Was wissen wir über den postsowjetischen russischen Ultranationalismus – Anstelle eines Nachrufes auf Galina Koshewnikowa (1974-2011)

[von Andreas Umland] Kiew – Vor einem Jahr, am 5. März 2011, verstarb nach längerer Krankheit Dr. Galina Koshewnikowa, die stellvertretende Direktorin des Moskauer „SOVA“-Zentrums. „SOVA“ (Eule) dürfte den meisten Russlandbeobachtern bekannt sein als die führende jener wenigen russischer NGOs, die sich mit dem Monitoring und der Analyse rechtsextremistischer Tendenzen und Gewalttaten in Russland befassen.

Abgesehen davon, dass Galja ein außergewöhnlich helles Gemüt hatte, war sie eine der profiliertesten russischen SpezialistInnen für Ultranationalismus und Xenophobie im postsowjetischen Raum. Die Signifikanz der vielen Publikationen Galjas wurde etwa darin deutlich, dass die Forscherin mehrfach von russischen Neonazis verbal und physisch bedroht wurde. Mit ihrem Tod verliert Russland einen wichtigen Beiträger zu seinem innenpolitischen Diskurs. Da die Forschungsobjekte Galjas in den vergangenen Jahren an politischer Bedeutung gewonnen haben, hätte ihr Weggang kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können.

Leidet doch Galjas wichtigstes Analysethema – heutiger russischer Ultranationalismus – an „Unterforschung“. Trotz der hohen aktuell-, ja, wie unten dargelegt, sicherheitspolitischen Relevanz der in den „SOVA“-Berichten zu russischem Rechtsextremismus dargelegten Ereignisse und Trends, ist die internationale Gemeinde der Forscher, welche sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen, klein. Damit ist auch die Zahl der bisherigen relevanten politologischen und zeitgeschichtlichen Publikationen zum Thema gering. Dafür mögen uns Sozialwissenschaftler anderer Untersuchungsbereiche, die womöglich mit „Überforschung“ konfrontiert sind, beneiden.

Allerdings ist das Brachland an mehr oder minder unbearbeiteten Themen im Bereich „Russischer Ultranationalismus“ bzw. die Zahl der bislang nicht oder gering untersuchten Parteien, Gruppierungen, Zirkel, Verlage, Organe, Publikationen usw. inzwischen so groß, dass der einzelne Forscher in einer Flut an ungeprüften, ungeordneten und unverknüpften Informationen versinkt.

Die Vielfalt der ultranationalistischen Erscheinungen im heutigen Russland ist hoch, und die Tendenz scheint weiter steigend. Wie Galina und der „SOVA“-Gründer Alexander Werchowski sicher zugestimmt hätten, beobachtet „SOVA“ bei Weitem nicht alle relevanten ultranationalistischen Tendenzen in der russischen Gesellschaft gezielt. In den „SOVA“-Berichten ging und geht es hauptsächlich um Hassverbrechen bzw. Hate Speech, religiösen Extremismus, physische und andere Gewalt sowie die Art und Weise ihrer – häufig kritikwürdigen – Verfolgung durch die russischen Rechtsschutzorgane.

Damit verbundene Phänomene in der Parteienlandschaft, in Kunst und Literatur oder auch im Hochschul- bzw. Verlagswesen wurden und werden von „SOVA“ nur unregelmäßig registriert und analysiert. Man würde sich im Grunde einen zweiten alljährlichen Bericht von „SOVA“ oder einem anderen Monitoringzentrum zu solchen weiteren Tendenzen wünschen. Dies gilt umsomehr, als von letztgenannten Erscheinungen häufig jene Konzepte und Theorien ausgehen, die russischen Skinheads und anderen Rassisten zur Begründung, Steuerung und Rechtfertigung ihrer Verbrechen dienen.

