands größtes Alltagsproblem

Lewada: Preissteigerungen bleiben Russlands größtes Alltagsproblem

Steigende Preise bleiben aus Sicht der russischen Bevölkerung das drängendste Problem des Landes. Das geht aus einer neuen Umfrage des Lewada-Zentrums hervor, die vom 20. bis 28. Mai 2026 unter 1.607 Erwachsenen in 137 Orten Russlands durchgeführt wurde. Mehr als die Hälfte der Befragten – 55 Prozent – nannten die Preissteigerungen als besonders akutes gesellschaftliches Problem.

Damit setzt sich ein seit rund zwei Jahrzehnten stabiler Trend fort: Die Inflation und die Verteuerung des Alltags stehen in der Wahrnehmung der Bevölkerung regelmäßig ganz oben. Allerdings ist die Sorge gegenüber Januar 2025 um acht Prozentpunkte zurückgegangen. Auch Armut beziehungsweise die Verelendung großer Bevölkerungsteile wird mit 19 Prozent seltener genannt als noch im August 2024.

An zweiter Stelle steht in der aktuellen Erhebung die „militärische Spezialoperation“ und die damit verbundenen Folgen – also der Krieg gegen die Ukraine, der Konflikt mit dem Westen und die Sanktionen. 35 Prozent der Befragten nannten diesen Komplex als eines der wichtigsten Probleme. Damit bleibt der Krieg zwar hinter den unmittelbaren sozialen und wirtschaftlichen Belastungen zurück, ist aber für etwa ein Drittel der Bevölkerung weiterhin ein zentrales Thema.

Deutlich gestiegen ist die Sorge vor Explosionen und Terroranschlägen am eigenen Wohnort. 27 Prozent der Befragten nannten diese Gefahr als akutes Problem, acht Prozentpunkte mehr als im November 2025. Lewada stellt diesen Anstieg in Zusammenhang mit den häufigeren Drohnenangriffen auf russisches Territorium. Die Angst vor Terror und Anschlägen liegt damit inzwischen auf ähnlichem Niveau wie Korruption, die von 26 Prozent genannt wird.

Ebenfalls rund ein Viertel der Befragten sorgt sich über die Erhöhung des Rentenalters und Wohnungsprobleme, darunter baufällige Wohnungen, unerschwinglicher Wohnraum und teure Hypotheken. Beide Themen kamen auf 24 Prozent. 23 Prozent nannten den „Zustrom“ von Migranten. Diese Sorge ist jedoch seit dem Höhepunkt im März 2024 deutlich zurückgegangen. Damals hatte nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall die Nervosität gegenüber Migration und interethnischen Beziehungen stark zugenommen.

Auffällig ist auch die Rolle des Internets. 22 Prozent der Befragten nannten die Einschränkung des Internetzugangs und die Blockierung sozialer Netzwerke als eines der drängenden Probleme. Besonders stark ist dieses Thema bei jungen Menschen. In der Altersgruppe unter 25 Jahren sorgen sich 38 Prozent über Internetbeschränkungen und Blockaden. Damit ist das Thema bei der Jugend deutlich wichtiger als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Umfrage zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Junge Menschen unter 25 Jahren nennen überdurchschnittlich häufig Internetblockaden, Drogenprobleme, Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme, Krankheiten und Einschränkungen bürgerlicher Rechte. Die Gruppe der 25- bis 39-Jährigen hebt besonders Wohnungsprobleme hervor. Bei den 40- bis 54-Jährigen dominieren Preissteigerungen, die „Spezialoperation“, die Rentenfrage sowie Bildungs- und Kulturthemen. Ältere Befragte ab 55 Jahren sorgen sich stärker als andere um die Unzugänglichkeit medizinischer Leistungen und die soziale Kluft zwischen Arm und Reich.

Im Bereich Wirtschaft zeigen sich gemischte Entwicklungen. Während die Sorge über Preissteigerungen und Armut gegenüber früheren Erhebungen zurückgegangen ist, nehmen andere Ängste leicht zu. Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise wurden jeweils von 14 Prozent genannt; bei beiden Themen verzeichnet Lewada einen leichten Anstieg. Auch verspätete Zahlungen von Löhnen, Renten und Sozialleistungen werden mit sechs Prozent etwas häufiger erwähnt als im Vorjahr.

Bei sozialen Problemen ist die Sorge insgesamt etwas gesunken. Die Erhöhung des Rentenalters und Wohnungsprobleme werden jeweils von 24 Prozent genannt, medizinische Versorgung von 19 Prozent, Drogenprobleme von 17 Prozent und kostenpflichtige beziehungsweise unzugängliche Bildung von 14 Prozent. Die scharfe soziale Spaltung zwischen Arm und Reich beschäftigt 15 Prozent der Befragten.

Korruption bleibt mit 26 Prozent ein wichtiges Thema, wird aber seltener genannt als noch im August 2024. Lewada weist darauf hin, dass Sorgen über Machtmissbrauch und staatliche Verwaltung in früheren Jahren deutlich stärker waren, insbesondere 2011 bis 2013 sowie 2019 bis 2020. Willkür von Beamten nannten aktuell nur sieben Prozent.

Auch klassische Fragen von Recht, Ordnung und Freiheit spielen in der Problemrangliste eine vergleichsweise geringe Rolle. Jeweils sieben Prozent nannten eine Zunahme der Kriminalität beziehungsweise die Unmöglichkeit, vor Gericht Gerechtigkeit zu erreichen. Einschränkungen bürgerlicher Rechte und demokratischer Freiheiten beschäftigen fünf Prozent, Polizeigewalt vier Prozent der Befragten.

Insgesamt bestätigt die Erhebung ein bekanntes Muster: Für die Mehrheit der Russen stehen soziale und wirtschaftliche Belastungen stärker im Vordergrund als abstrakte politische Freiheitsfragen. Zugleich haben sich seit Beginn des Krieges neue Problemfelder verfestigt: die Sorge um die Folgen der „Spezialoperation“, die Angst vor Anschlägen und Drohnenangriffen sowie die wachsende Unzufriedenheit über Internetbeschränkungen. Gerade der letzte Punkt zeigt einen Generationenbruch: Was für die Gesamtbevölkerung ein wichtiges, aber nicht dominierendes Thema ist, gehört für junge Russinnen und Russen bereits zu den zentralen Alltagssorgen.

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