Zum 9. Mai: Wie sich eine gute Idee ins Gegenteil verkehrt

Meinungen aus der russischen Medienlandschaft

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Der Petersburger Abgeordnete Boris Wischnewski sinniert bei „Echo Moskwy“ darüber, wie das Georgs-Bändchen, ein Symbol für die Erinnerung an den Krieg, zu einem Zeichen für den Staatspatriotismus verkommen ist.

Zur Plenarsitzung der Petersburger Gesetzgebenden Versammlung am 3. Mai kamen alle Abgeordneten auf Bitte des Vorsitzenden Wjatscheslaw Makarow mit Georgs-Bändchen.

Alle außer „Jabloko“ – Michail Amossow und ich kamen mit den „Leningrader“ hellgrünen Bändchen, in den Farben der Medaille „Für die Verteidigung von Leningrad“.

Mit diesen Bändchen – nicht mit den Georgs-Bändchen – kommt die Petersburger „Jabloko“-Filiale in den letzten Jahren zu allen Veranstaltungen, die dem Gedenken an den Großen Vaterländischen Krieg gewidmet sind. Weil wir sie als Symbol des Krieges und der Belagerung für passender halten.

Aber als ich die Tribüne emporstieg – um vorzuschlagen, die Frage des Referendums über den Status der Isaakskathedrale auf die Tagesordnung zu setzen (ich merke an: die Parlamentsmehrheit war dagegen, und gleich heute haben wir wegen der Untätigkeit des Parlaments vor Gericht eine Beschwerde eingereicht) –, erteilte der Sprecher mir eine Rüge: Warum ich ohne Georgs-Bändchen gekommen bin? Ohne das Symbol des Sieges über die braune Pest, den Faschismus?

Ich sah mich gezwungen zu antworten, dass für mich, den Sohn und Enkel von Blockadeteilnehmern, das „Leningrader“ Bändchen ein nicht minderes Symbol für den Sieg und das Gedenken ist. Und dass ich Rügen dieser Art nicht akzeptiere – weil sie ganz offensichtlich ungerecht sind.

Außerdem hatte das Tragen von diesen oder jenen Bändchen nichts mit der Tagesordnung der Sitzung zu tun (da gab es keine einzige Frage, die mit dem Thema Krieg zusammenhing). Und bis zum Fest des Sieges war es noch fast eine Woche hin. Ganz zu schweigen davon, dass Abgeordnete freie Menschen sind und selbst entscheiden, was sie tragen oder nicht…

Übrigens liegt das Problem viel tiefer als der (meiner Meinung nach völlig aus der Luft gegriffene) Konflikt bei der Sitzung des Stadtparlaments.

Die „Georgs“-Farben wurden noch zu Sowjetzeiten verwendet – auf der Spange der Medaille „Für den Sieg über Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg“, auf Ansichtskarten und Plakaten. Aber sie fanden keine weite Verbreitung.

Vor zwölf Jahren – im Mai 2005 – wurden bei den Feiern zum 60. Jahrestag des Sieges massenhaft Georgs-Bändchen verteilt. Warum? Auf diese Weise sollte wohl ein neues Massensymbol für den Sieg geschaffen – weg von der roten Fahne, die traditionell mit den Kommunisten und ihrer Ideologie verbunden ist.

Die Idee war ein Erfolg – das Bändchen fand tatsächlich weite Verbreitung. Weil es vielen das Gefühl gab, persönlich an der Siegesfeier teilzunehmen. Das Gefühl der Mitbeteiligung an der Geschichte des eigenen Landes.

Aber leider hielt das nicht lange an – obwohl auch heute Hunderttausende Menschen völlig aufrichtig Georgs-Bändchen tragen, und das nicht nur während der Feiern zum Sieg.

Das Georgs-Bändchen verwandelt sich immer mehr von einem persönlichen Symbol zu einem kalten Symbol für Staatspatriotismus. Das bereits weniger das Gedenken an den Krieg symbolisiert, als die Loyalität zur Staatsmacht und ihrem Kurs.

Die ursprüngliche Vereinigung der Menschen mit Hilfe der Georgs-Bändchen wurde immer mehr zu einer Formalität. Die Bändchen tauchten auf einmal überall auf – sogar an Einkaufstaschen und Hundehalsbändern.

Immer mehr verbreitete sich die Vorstellung, dass ein „richtiger“ Patriot den Tag des Sieges nur auf diese Weise feiern muss – indem er sich ein Georgs-Bändchen ansteckt. Und wer das nicht tut, der ist ein „falscher“ Patriot. Oder gar keiner.

Im Endeffekt hat sich Patriotismus in Pseudopatriotismus verwandelt, der immer aggressiver denen gegenüber wird, die „nicht so sind“. Sowohl im Land als auch jenseits seiner Grenzen.

Innerhalb des Landes werden die Georgs-Bändchen immer öfter von militanten Provokateuren aus kremlnahen Bewegungen benutzt, die Oppositionsaktivisten überfallen. In Kombination mit Mummenschanz vom Hinterhof (wie „Obama ist ein Trottel“ und „wir kommen wieder“).

Und außerhalb des Landes wurden diese Farben – besonders ab Frühjahr 2014 – zum Symbol für die putinsche Außenpolitik. Mit ihrem „Anschluss“ der Krim, der Entsendung von „Freiwilligen“ und „Traktoristen“ in den Osten der Ukraine und den Drohungen, die „russische Welt“ mit Gewalt bis an die Grenzen der früheren UdSSR auszuweiten.

Zum Symbol für jenes Antlitz – imperial und rüpelhaft, aggressiv und frech und überzeugt von seiner Straffreiheit (wir merken an: bis zur ersten Gegenwehr), das dieses Regime der Umwelt entgegenhält.

Unter diesen Bedingungen darf man sich nicht wundern, was außerhalb Russlands vom Georgs-Bändchen gehalten wird. Wie man sich nicht wundern darf, dass viele in Russland – wie der Autor selbst – es nicht mehr für möglich halten, es zu tragen.

Dabei war die Idee, wie bereits gesagt, eine gute. Aber sie wurde verdorben – wie alles, was die Staatsmacht für die eigenen Interessen zu nutzen beginnt.