KI-Musik erobert Russlands Streamingdienste

KI-Musik erobert Russlands Streamingdienste

Russlands Musikmarkt erlebt eine stille, aber tiefgreifende Umwälzung. Seit dem Beginn des Krieges ist er weitgehend vom internationalen Musikgeschäft abgeschnitten. Spotify hat Russland verlassen, westliche Dienste haben Monetarisierung und Abonnements deaktiviert, große Labels zogen ihre Kataloge zurück oder liefern kaum noch neue Veröffentlichungen. Damit entstand auf den russischen Streamingplattformen eine Lücke, die nun zunehmend von KI-generierter Musik gefüllt wird.

Was zunächst wie eine technische Spielerei wirkte, ist inzwischen in den Charts angekommen. Russische Nutzer hören immer häufiger Songs, bei denen Stimme, Arrangement oder gleich der gesamte Titel von neuronalen Netzen erzeugt wurden. Nach Einschätzungen aus der Branche könnte der Anteil KI-generierter Musik an den Neuveröffentlichungen auf russischen Plattformen inzwischen bei 40 Prozent oder mehr liegen. Einzelne Untersuchungen kommen für bestimmte Segmente sogar auf noch höhere Werte.

Besonders sichtbar wurde der Trend Anfang 2026 durch mehrere Hits. In Fernsehshows, sozialen Netzwerken und Streamingcharts tauchten plötzlich Künstler und Projekte auf, deren Musik ganz oder teilweise mit KI entstanden war. Ein viel beachtetes Beispiel war der Song „Spiel, Mundharmonika!“ des Projekts SDP nach einem Gedicht von Sergej Jessenin. Alles außer dem Text wurde generiert. Der Titel erreichte im Februar rund 14 Millionen Streams und war im März nach Angaben von The Bell der meistgehörte Song unter russischen Nutzern.

Ein weiterer Fall ist „Shade“ der Rapper India, Xcho und MOT, einer der großen Hits des Sommers 2026 in Russland. Der Song führte die Charts von Yandex.Music an und erreichte auf YouTube mehr als 14 Millionen Aufrufe. Gerade dieser Erfolg löste jedoch Streit aus, weil nach Angaben aus der Musikszene Refrain und Arrangement KI-generiert waren. Andere Musiker warfen den Beteiligten vor, über ein fertiges KI-Arrangement gesungen zu haben, statt mit Produzenten oder Arrangeuren zu arbeiten.

Solche Fälle sind keine Ausnahmen mehr. Nach Schätzungen des Musikproduzenten Mischa Rent gab es im Mai in den Charts der GUS-Staaten 49 einzigartige KI-Titel, gegenüber 27 im März. In den Top 100 von Yandex.Music sollen 20 solcher Titel vertreten gewesen sein, in den Top 100 von VK Music sogar 42. Auffällig ist, dass es in vielen Fällen nicht mehr nur um einzelne KI-Elemente geht. Viele der erfolgreichen Stücke sind weitgehend oder vollständig von neuronalen Netzen erzeugt.

Der technische Auslöser dieser Entwicklung ist vor allem die neue Generation von Musikgeneratoren. Seit der Veröffentlichung von Suno V5 im September 2025 lassen sich vollständige Songs mit Gesang und Instrumenten in wenigen Sekunden erzeugen. Nach Einschätzung von Produzenten ist das Modell darauf optimiert, eingängige Popmusik nach bekannten Erfolgsformeln herzustellen. Der erste KI-Track tauchte im Oktober 2025 in russischen Charts auf. Danach beschleunigte sich die Entwicklung rapide.

Wie groß das Phänomen tatsächlich ist, versuchte der Entwickler Alexej Fedorow zu messen. Er verglich Daten von Yandex.Music mit Deezer, einem der wenigen großen Streamingdienste, der KI-Musik öffentlich kennzeichnet und einen eigenen Erkennungsalgorithmus zugänglich gemacht hat. Zusätzlich trainierte Fedorow ein Modell anhand von Metadaten Hunderttausender Künstler. Sein Ergebnis: Rund sieben Prozent der Künstler auf Yandex.Music könnten KI-Künstler sein; sie liefern aber mindestens ein Drittel aller neuen Veröffentlichungen. Weitere elf Prozent seien mit hoher Wahrscheinlichkeit KI-Projekte. Neuere Berechnungen deuten darauf hin, dass der Anteil KI-generierter Neuveröffentlichungen im Mai bereits bei bis zu 48 Prozent gelegen haben könnte.

Diese Zahlen sind nicht amtlich und erfassen nicht den gesamten Markt. Sie zeigen aber eine Richtung: KI-Musik wächst deutlich schneller als der klassische Musikbetrieb. Interessant ist auch das Verhalten der Hörer. Laut der Untersuchung werden KI-Künstler im Median häufiger gestreamt als menschliche Künstler, erhalten aber weniger Likes. Das spricht dafür, dass solche Titel oft im Hintergrund oder über Empfehlungen laufen, ohne dass eine starke Bindung an Künstlernamen entsteht.

