Wir leben jetzt hier wie im Paradies

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Mit Brot und Salz wurden in der vergangenen Woche die Überbringer einer Hilfslieferung mit Medikamenten im Medizinischen Zentrum „Familie und Gesundheit“ der Stadt Gorlowka im Donezker Gebiet, Südost-Ukraine, empfangen.

Finanziert wurde die Sendung mit Geldern, die im Rahmen einer von den Bundestagsabgeordneten der Linken, Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko, zu Jahresbeginn initiierten Spendenaktion zugunsten von Kinderkrankenhäusern in dem Kriegsgebiet im Donbass, zusammengekommen waren.

Bereits im Februar hatten die beiden Parlamentarier persönlich eine erste Lieferung von Medikamenten im Wert von über 30 000 gespendeten Euro nach Donezk begleitet. Das hat ihnen neben viel Anerkennung quer durch die politischen Lager in Deutschland den Zorn des ukrainischen Präsidenten eingebracht. „Aber hier geht es nicht um Politik, sondern um Menschlichkeit gegenüber jenen, die unschuldig am meisten unter dem Krieg leiden“, erklärte Gehrcke damals.

ludmilaDa immer weiter Spendengelder eingingen, wurde nun eine zweite Hilfsaktion organisiert. „Wir haben mit Hilfe russischer Partner, wie dem Astrachaner Ioanno-Predtetschenski Männerkloster, der Gebietsduma Astrachan und vor allem der Petersburger Stiftung „Schönheit rettet die Welt“ auf der Grundlage konkreter Anforderungen der medizinischen Einrichtungen im Donbass rund sechshundert verschiedene verschiedene Medikamente und medizinisches Verbrauchsmaterial im Wert von über 90 000 Euro gekauft“, erläuterte Ludmila Hübner, die für die Zusammenstellung der Lieferung verantwortlich war. „Außerdem haben wir, in Absprache mit den Organisatoren der Spendenaktion, dringend benötigtes Baumaterial, wie Fenster, Heizungs- und Wasserrohre zur Verfügung gestellt.“

Die Kinder vor den Granaten beschützt

Das Kinderkrankenhaus von Gorlowka hatte unter dem ständigen Beschuss von ukrainischer Seite stark gelitten. Mehrere Granaten hatten Löcher in das Dach des fünfstöckigen Bettenhauses gerissen, auf dem Innenhof Verwüstungen angerichtet, Splitter von Streubomben waren durch Wände und Türen von Krankenzimmern und Behandlungsräumen gedrungen. Nahezu alle Fenster der Gebäude, die der nahen Frontlinie zugewandt waren, wurden zerstört.

krankenhaus-dok-1„Doch trotz des Beschusses hat unser Krankenhaus seine Arbeit nicht an einem einzigen Tag eingestellt“, erklärte sichtlich stolz der junge Chefarzt der Einrichtung, Dr. Denis Taranow (36). „Es war einfach heldenhaft, was die Ärzte und Schwestern in dieser schweren Zeit geleistet haben. Wir sind mit Schutzwesten zur Arbeit gekommen, viele sind über ihren Dienst hinaus hiergeblieben, um unter dem Feuer der Granaten die Kinder in Sicherheit zu bringen.“ Sicherheit, das hieß in diesem Falle, bei Artilleriefeuer die kleinen Patienten aus den Betten zu holen, mit ihnen in den Keller oder zumindest auf Holzbänke an tragenden Wänden zu fliehen, in der Hoffnung, dass diese bei einem Bombentreffer nicht einstürzen.

„Es ist schlimm, wenn Kinder die schreckliche Erfahrung des Krieges machen müssen, aber um so wichtiger ist, dass sie sehen, dass ihnen auch in dieser Situation geholfen wird“, erklärte Taranow. „Deshalb ist jede humanitäre Hilfe, wie diese aus Deutschland, weit mehr als eine Verbesserung unserer medizinischen Versorgung.“

bild-kind-1Immerhin sichern, wie er betonte, die für die deutschen Spendengelder gekauften Arzneimittel, der Einrichtung, die zugleich regionales Zentrum für die stationäre Betreuung von erkrankten Kindern ist, die erforderliche medikamentöse Behandlung über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten. „Wir werden aber noch lange auf humanitäre Hilfe angewiesen sein“, so der Klinikchef, „denn die Ukraine, die uns ja immer noch zu ihrem Bestand zählt, hilft uns in keiner Weise, verhindert vielmehr durch ihre Wirtschaftsblockade, dass wir von dort Medikamente beziehen können.“

Die Vögel zwitschern wieder

So, wie das Kinderkrankenhaus ist jede der 20 medizinischen Einrichtungen von Gorlowka durch den Beschuss beschädigt worden, machte der Lehrer und Bürgermeister des zentralen Stadtbezirkes, Alexej Iwachnenko, deutlich. Von den 120 Schulen und Kindergärten der Stadt seien117 beschossen worden. „Der letzte Angriff durch die ukrainische Seite erfolgte am 25.August, also unmittelbar vor Schuljahresbeginn, gezielt auf das Lyzeum Nr. 9, das durch mehrere Granaten stark beschädigt wurde.

bild-kind-2Damit sollten offensichtlich Unsicherheit in der Bevölkerung ausgelöst und der planmäßige Schulanfang verhindert werden. Aber das hat nicht funktioniert. Auch die Schüler dieser Einrichtung haben pünktlich, als Gäste an anderen Schulen, den Unterricht aufgenommen. Und durch eine einzigartige Hilfe von vielen Bürgern haben wir das Lyzeum innerhalb eines Monats wieder vollständig aufgebaut.“

Nun hoffen viele der etwa 150 000 noch in der bisherigen Frontstadt verbliebenen Einwohner, in der vor dem Krieg rund 250 000 Einwohner lebten, dass der Frieden hält. „Wir leben jetzt wie im Paradies“, freuen sich Ludmila (58) und Anna(73), die, seit ihre Häuser wie nahezu die gesamte Siedlung in der Nähe des Schachtes 67, an der unmittelbaren Front, von Granaten zerschossen wurden, im Keller der alten Schule gegenüber hausen. Ihr Paradies besteht aus fensterlosen Gemäuern ohne Wasser und Strom, mit einem kleinen Kanonenofen und Katzen. „Ich gehe hier nicht weg. Ich habe die Tiere zu versorgen und außerdem will ich nicht, dass der Rest meines Hauses von Marodeuren geplündert wird.“ Das Wasser holt sie aus einem Brunnen, im Winter wird Eis aufgetaut. Als Lichtquelle dient eine kleine Taschenlampe. „Es ist so ruhig, dass man sogar wieder die Vögel zwitschern hört“, sagt Anna und wünscht sich nur, dass es dabei bleibt. „Man hat uns erzählt, dass die Ukrainer unsere Grundstücke schon weiterverkauft haben“, sagt Ludmila und ist froh, dass daraus nun wohl nichts wird.

(wird fortgesetzt)

Hartmut Hübner – russland.RU

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.