Jekaterinburg: 3 1/2 Jahre Haft für Pokemon Go?

Jekaterinburg: 3 1/2 Jahre Haft für Pokemon Go?

[von Roland Bathon] Man hält es zunächst für Fake-News, aber es wird auch in der örtlichen Presse dort überall berichtet: Ruslan Sokolovsky, ein russischer Videoblogger und Jura-Student, soll wegen Pokemon-Go-Spielens in einer Kathedrale in Jekaterinburg nach dem Willen der Staatsanwaltschaft drei Jahre Haft erhalten.

Pokemons im Heiligtum der Zarentreuen

Was in den internationalen Meldungen hierzu nicht enthalten ist, ist um was für eine Kirche es sich handelt: Die Kathedrale auf dem Blut, eines der wichtigsten Heiligtümer der Russisch-Orthodoxen Kirche. An der Stelle der Kathedrale stand das Haus, in dem die letzte Zarenfamilie sowohl kurz vor ihrem Tod gefangen gehalten wurde als auch dann durch Erschießung zu Tode kam. Die Erschossenen wurden im neuen Russland von der orthodoxen Kirche heilig gesprochen und sowohl am Ort ihres Todes als auch ihrer Bestattung tobt ein groß angelegter kirchlicher Zarenkult. Der Zar war damals kraft Amtes auch Oberhaupt der orthdoxen Kirche. russland.TV hat von diesem Ort erst im letzten Sommer im Rahmen des Beitrags „Wallfahrtsort für Zarentreue“ berichtet.

Sokolovsky politischer Häftling durch Monsterfang

Der 22jährige Sokolovsky wurde wegen seiner Pokemon-Jagd, die er wohl für seinen Videoblog gemacht hatte, gleich wegen einer ganzen Reihe von Vergehen angeklagt, darunter  die Störung der Religionsausübung. Da das russische Strafrecht recht hart ist und Haftstrafen für Vergehen allgemein wesentlich schneller drohen, als in Mitteleuropa, ist die Haftandrohung gegen Sokolovsky – so überzogen sie klingt – nicht unrealistisch. Sie brachte dem gesamten Land natürlich bereits eine große Menge an schlechter Presse ein und Sokolovsky wurde bereits von Amnesty International als politischer Häftling anerkannt. Auch im russischen Netz gab es viel Empörung und landesweite Berichte. Es bleibt zu hoffen, dass der Richter, anders als der Staatsanwalt, ein Einsehen hat und den Gamer mit einer milderen Strafe ohne Haft für seine zwar etwas geschmacklose, aber dennoch wohl kaum schlimme Tat davon kommen lässt.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche genießt einen wachsenden Einfluss in Russland auch auf weltliche Entscheidungen. Sie ist wesentlich konservativer noch als etwa die katholische Kirche in Mitteleuropa. Das Urteil gegen Sokolovksy wird im Laufe des Mai erwartet. Wir werden weiter berichten.

[Roland Bathon/russland.TV]

 

 

 

 

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