Dazu passt das Geschäftsmodell neuer Vertriebsplattformen. Ein wichtiger Akteur ist Sferoom, ursprünglich ein gewöhnlicher Musikvertrieb. 2026 integrierte das Unternehmen ein KI-Studio auf Basis von Suno in seinen Künstlerbereich. Nutzer können dort mit wenigen Klicks einen Song generieren, ein Cover erstellen und den Titel an Streamingdienste weiterleiten. Der Anbieter verdient doppelt: zunächst an der Nutzung des KI-Studios und der Veröffentlichung, später an einem Anteil der Tantiemen.

Vermarktet wird das wie ein musikalisches Glücksspiel. Man brauche keine Ausbildung, kein Studio, keine Band und keinen Produzenten, sondern nur einen Prompt und etwas Glück. In Werbevideos wird der Eindruck erweckt, jeder könne mit KI-Musik in die Charts gelangen und Millionen Streams erzielen. Tatsächlich verdienen die meisten KI-Autoren wenig oder gar nichts. Doch die Kostenstruktur ist radikal anders als bei menschlicher Musikproduktion. Während ein professioneller Song Zeit, Teamarbeit und erhebliche Produktionskosten erfordert, lassen sich KI-Tracks fast unbegrenzt und mit minimalem Aufwand herstellen.

Damit verändert sich die Logik des Marktes. Es reicht nicht mehr nur, einen guten Song zu schreiben. Entscheidend wird, möglichst viele Titel in Umlauf zu bringen, einen viralen Treffer zu landen oder die Empfehlungsalgorithmen der Plattformen zu erreichen. Weil die Streamingvergütungen in Russland vergleichsweise niedrig sind, lohnt sich das Modell vor allem über Masse. Eine Million Streams auf Yandex.Music bringt dem Rechteinhaber nach Angaben eines Vertriebs durchschnittlich etwa 50.000 bis 65.000 Rubel, auf VK Music deutlich weniger. Davon gehen noch Gebühren und Anteile der Distributoren ab.

Für echte Musiker wird das zum Problem. Die Streamingdienste zahlen ihre Vergütungen aus einem gemeinsamen Pool aus. Wächst die Zahl der KI-Tracks schneller als die Zahl der Abonnenten, verteilt sich das Geld auf immer mehr Titel. Der Anteil menschlicher Musiker sinkt. Besonders betroffen sind nicht nur Sänger oder Songwriter, sondern auch Arrangeure, Toningenieure und Produzenten. Viele ihrer Aufgaben lassen sich heute zumindest teilweise automatisieren.

Die russischen Plattformen sehen darin bislang offenbar keinen Grund für harte Eingriffe. Yandex.Music verweist auf Empfehlungen nach Nutzerinteresse und auf Mechanismen gegen Manipulationen. Wenn ein Track gehört werde, gelte er als relevant – unabhängig davon, mit welchen Werkzeugen er entstanden sei. Branchenvertreter vermuten jedoch, dass die Algorithmen KI-Musik indirekt begünstigen. Solche Songs sind oft nach bewährten Hitmustern gebaut, haben sofort eingängige Refrains und passen damit gut zu den Kriterien automatischer Empfehlungen.

Im Westen existiert KI-Musik ebenfalls, doch der russische Markt unterscheidet sich in mehreren Punkten. Dort sind Musikszene, Rechtevertretung und öffentliche Debatte stärker. Vollständig generierte Tracks gelten vielfach noch als problematisch oder zumindest als erklärungsbedürftig. In Russland dagegen trifft die Technologie auf einen ausgedünnten Markt, schwächere Gegenwehr der Branche und Plattformen, die unter dem Druck stehen, ihre Kataloge trotz internationaler Isolation zu füllen.

So entsteht ein russischer Sonderfall: Die Abschottung vom Weltmarkt, fehlende internationale Neuerscheinungen, aggressive Distributoren und algorithmische Empfehlungen verstärken sich gegenseitig. KI-Musik besetzt nicht nur Nischen, sondern drängt in die Hitlisten. Für Hörer mag das zunächst kaum auffallen, solange der Refrain eingängig ist. Für die Musikbranche ist es jedoch ein Warnsignal.

Am Ende steht eine grundsätzliche Frage: Was passiert mit einer Musikkultur, wenn neue Künstler gegen Maschinen konkurrieren müssen, die in zwei Minuten einen Song erzeugen? Ein Musiker braucht Wochen oder Monate für einen Titel, ein KI-System produziert in derselben Zeit Tausende Varianten. Für etablierte Stars mag das ein neues Werkzeug sein. Für Nachwuchsmusiker könnte es dagegen entmutigend wirken. Wenn Aufmerksamkeit, Empfehlungen und Einnahmen immer stärker von automatisch erzeugter Massenware besetzt werden, verliert nicht nur ein Berufsstand an Boden. Dann verändert sich auch, was in Russland künftig überhaupt noch als Popmusik entsteht.

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