Die Wolga – ein Ökosystem mit Gesundheitsproblemen

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Der längste Fluss Europas hat massive ökologische Probleme. Lange Zeit war die Wolga nicht mehr als ein Fluss, der alles hinwegschwemmte, was man hinein warf. Heute zeigen sich die ersten Folgeschäden des verantwortungslosen Umgangs mit einem sensiblen Ökosystem. Experten schlagen Alarm.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Diese Redensart verdeutlicht die Mentalität der Gesellschaft, wie sie sich ihrer Hinterlassenschaften entledigt, beziehungsweise entledigte. Denn mit den Achtzigerjahren begann ein Umdenkprozess, in dem auch auch die Umwelt ihren Platz fand. Auf einmal wurde recycelt, geklärt und fachgerecht entsorgt. Man erkannte, dass der Teufel im Detail steckte: Kleinere und größere Umweltsünden summieren sich und am Ende steht die ausgewachsene Katastrophe.

In Russland besann man sich der Umwelt erst sehr viel später. Zu Zeiten der Sowjetunion hatte man noch ganz andere Sorgen und nach deren Zerfall stand zunächst der hemmungslose Konsum im Vordergrund. Erst mit dem Millennium begann man allmählich nach vorn zu blicken und erkannte die Schäden der Altlast UdSSR. Auch wenn man in Russland heute zumindest weiß, wie Ökologie geschrieben wird, so ist der Weg dorthin noch endlos weit. Zumindest scheinen Städte und Kommunen mittlerweile den Nutzen einer zentralen Abfallentsorgung erkannt zu haben.

Neuanfang trotz Altlasten

Vor kurzem pickte sich die russische Regierung als Fallbeispiel ihr Nationalheiligtum, die Wolga, heraus. Der Befund war erschreckend – mancherorts sei sogar die Gesundheit der Anwohner entlang des Flusses akut gefährdet, so heißt es. Untersuchungen ergaben beispielsweise eine Ölkonzentration in den Wässern des Flusses, die vier mal über dem zulässigen Höchstwert liegt. Und das bei der beachtlichen Länge von 3.530 Kilometern und einer Ablaufmenge, die im Mittel rund achttausend Kubikmeter pro Sekunde beträgt.

1.360.000 Quadratkilometer Einzugsgebiet speisen den Strom mit 5,5 Milliarden Kubikmetern mehr oder weniger frischem Wasser. Ein guter Teil des Wassers aus den großen Zuflüssen ist, wie zu erwarten, schon beim Eintritt in die Wolga stark kontaminiert. 66 große Städte entlang des Flusslaufs leiten ihre Abwässer, auch aus Industrieanlagen, nur unzureichend geklärt in das Flusssystem ein. Bislang habe man bereits rund zweitausend gesunkene Schiffe vom Grund der Wolga geborgen. Noch mindestens vierhundert weitere rosten derweil noch unter Wasser vor sich hin und verunreinigen kontinuierlich das Wasser.

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew befand bereits im August, dass die Wolga zu den ökologisch miserabelsten Orten des Landes zähle. 38 Prozent aller belasteten Abwässer Russlands würden direkt oder indirekt in den Fluss gelangen, ließ er seine Behörde ausrechnen. Um zu retten was noch zu retten ist, stellte Medwedew bis zum Jahr 2025 eine Sonderfinanzierung in Höhe von 257 Milliarden Rubel, das entspricht etwa 3,5 Milliarden Euro, zur Reinigung des Wassers aus föderalen Mitteln in Aussicht.

Retten was noch zu retten ist

Auch der russische Präsident Wladimir Putin, dem bekanntermaßen sehr viel an der Ökologie Russlands gelegen ist, wies die Regierung an, aus Haushaltsmitteln Gelder für das kommende Jahr und darüber hinaus für die Planung der Jahre 2019 und 2020 bereitzustellen. Mit diesen Mitteln sollen die Entwicklung der landseitigen städtischen Umwelt und die Erhaltung des Ökosystems der Wolga finanziert werden. Zudem wurden Pläne erstellt, wie Russland seine Umweltprobleme in Zukunft in den Griff bekommen will.

Zunächst müsse die russische Aufsichtsbehörde für Konsumenten- und Gesundheitsschutz, Rospotrebnadsor, nach Anweisung des Ministerpräsidenten die Arbeit zur Aufdeckung und Unterbindung der Abwasserentsorgung in die Wolga gewährleisten. Die Ministerien für Umwelt und Transport sollen zeitgleich Lösungen ausarbeiten, wie der anfallende Müll von auf der Wolga verkehrenden Schiffen, einzusammeln und zu entsorgen sei. Auch landseitig wolle man aktiv werden, heißt es weiter aus Regierungskreisen.

Wie der Umweltminister Russlands, Dmitri Donskoj, erklärte, sollen bis zu siebzig Objekte abgerissen werden, deren Einfluss sich schädigend auf die ökologische Situation der Wolga auswirke. Außerdem sollen bestehende Kläranlagen in siebzehn Regionen entlang des Flusses entweder modernisiert oder komplett neu gebaut werden. Bis zum Jahr 2020 werden zusätzlich Objekte, die die Umwelt negativ beeinträchtigen, mit vollautomatischen Systemen zur Abwasserkontrolle ausgestattet sein.

Weiterhin ist geplant, erneuerbare Energie aus dem Schlamm der Wolga erzeugen zu können. Hierzu werden junge russische Wissenschaftler aufgerufen, die bereits eine Anlage konstruiert haben, die es ermöglicht, den Grad der Wasserverschmutzung zu kontrollieren und zu steuern. Dabei soll auch gleichzeitig eine weitere Verunreinigung durch Stickstoff verhindert werden. So sollte es möglich sein, dass sich der Fluss mehr oder weniger selbst regeneriert.

Des weiteren könne man sich auch Naturschutzgebiete in verschiedenen Regionen entlang der Wolga vorstellen, um die reichhaltige und mitunter einzigartige Flora und Fauna zu bewahren. Gute Erfahrungen ließen sich bereits am Unterlauf des Stromes sammeln, wo sich die Wolga in einem verzweigten Delta ausbreitet. So konnte beispielsweise durch gezielte Maßnahmen im Zuge des Habitatschutzes der vom Aussterben bedrohte Stör wieder zu einer gesunden Population zurückfinden.

[mb/russland.NEWS]