Wenn Rechtsaußen auf der Friedenswelle schwimmt

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[Kommentar von Michael Barth] Es ist wieder soweit, die „Druschba“-Friedensfahrt macht sich auf den Weg, um Russland heimzusuchen. Zum motorisierten Tross der Bekehrer, der jedem zwischen Berlin und Moskau erklären will, wie toll das Land und dessen Politik ist, werden die Missionare dieses Jahr in St. Petersburg zusätzlich einen Schwimmer mit an den Start schicken.

Wir erinnern uns: Letztes Jahr im August wurde eine Friedensfahrt von Berlin nach Moskau unter dem Motto „Druschba“ (Freundschaft) als symbolischer Akt initiiert, um den Russen zu beweisen, wie doll lieb wir Deutsche sie doch haben. Das Auffälligste an dieser Friedenskarawane jedoch war, dass sich offenbar die wenigsten der rund 250 Mitgepilgerten überhaupt für Russland und seine Bewohner interessierten. An sich als fern aller Politik organisierte Völkerverständigung  gedacht, wurde sehr schnell deutlich, dass sich dahinter eine Werbeveranstaltung des rechten politischen Randes verbarg. Die Vita der Organisatoren und Unterstützer liest sich daher wie ein Who is Who der tiefrotbraunen Verschwörungsesotheriker.

Allen voran der Konfliktforscher Dr. Rainer Rothfuß, ein CSU-Politiker aus dem südostdeutschen Raum, der sich inzwischen näher an Beatrice von Storch als an den bayrischen Landesvätern wiederfindet und nicht müde wird, sich durch den medialen Meinungsgestalter Ken Jebsen (Ken-FM) ins rechte politische Licht zu rücken. Oder zum Beispiel Owe Schattauer, selbsternannter „C-Rebell“ und Mann fürs Grobe, der in sozialen Netzwerken nicht müde wird, in bester Pegida-Manier zu verbreiten, was er über Migranten denkt und von bereits integrierten Mitbewohnern mit ausländischen Wurzeln hält. Er unterhält augenscheinlich beste Kontakte zur „Nationalen Befreiungsbewegung“ NOD, einer rechtsradikalen Schlägertruppe aus der Kaderschmiede des Duma-Abgeordneten Jewgeni Fjodorow.

Einfarbige Polemik des Friedens

Keine Gelegenheit wurde und wird von der Karawane ausgelassen, den Russen die Verbundenheit und Freundschaft mit den rechtschaffenen Deutschen unter die Nase zu reiben, ob sie das nun wollen oder nicht. Da kann eine ehrwürdige Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer des Weltkrieges schnell einmal zum Podium für die selbsternannten Sprecher der rechten völkischen Freundschaft werden. Kritiker der Initiative sind zudem der Meinung, man nutze die Medien in Russland, um die heimischen Medien zu tadeln und um die eigene Regierung zu kritisieren. Die Liste der Unterstützer und Förderer aus der russischen Medienlandschaft mag ihnen recht geben. Auch wenn die Russen den Sinn der Fahrt vielleicht nicht ganz verstanden haben mögen – dass spätestens seit Beginn des Krimkonflikts etwas faul ist in der Bundesregierung um Kanzlerin Merkel, das ahnten sie dann doch.

Auf der großen Berlin-Moskau-Fahrt 2016 wirkte es drollig, mitunter auch peinlich, wenn die überengagierten Apostel der Freundschaft ihre Flyer und Druschba-Fähnchen an verdatterte Kinder in russischen Einrichtungen verteilten. Die verstanden zwar nicht wozu das Ganze dienen sollte, revanchierten sich aber artig mit Selbstgebackenem. Eine ganz andere Qualität barg da schon die „Audienz“ bei einem German Sterlingow, der keinen Hehl daraus macht die Wiedererschaffung des alten Russlands anzustreben. Ein Russland, in dem gemäßigte Liberale keinen Platz haben, der der Frau unmissverständlich hinter dem ihres Gatten ist und gesellschaftliche Randgruppen ohnehin keine Daseinsberechtigung haben. Notfalls müsse eben mit Waffengewalt für Ordnung gesorgt werden.

