Sanktionen: Türkei gewinnt die „Goldene Zitrone“

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Ankara/Moskau – Der Händel um die gegenseitigen Lebensmittelsanktionen trägt mittlerweile prächtige Früchte. Inzwischen sollte auch den Letzten klar geworden sein, dass das Embargo, gerade von Lebensmitteln, wie ein Bumerang zurückflog. Den Schaden haben nun die ehemals exportierenden Länder selbst am Bein. Jetzt freuen sich andere.

Als erstes, und das war schon ziemlich bald nach Einführung des Handelsverbots, meldete sich der deutsche Bauernverband zu Wort. Der Erlös der deutschen Agrarbetriebe sei im vergangenen Wirtschaftsjahr um mehr als ein Drittel eingebrochen, so heißt es von der Agrarfront. Auch die Obstbauern hatten ihre liebe Müh‘ mit der vergangenen Saison. Von den weiter verarbeitenden Betrieben ganz zu schweigen. Gerade die mittelständischen Unternehmen spüren nun den Wegfall des Marktsegments und die meisten von ihnen stecken in einer Krise.

Im restlichen Europa sieht die Situation nicht anders aus. Im Norden der Fisch, im Osten Gemüse und Geflügel. Auch Spanien, Griechenland und Italien blieben plötzlich auf ihren Südfrüchten sitzen. Die Ausfälle stapeln sich bereits auf etliche Milliarden Euro. Aber es gab auch Krisengewinner, denn plötzlich saß die Türkei als lachender Dritter auf seiner sicheren Obstkiste. Nachdem der Europäischen Union der russische Markt weggefallen war, haben sich die Türken vor Freude die Hände gerieben und werden dem Himmel gedankt haben, dass sie nie in die EU aufgenommen wurden.

Türkei nimmt sich selbst vom Markt, Syrien frohlockt

Nun haben die Türken ja unlängst ihre Gans mit den goldenen Eiern selbst geschlachtet, indem sie kurzerhand ein russisches Militärflugzeug vom Himmel holten. Nüsse, Gemüse, Fleisch und Fisch – Njet! Allein der Handel mit türkischen Zitrusfrüchten belief sich zuletzt auf etwa 40 Prozent dieser von Russland importierten Obstsorten. Und mit einem Mal wird Russland von einer Riesenwelle der Solidarität überrollt. Plötzlich stehen, sicher nicht ganz ohne Eigennutz, sämtliche potentielle Aspiranten Schlange vor Russlands Tür, um die Scharte der Türkei auszumerzen.

Allen voran Syrien. Mit denen sei man sich schon Handelseinig, heißt es aus dem Kreml. Die Syrer indes packen bereits fleißig an. „Wir bereiten rund 700.000 Tonnen Zitrusfrüchte, meist Orangen, für die Verschiffung auf den russischen Markt vor“, sagte Faris Chehabi, der Vorsitzender der syrischen Industrie- und Handelskammer. Zudem erwähnte er ganz nebenher, dass andere syrische Waren wie Textilien auch gleich mitgeliefert würden. “Moskaus verhängtes Embargo über türkische Waren könnte syrischen Produzenten dabei helfen, erfolgreich in den russischen Markt einzusteigen“, frohlockt Chehabi.

Genauso spontan kam die Reaktion aus Ägypten. Kairo bat die russischen Behörden um eine Auflistung der verbannten türkischen Produkten, damit man entsprechende Maßnahmen einleiten könne. Marokko und Libyen könnten bald die nächsten Interessenten als Außenhandelspartner für Russland sein. Und dann lauert ja noch ein wirtschaftliches „Schwergewicht“ in seinen Startlöchern: Der Iran. Jahrzehnte lang zum Schweigen verdammt, hegt das Land nicht ohne Grund die Hoffnung, wieder zur zentralasiatischen Wirtschaftsgröße, neben Usbekistan und Kasachstan, heranzuwachsen.

Man sieht, Russland steht nicht ohne Freunde da. Andrerseits muss sich aber auch Moskau, trotz aller Sympathiebekundungen, nach Alternativen für seine eigenen Ausfuhrärkte suchen. Immerhin war Russland der Großexporteur für die Türkei. Den Hauptanteil hatte Getreide mit 56,1 Prozent. Aber auch für dieses Problem sieht man im Kreml bereits eine Lösung. Alternative Abnehmer stünden mit Ländern im Nahen Osten, einschließlich Israel zur Disposition. Und auch auf den Schwarzen Kontinent habe man ein Auge geworfen – ja, warum nicht Afrika…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.