Aus Russlandexperten werden „Russlandversteher“

Kommentar zum Russland-Unwort des Jahres 2014

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Die deutsche Mainstreampresse ist wieder mal kreativ und hat eine neue Möglichkeit gefunden, Russlandexperten, die auf Wandel durch Annährung statt auf Ausgrenzung von Russland setzen, billig abzuqualifizieren. Denn solche Experten können für die ARD und Co. ja keine richtigen Experten sein. Sie sind „Russlandversteher“.

Gebraucht wird der Begriff, den es so bis vor kurzem gar nicht gab und der es auch noch nicht in den Duden geschafft hat, inzwischen unter Mainstream-Journalisten wie selbstverständlich. Wer Russland gegenüber nach Meinung des Meinungsmachers zu unkritisch ist, wie Alexander Rahr oder Gernot Erler, dessen Qualifikation und Erfahrung man aber nicht direkt in Zweifel ziehen kann, kann man mit dem neuen Unwort „Russlandversteher“ sehr einfach dennoch einen passenden Stempel verpassen.

Denn was die Wortschöpfung automatisch implizieren soll, ist klar. Hergeleitet ist der Begriff vom „Frauenversteher“, der es 2009 in den Duden geschafft hat, als „scherzhafte oder ironische Bezeichnung für einen Mann, der sich Frauen gegenüber als sehr einfühlsam oder verständnisvoll gibt“ (Zitat Duden). Ein anderes Onlinewörterbuch wird noch deutlicher: „Jemand, der meint, er verstehe die Frauen besonders gut. Er meint es aber nur, in Wirklichkeit hat er keine Schnitte bei Frauen.“

Was dann ein Russlandversteher sein soll, ist völlig klar. Es ist nicht etwa jemand, der Russland fachkundig und kompetent gegenüber steht, sondern blauäugig und von niemandem ernst genommen werden sollte, weder von der russischen, noch von der deutschen Seite und schon gar nicht von Journalisten großer deutscher gebührenfinanzierter Medienanstalten. Da er – nach deren Meinung – alles in Russland nur durch seine „rosa Brille“ sieht. Angesichts der Tatsache, dass es sich den „Russlandverstehern“ meist um Leute mit jahrelanger Russlanderfahrung handelt, scheinen in der dortigen Luft Halluzinogene Drogen zu sein, die diesen rosaroten Blickwinkel produzieren. So werden mit einem Wort aus Personen, deren landeskundliche und politische Kenntnis Russlands die des durchschnittlichen Russland-Schreiberlings bei deutschen Auftraggebern bei weitem übersteigt, zu belächelten Witzfiguren. Belächelt von Menschen, deren Russlandkenntnisse sich häufig auf einzelne Moskauaufenthalte im dortigen Deutschenviertel beschränken. Wenn sie überhaupt real vorhanden sind.

So wie in einer neuen Analyse der ARD namens „Zar-Attitüde und KGB-Methoden“ (ein treffende Zusammenfassung der „Russlandanalysen“ aus diesem Hause), die „Russlandversteher“ und Russlandkritiker einander gebenüber stellt. Das Ergebnis steht schon vorab fest. Es geht nicht um die objektive Darstellung eines Diskurses, sondern um eine umfangreiche „Entlarvung“ der Blauäugigkeit der „Versteher“, die sich nur dadurch retten können, wenn sie auch Kritik äußern, wenigstens an Putin.

Nicht hinterfragt werden natürlich bei der ARD oder ähnlichen Anstalten die Stereotypen der „Kritiker“, ihre Selbstgerechtigkeit und ihre Oberlehrer-Mentalität. Ob die ausgrenzenden Vorstellungen radikaler Russlandkritiker zur Änderung dortiger Verhältnisse wirklich effektiv sind oder ob die rein negative Sicht aller Dinge in Russland richtig ist, ebenfalls nicht. Oder gar, warum sich unter den „Verstehern“ so viele Leute mit fundierter Russlandkompetenz befinden. Was wiederum Russlandkritiker im Kopf haben wird als richtig unterstellt, sie sind Helden, Vorkämpfer der Menschenrechte. So schauen aktuell gebührenfinanzierte Russlandanalysen aus. Wer Russland versucht zu verstehen, ist nicht ernst zu nehmen. Ernst zu nehmen ist nur nachplappern von im Westen selbst gebrautem Halbwissen, das sich konform zur eigenen Weltsicht verhält. All das mit dem höheren Ziel der Bekehrung der Menschheit von der eigenen, immer richtigen Meinung.

Seien wir ehrlich.  Wollte man eine solche Analyse in der anderen Richtung gleich  gestalten, könnte man auch Russlandexperten Russlandhassern gegenüber stellen und hätte genug Argumente dafür. Es wäre ein leichtes und nicht einseitiger als Analysen und das Russlandbild der deutschen großen Sendeanstalten. Wie tief ist das Niveau der einstmals von Kapazitäten wie Gabriele Krone-Schmaltz geleiteten Berichterstattung der ARD aus Moskau gesunken? Oh, hoppla. Das ist ja keine Kapazität, nur weil sie viele Jahre dort gelebt und sich über Jahrzehnte intensiv mit diesem Land beschäftigt hat. Sie ist ja nur eine „Russlandversteherin“.

Roland Bathon, russland.RU (Foto: Publik Domain)

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.