Die russische Bevölkerung bewertet das eigene Bildungssystem heute deutlich besser als in den frühen 1990er Jahren. Gleichzeitig zeigt eine neue Umfrage des Lewada-Zentrums, wie stark sich die Erwartungen an Schule verändert haben. Gefragt sind nicht nur Mathematik, Russisch und Informatik, sondern vor allem Geschichte, patriotische Erziehung und militärische Vorbereitung.
Nach der im Februar 2026 durchgeführten Erhebung bewerten 40 Prozent der Befragten den Zustand des russischen Bildungssystems als gut oder ausgezeichnet. 41 Prozent nennen ihn mittelmäßig. 12 Prozent halten ihn für schlecht, weitere 4 Prozent für sehr schlecht. Damit liegen positive und mittelmäßige Bewertungen praktisch gleichauf. Seit der ersten Messung 1991 ist der Anteil positiver Urteile deutlich gestiegen, während negative Einschätzungen zurückgegangen sind.
Besonders häufig bewerten junge Menschen das Bildungssystem positiv. In der Altersgruppe unter 25 Jahren sagen 57 Prozent, die Lage sei gut oder ausgezeichnet. Auch Männer, Befragte mit niedrigerem Bildungsabschluss, materiell besser gestellte Personen sowie Menschen, die die Entwicklung des Landes insgesamt positiv sehen, äußern sich überdurchschnittlich zufrieden. Kritischer sind ältere Befragte, Frauen, Menschen mit höherer oder beruflicher Bildung sowie jene, die meinen, Russland bewege sich in die falsche Richtung.
Bei den Schulfächern steht Geschichte an erster Stelle. 53 Prozent der Befragten sagen, diesem Fach solle heute besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet werden. Danach folgen Mathematik mit 46 Prozent, Russisch mit 37 Prozent sowie Muttersprache und Literatur, Computerkenntnisse und Informatik mit jeweils 30 Prozent. Naturwissenschaften wie Physik, Chemie und Biologie nennen 20 Prozent, Gesellschaftswissenschaften 14 Prozent, Fremdsprachen 12 Prozent und Arbeitsunterricht 10 Prozent.
Auffällig ist die Verschiebung gegenüber früheren Erhebungen. Die Bedeutung der Mathematik ist in den vergangenen anderthalb Jahren um acht Prozentpunkte gestiegen. Dagegen verlieren Fremdsprachen deutlich an Gewicht: Seit Mai 2019 sank ihr Stellenwert um 17 Prozentpunkte. Auch Arbeitsunterricht, Sport und Sexualerziehung werden seltener als besonders wichtige Schulfelder genannt als in früheren Jahren.
Die Prioritäten unterscheiden sich nach Geschlecht und Alter. Männer nennen häufiger Geschichte, Naturwissenschaften und Philosophie. Frauen betonen stärker Russisch, Muttersprache und Literatur sowie Fremdsprachen. Junge Menschen unter 25 Jahren legen häufiger Wert auf Informatik, Gesellschaftswissenschaften und Fremdsprachen. Ältere Befragte ab 55 Jahren nennen dagegen besonders oft Geschichte, Muttersprache und Literatur sowie Arbeitsunterricht.
Noch deutlicher als bei den Fächern fällt der Konsens bei Erziehungsaufgaben aus. 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, Schule solle patriotische Erziehung übernehmen. 84 Prozent sprechen sich für geistig-moralische Erziehung aus. Ebenfalls 84 Prozent halten militärische Vorbereitung in der Schule für notwendig. Selbst Sexualaufklärung, in Russland häufig Gegenstand politischer und moralischer Kontroversen, wird von 73 Prozent befürwortet.
Die Unterstützung für patriotische Erziehung ist besonders hoch unter älteren Befragten, Fernsehzuschauern, Anhängern des politischen Kurses und Befragten, die Präsident Wladimir Putin unterstützen. In der Altersgruppe ab 55 Jahren sprechen sich 94 Prozent dafür aus. Skeptischer sind jüngere Menschen unter 40 Jahren, Nutzer von YouTube-Kanälen, Kritiker des politischen Kurses und Befragte, die Putins Amtsführung ablehnen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der militärischen Vorbereitung. 84 Prozent halten sie für einen Bestandteil der Schule; gegenüber Mitte der 2010er Jahre ist dieser Anteil um sechs Prozentpunkte gestiegen. Besonders hoch ist die Zustimmung unter Älteren, Fernsehnutzern und Befragten, die den Kurs des Landes positiv beurteilen. Ablehnung findet sich häufiger bei jungen Menschen, Hochschulabsolventen, politisch kritisch eingestellten Befragten und Nutzern von YouTube-Kanälen.
Bei der geistig-moralischen Erziehung liegt die Zustimmung ebenfalls bei 84 Prozent. Frauen, ältere Befragte, Menschen mit höherer Bildung und Fernsehnutzer befürworten sie besonders oft. Deutlich seltener stimmen Männer, 25- bis 39-Jährige, Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss und politisch kritisch eingestellte Befragte zu. Der Begriff bleibt allerdings weit auslegbar: Er kann traditionelle Werte, religiös grundierte Moral, staatsbürgerliche Erziehung oder allgemeine Persönlichkeitsbildung meinen.
Überraschend hoch ist die Zustimmung zur Sexualaufklärung. 73 Prozent der Befragten sagen, die Schule solle sich damit befassen; seit 2016 ist dieser Wert um neun Prozentpunkte gestiegen. Besonders häufig befürworten junge Menschen, Hochschulabsolventen, besser gestellte Befragte und Moskauer Sexualaufklärung in der Schule. Ablehnung ist häufiger bei Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss, ärmeren Befragten, Bewohnern kleiner Städte und politisch kritisch eingestellten Gruppen.
Die Umfrage zeigt damit ein doppeltes Bild. Einerseits wünschen sich viele Russen eine Schule, die klassische Leistungsfächer wie Geschichte, Mathematik, Russisch und Informatik stärkt. Andererseits soll die Schule immer stärker Aufgaben übernehmen, die über Wissensvermittlung hinausgehen: Patriotismus, Moral, militärische Vorbereitung und Lebensführung. Besonders die breite Zustimmung zu Militärunterricht und patriotischer Erziehung fügt sich in die politische Atmosphäre des Landes seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine.
Bemerkenswert ist zugleich, dass die Zustimmung zu solchen Inhalten nicht gleichmäßig verteilt ist. Ältere, Fernsehzuschauer und regierungsnahe Befragte unterstützen sie besonders stark. Jüngere Menschen und Nutzer alternativer Informationsquellen sind skeptischer, lehnen sie aber keineswegs geschlossen ab. Die Schule erscheint in der Umfrage damit als ein Ort, an dem sich Russlands gesellschaftliche Spaltung weniger offen zeigt als in der Politik, aber dennoch deutlich messbar bleibt.
Das Lewada-Zentrum kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Russen mit dem Bildungssystem zumindest nicht unzufrieden ist und von der Schule zugleich mehr erwartet als Unterricht. Schule soll Wissen vermitteln, aber auch Werte setzen, Loyalität stärken, auf Gefahren vorbereiten und gesellschaftliche Ordnung sichern. Gerade diese Mischung macht die Ergebnisse politisch aufschlussreich: In Russland wird Bildung immer stärker als Instrument nationaler Erziehung verstanden.

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