Nun hat die rechte bis rechtsoffene Druschba-Truppe einen weiteren prominenten Teilnehmer akquirieren können, der den Tross zwar nicht mit dem Auto begleiten wird, aber dafür für den Frieden schwimmt. Marco Henrichs, ein 42-jähriger Feuerwehrmann mit Wahlwohnsitz im Allgäu, der zum Triathleten umgesattelt hat. Auf seiner Homepage wuselt es von Leistungen und Rekorden, Workshops und zum Verkauf angebotenen Produkten. Er will den 77 Kilometer langen Lauf der Newa von Schlüsselburg am Südrand des Ladoga-Sees bis nach St. Petersburg durchschwimmen. Ursprünglich war ein ähnliches Spektakel eigentlich zwischen den Hauptinseln Neuseelands geplant, doch Russland, dazu noch mit Frieden und Freundschaft in einen Topf gerührt, verkauft sich derzeit deutlich besser, um potentielle Sponsoren an Land zu ziehen.

Willkommen zum Ende der Willkommenskultur

Auch Henrichs versäumt es nicht, auf seiner Facebook-Seite neben sportlichen Höhepunkten seinen Standpunkt zu der, für ihn gescheiterten, „Willkommenskultur“ Deutschlands zu predigen. Die Versäumnisse der Bundesregierung, die er anspricht trug er in einem offenen Brief dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck vor. Im Konkreten bezog sich Henrichs darin auf den LKW-Anschlag 2016, als ein islamistischer Attentäter in eine Menschenmenge auf dem Berliner Weihnachtsmarkt fuhr. „Fangen Sie bitte langsam an, diese Menschen, die unsere Hilfe und unser System mit Füßen treten, des Landes zu verweisen“, fordert der Triathlet und beklagt sich, dass er nicht weiß, wie er das alles seinen Kindern erklären soll.

Dafür, dass dieser „Druschba-Megaevent“ , wie ihn die Freundschaftsfahrer hochstilisieren, bereits am ersten August über die Bühne gehen soll, ist er bisher außer bei den Auslandsmedien des russischen Staates doch ziemlich unbeworben. Dafür bekommt Henrichs auf der Veranstaltungshomepage der rechtsgesteuerten Fahrgemeinschaft einen Auftritt, der einem Gladiatoren zur Ehre reichen würde. Demnach wolle der Extremsportler zeigen, wie wichtig ihm der Frieden ist, wird da pathetisch erklärt und die hehre Völkerfreundschaft einmal mehr quälend bemüht. Der Rest verliert sich dann wie weiterziehendes Newa-Wasser in naiven Phrasen für den Frieden.

Selbst die örtliche Presse in St. Petersburg will nicht sonderlich Notiz von dem Friedensschwimmer nehmen. So wie es aussieht, wird das Newa-Ufer zum großen Schauspiel nicht von Menschenmassen gesäumt sein, die sich an Strömen von Freibier laben. Insgesamt fällt das Interesse außerhalb der Friedensfahrer-Gemeinschaft mäßiger aus als noch im letzten Jahr. Konnten sich seinerzeit die Medien immerhin noch auf deren Nähe zur russischen Regierung einschießen, scheint auch dieses Pulver verraucht. Der große Bahnhof blieb, von inszenierten Selbstweihräucherungen einmal abgesehen, weitgehend aus.

Als der Tross mit 347 angemeldeten Teilnehmern am 27. Juli auf die große Reise ging, um auf diesmal sieben verschiedenen Touren wie die Bewahrer der rechten Werte  über das Land herzufallen und die Völkerfreundschaft zu predigen, scharten sich gerade einmal ein paar Dutzend Menschen um eine Bühne, von der weichgespülte Friedenspolemik rieselte. Den Russen wird das egal sein – die Karawane wird wieder vorüber ziehen. Mit oder ohne Frieden, Freundschaft und rechtsgerührtem Eierkuchen.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.