Es werden zwar eine hohe Menge an Daten durch Presse- und andere Organe allwöchentlich zur Verfügung gestellt. Insbesondere entlarvt die zwar nur noch wenig einflussreiche, aber weiterhin existente Journalisten-Community der verbliebenen russischen unabhängige Periodika (z. B. „Novaja gazeta“, „The New Times“) sowie regierungsfernen informativen www-Zeitungen (Polit.ru, Gazeta.ru, Grani.ru u. a.) mit Mut und Verve nationalistische Phänomene in der russischen Gesellschaft, Kultur und Politik. Jedoch gibt es nur wenige Wissenschaftler inner- und außerhalb Russlands, die sich systematisch mit diesem Datenstrom auseinandersetzen.

Meines Wissens beschränkt sich die Zahl der „hauptberuflichen“ Erforscher von postsowjetischem russischen Ultranationalismus auf weniger als ein Dutzend Personen. Es scheint – neben „SOVA“ – weltweit nur wenig mehr als eine Handvoll von Analytikern zu geben, etwa Marléne Laruelle (Washington, DC), Wladimir Pribylowski (Moskau), Wiktor Schnirelman (Moskau), Wladimir Malachow (Moskau) oder John B. Dunlop (Stanford), die mehr oder minder intensiv Informationen zu diesem Thema sammeln, übersetzen, sichten, filtern und analysieren sowie Ergebnisse langfristiger, systematischer Arbeit regelmäßig an die Öffentlichkeit bringen.

Angesichts des innenpolitischen Gewichts des erstarkten russischen Nationalismus sowie der fortgesetzten Bedeutung Russlands im internationalen Machtgefüge ist die Unterbesetzung unseres Forschungsgebietes nicht nur aus regionalwissenschaftlicher Perspektive schmerzlich. Die „Personalprobleme“ der russlandbezogenen Rechtsextremismusforschung sind auch unter einem politisch-praktischen Gesichtspunkt riskant. Wir bleiben – insbesondere nach Galjas Weggang – schlecht informiert über die anwachsenden extremistischen Aktivitäten im größten Land der Erde, welches auf absehbare Zeit eine nukleare Supermacht bleiben wird. Dies ist ein Luxus, den sich z. B. die Europäische Union eigentlich nicht leisten kann.

Die Kosten einer fortgesetzten wissenschaftlichen Unterbelichtung der mannigfachen rechtsradikalen Tendenzen in Russland sowie daraus folgender politischer Fehleinschätzungen und -entscheidungen der russischen Innen- und Außenpolitik könnten in einem Worst-Case-Szenario hoch sein.

Charakteristisch war in den Neunzigern etwa die sowohl russische als auch westliche Ignoranz bezüglich der steilen Karriere und aggressiven Ideologie des ersten prominenten postsowjetischen Rechtsextremisten, Wladimir Shirinowski. Der sowohl in der euro-amerikanischen Postsowjetologie als auch internationalen Extremismusforschung weitgehend unbemerkt gebliebene Aufstieg Shirinowskis 1990-1993 war – neben anderen Gründen – Bestimmungsfaktor für eine der destruktivsten politischen Entscheidungen Boris Jelzins – die militärische Intervention in Tschetschenien vom Dezember 1994.

Shirinowskis so genannte Liberal-Demokratische Partei (LDP) war damals die einzige Staatsdumafraktion, die dieses Abenteuer von Anfang an ausdrücklich unterstützte. Ja Shirinowski Wahlkampfrhetorik vom „letzten Sprung nach Süden“ ein Jahr zuvor hatte in mancher Hinsicht Jelzins Kaukasusabenteuer vorbereitet.

