WM 2018: Entzugsdebatten und ein Eröffnungsspiel

Foto: © Michael Barth/russland.RU
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Gestern Abend wurde das Weltmeisterschafts-Stadion in Sotschi mit einem Testspiel eingeweiht. Parallell dazu wurden erneut Forderungen laut, Russland die WM 2018 wieder zu entziehen. Diesmal kommt der Steilpass aus den Reihen der deutschen Politik.

Bei schönstem Frühlingswetter wurde gestern Abend das neu gestaltete Stadion in Sotschi eingeweiht. Die Arena, vielmehr der zu diesen Zwecken umgebaute Sporttempel, in dem die Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Winterspiele 2014 zelebriert wurden, ist, das hat sie bewiesen, Wettkampftauglich – eigentlich. Aber eigentlich soll Russland die Weltmeisterschaft wieder einmal entzogen werden. Nach der Doping-Affäre sind es diesmal die Anti-Korruptions-Proteste in mehreren russischen Städten, die die Debatte neu entflammen.

„Ein Land, das nicht einmal die elementarsten Bürger- und Grundrechte garantieren kann, sollte grundsätzlich keine Weltmeisterschaft ausrichten“, fordert nach Angaben der Nachrichtenagentur ‚dpa‘ der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Michael Fuchs. Um gleich noch hinterher zu schieben, dass die „schwierige Menschenrechts- und Sicherheitslage“ ohnehin „viele Fans davon abhalten wird, nach Russland zur WM zu fliegen“. So der fromme Wunsch, der bei dem CDU-Politiker Vater des Gedanken zu sein scheint. Zwar findet Fuchs, dass ein Boykott internationaler Sportveranstaltungen der seltenste Ausnahmefall bleiben solle, „aber Russland bewegt sich seit geraumer Zeit auf einer gefährlichen Gratwanderung!“

Ins gleiche Horn stößt derweil, wie die Agentur berichtet, der Russland-Beauftragte der Bundesregierung Gernot Erler von der SPD: „Seit die FIFA die WM-Entscheidung im Dezember 2008 gefällt hat, haben sich die innenpolitischen Verhältnisse in Russland zulasten der kritischen Zivilgesellschaft deutlich verschlechtert.“ Eine Revision dieser Entscheidung läge in Erlers Augen allein in den Händen der FIFA. Russland wird indes die Vorbereitungen zur Weltmeisterschaft wie gehabt fortsetzen, so der Cheforganisator Alexej Sorokin laut der russischen Nachrichtenagentur ‚R-Sport‚. Da für ihn die Diskussion von Politikern entfacht wurde und nicht von Verantwortlichen aus dem Fußball, sei es für ihn „unangebracht, sie in unsere Arbeit einzubeziehen.“

„Wir machen uns um gar nichts Sorgen“ betonte auch der russische Sportminister Witali Mutko gegenüber der Agentur ‚Interfax‘ am Mittwoch in Moskau. „Dem müssen wir keine Aufmerksamkeit schenken“, erklärte er zu den Versuchen westlicher Politiker, „Russland zu isolieren“. „Wir machen die WM und bereiten sie gemeinsam mit der FIFA mit aller Sorgfalt vor“, sagte er entschieden.

Politik und Sport – eine brisante Mischung

Um einiges deutlicher äußerte sich Alexej Kondratjew als Mitglied des Föderationsrates Russlands in russischen Medien: „Stellen Sie sich vor, dass solche Ereignisse wie in Moskau in Berlin stattgefunden hätten … Wenn eine Gruppe von Protestlern auf die Museumsinsel marschiert und Polizisten Widerstand geleistet hätte, anstatt sich im ersten Verwaltungsbezirk von Berlin Mitte, wo die Kundgebung erlaubt ist, zu versammeln.“ Dabei, so sagt er, habe sich Russland immer als Beispiel das Vorgehen der deutschen Polizei genommen. „Möglicherweise denken die deutschen Politiker, dass das Vorgehen der russischen Polizei zur Herstellung der Rechtsordnung die Gewährleistung der Sicherheit während der Fußball-WM im Jahr 2018 diskreditiert.“

Eindringlich verweist Kondratjew auf die russischen Gesetze: „Wir haben auf Gesetzgebungsebene solche Sicherheitsmaßnahmen eingeführt, die es in Deutschland gar nicht gibt.“ Für ihn gelte bei Sportveranstaltungen die Regel, jegliche Kriege und politischen Intrigen ruhen zu lassen. „Russland möchte in den deutschen Politikern Leute sehen, die gemeinsam mit uns den internationalen Sport entwickeln. Wir möchten ein Fest für Menschen aus der ganzen Welt – sowohl für die Sportler als auch deren Fans – veranstalten. Dafür sind Zusammenarbeit und gegenseitiges Einverständnis erforderlich!“

Am Rande all dieser unsportlichen Debatte fand allerdings auch ein sportlich reales Fußballspiel der russischen Nationalmannschaft statt. Die Premiere bei einem weiteren Testspiel gegen die Auswahl Belgiens in der für die WM tauglich gemachten ‚Sotschi-Arena‘ lockte rund 40.000 Zuschauer bei schönstem Frühlingswetter. Der geneigte Beobachter aus dem Fernsehsessel weiß zu berichten, das Stadion macht etwas her und die Stimmung war hervorragend. Der russische Sportminister Witali Mutko strahlte ob der Präsentation einer weiteren fertig gestellten Wettkampfstätte für das Turnier mit seinen Begleitern um die Wette und mit Alex Witsel saß ein Spieler auf der belgischen Auswechselbank, der bis zur letzten Saison seine Brötchen noch bei Zenit St. Petersburg verdiente.

Das schnelle Führungstor der ‚Sbornaja‘ in der dritten Spielminute durch Viktor Vasin euphorisierte zwar das Publikum, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch ein gehöriges Stück Arbeit vor dem russischen Cheftrainer Stanislaw Tschertschessow liegt, wenn seine Mannschaft bei den anstehenden Turnieren nicht sang- und klanglos untergehen will, wie bereits bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Als sich Russland in seiner frühen Führung sonnte, drehten die Belgier den Spieß einfach um und deklassierten die ‚Sbornaja‘ mit 1:3 zur Halbzeitpause. Erst ab Mitte der zweiten Hälfte besannen sich die Russen wieder auf das Fußballspielen und ihren eigentlichen Auftrag.

Erst ab der 75. Spielminute fand Russland wieder zurück in die Spur und erzielte durch Aleksej Mirantschuk den Anschlusstreffer. In der Nachspielzeit, unmittelbar nachdem der Ball mutterseelenallein auf das leere belgische Tor zurollte, jedoch nur das Außennetz berührte, traf der russische Stürmer Aleksandr Bucharow doch noch zum freundschaftlichen 3:3 Endstand. Sotschi war zufrieden und ganz Russland dürfte am Ende ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen sein. Lediglich in der Politik debattieren sie noch.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.