Zwar war Shirinowski an der Beschlussfassung zu diesem Eingreifen – soweit bekannt – nicht beteiligt. Eine Reihe von ernst zu nehmenden zeitgenössischen Beobachtern, unter ihnen der seinerzeit bekannte demokratische Politiker Grigori Jawlinski sowie das russisch-amerikanische Publizistenpaar Elena Klepikova und Vladimir Solovyov, hat jedoch zu Recht bemerkt, dass ohne den triumphalen Sieg von Shirinowskis LDP in den ersten postsowjetischen Staatsdumawahlen im Dezember 1993 (22,92 %) die Entscheidung zum Sturm auf Grozny womöglich nicht gefallen wäre. Zumindest wäre sie auf stärkeren Widerstand in Politik und Gesellschaft gestoßen.

Im Anschluss an Shirinowskis überraschenden 1993er Wahlerfolg wurden die Demokraten politisch geschwächt. Jegor Gaidar und weitere Demokraten verließen die russische Regierung. Gleichzeitig stieg die Präsenz neoimperialer Ideen, nationalistischer Denkfiguren und militaristischer Rhetorik im russischen Parlament, Moskauer Elitendiskurs und gesamtnationalen Medienrummel. Dies wiederum war ein wesentlicher Hintergrund, wenn nicht eine notwendige Bedingung für die Dominanz der sogenannten „Kriegspartei“ in der regierungs- bzw. administrationsinternen Auseinandersetzung um die Frage, wie das föderale Zentrum auf den eskalierenden Konflikt in Tschetschenien reagieren soll.

Wie bekannt, waren nicht nur die direkten Folgen des Kaukasusabenteuers Jelzins in ihrer humanitären Dimension katastrophal. Die Rückwirkungen der beiden Tschetschenienkriege auf die russische nachsowjetische Gesellschaft, politische Kultur und krisengeschüttelte Wirtschaft waren, nach Leonid Luks, wichtige Gründe des Scheiterns der zweiten russischen Demokratie (nach dem ersten fehlgeschlagenen Demokratisierungsversuch zwischen Februar 1917 und Januar 1918). Von der russischen und westlichen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat ein – von vielen Beobachtern immer noch als solcher verstandener – „politischer Clown“, der Rechtsextremist Wladimir Shirinowski, zumindest indirekt zum Scheitern der Demokratisierung des größten Landes der Erde beigetragen.

Die Biografien der teils nicht weniger schrillen, zahlreichen weiteren politischen und intellektuellen Führer der extremen russischen Rechten sowie deren Entourage, Organisationen und Aktivitäten sind meist noch weniger erforscht als der politische Werdegang und Einfluss Shirinowskis.

Zwar gibt es Teilphänomene des postsowjetischen russischen Ultranationalismus, wie etwa ethnozentristische Tendenzen in der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation oder der so genannte „Neoeurasimus“ Alexander Dugins, die sich Beliebtheit in der heutigen Russlandforschung erfreuen. Sie sind inzwischen ausführlich beschrieben, analysiert sowie diskutiert worden sind. Es bleiben jedoch immer noch Dutzende mehr oder minder relevante ultranationalistische Parlamentarier, Aktivisten, Publizisten, Parteien, Gruppierungen, Publikationsorgane usw. bezüglich derer es nicht eine einzige ausführliche wissenschaftliche Untersuchung zu ihrer Herkunft, Stellung und Rolle in der russischen Gesellschaft und Politik gibt. Häufig sind die von „SOVA“ sowie deren befreundeter „Panorama“-Agentur (W. Pribylowski) produzierten Handbücher zu den Biografien der wichtigsten Ultranationalisten sowie den Chronologien der Entwicklung ihrer Organisationen die einzigen detaillierten, einigermaßen umfassenden Sekundärquellen zu diesen Phänomenen.

Vor diesem Hintergrund ist Koshewnikowas Weggang nicht nur ein großer menschlicher Verlust für ihre Verwandten und Freunde. Galjas allzu früher Tod bedeutet auch einen disproportional schweren Schlag für die russlandbezogene Rechtsextremismusforschung. Auf absehbare Zeit wird sie kaum jemand in den russischen öffentlichen und akademischen Debatten um den steigenden russischen Ultranationalismus ersetzen können. Bleibt zu hoffen, dass sich sowohl in Russland als auch anderen Ländern neugierige Diplomanden, Doktoranden und Postdoktoranden finden, welche die gesellschaftliche Bedeutung und wissenschaftliche Fruchtbarkeit einer Fortführung von Koshewnikowas Forschung erkennen.

Anmerkungen:
1 Umland 2010.
2 Fernsehsendung „Itogi“, 18.12.1995, NTV – Nezavisimoje televidenie.
3 Klepikova/Solovyov 1995.
4 Luks 2010.

Literaturverweise:
Klepikova, Elena / Solovyov, Vladimir: Zhirinovsky. The Paradoxes of Russian Fascism. Übersetzt von Catherine A. Fitzpatrick. Harmonsworth, Middlesex, Viking/Penguin Group, 1995.
Luks, Leonid: Anmerkungen zum Scheitern der „ersten“ und der „zweiten“ russischen Demokratie (1917/18; 1991-2000). In: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 14/2, 2010, S. 111-152.
Umland, Andreas: Zhirinovskii as a Fascist. Palingenetic Ultra-Nationalism and the Emergence of the Liberal-Democratic Party of Russia in 1992-93. In: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 14/2, 2010, S. 189-216.

In Deutschland erschienene Bücher Galina Koshewnikowas:
Galina Koževnikova und Aleksandr Verchovskii, Hrsg.: Etničeskaja i religioznaja intolerantnost‘ v rossijskich SMI. Rezul’taty monitoringa 2001-2004 gg. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 18. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2005.
Galina Koževnikova: Radikal’nyj nacionalizm v Rossii i protivodeistvie emu. Sbornik dokladov Centra “Sova“ za 2004-2007 gg. S predisloviem Aleksandra Verchovskogo. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 52. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2007.
Galina Koževnikova und Vladimir Pribylovskij: Rossijskaja vlast‘ v biografijach I. Vysšye dolžnostnye lica RF v 2004 g. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 53. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2007.
Galina Koževnikova und Vladimir Pribylovskij: Rossijskaja vlast‘ v biografijach II. Členy Pravitel’stva RF v 2004 g. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 54. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2007.
Galina Koževnikova und Vladimir Pribylovskij: Rossijskaja vlast‘ v biografijach I. Rukovoditeli federal’nykh služb i agenstv v 2004 g. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 55. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2007.
Galina Kozhevnikova in collaboration with Alexander Verkhovsky and Eugene Veklerov: Ultra-Nationalism and Hate Crimes in Contemporary Russia. The 2004-2006 Annual Reports of Moscow’s SOVA Center. Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Bd. 77. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2008.
Galina Koschewnikowa unter Mitarbeit von Alexander Werchowski: Ultranationalismus und Antiextremismus im heutigen Russland. Jahresbericht des Zentrums „SOVA“ 2009. Herausgegeben und aus dem Russischen übertragen von Felix Jaitner. Soviet and Post-Soviet Politics and Society. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2012, im Druck.

Dr. Dr. Andreas Umland ist Mitglied des Zentralinstituts für Mittel- und Osteuropastudien Eichstätt http://ku-eichstaett.academia.edu/AndreasUmland sowie Valdai Discussion Club (http://valdaiclub.com/authors/22183.html), DAAD-Fachlektor für Politikwissenschaft an der Nationalen Universität „Kiewer Mohyla-Akademie“, Redakteur der Buchreihe „Soviet and Post-Soviet Politics and Society“ (http://www.ibidem-verlag.de/spps.html ), Mitherausgeber der Webzeitschrift „Forum novejšej vostočnoevropejskoj istorii i kul’tury“ (http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forumruss.html) sowie Verwalter des Webarchivs „Russian Nationalism“ http://groups.yahoo.com/group/russian_nationalism

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