Vor 60 Jahren holte Adenauer „seine letzten Jungs“ nach Hause

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0141 / Wolf, Helmut J. / CC-BY-SA 3.0Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0141 / Wolf, Helmut J. / CC-BY-SA 3.0
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Bonn/Moskau – Vor 60 Jahren reiste der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau, um nach zehn langen Jahren endlich die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion in ihre Heimat zurück zu holen. Diese historische Begegnung war gleichzeitig auch der Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen der BRD und der UdSSR.

Die Dienstreise Adenauers, die zwischen dem 8. und dem 14. September 1955 stattfand, sorgte nicht nur in der damaligen Bundesrepublik für Aufsehen. Auch die beiden Westmächte Frankreich und die USA bekamen spitze Ohren, als ihr Verbündeter ins „Reich des Bösen“ fuhr. Eben zu den Kommunisten, den Erzfeinden. Damals vertrauten die Deutschen ihrem Kanzler noch wegen seinem Kurs der Westbindung. Vielleicht spielte bei Adenauers Reise nach Moskau ja unterschwellig auch die leise Hoffnung einer möglichen Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands mit.

Wir erinnern uns: Noch zehn Jahre nach der Beendigung des zweiten Weltkriegs, der mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands in die Geschichte eingehen sollte, waren immer noch fast 40.000 Deutsche als Kriegsverbrecher in sowjetischen Straflagern inhaftiert. Meist waren sie abdelegiert worden, um die Kriegsschäden, die die deutsche Wehrmacht angerichtet hatte, zu reparieren. Überwiegend bauten sie Wohnhäuser in den vielen zerstörten Städten, die dem Wahnsinn der Faschisten zum Opfer gefallen waren. Die Reise nach Moskau sollte im Nachhinein einer der größten politischen Erfolge Adenauers werden.

Wodka, Bolschoi und der ganze Rest

Dieser bahnbrechende Moskaubesuch des ersten deutschen Nachkriegskanzlers erfolgte auf Grund einer Einladung seitens des Kreml und fand im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin und dem Parteivorsitzenden Nikita Chruschtschow statt. So richtig einig sei man sich anfangs nicht geworden, heißt es. Erst Adenauers Engelsgeduld brachte die Sowjets schließlich doch noch an den Verhandlungstisch. „Niemand vermochte einzuschätzen, ob sich mit einem Austausch die Möglichkeit zu bilateralen Verhandlungen eröffnete oder ob Moskau letzten Endes nur die Zementierung der Zweistaatlichkeit Deutschland intendierte“, wird die Konrad-Adenauer-Stiftung zitiert.

Russische Medien kolportieren heute mit Russland-typischen Wodka-Gelagen im Beisein der deutschen Delegation. Dass der deutsche Bundeskanzler dabei nur Wein getrunken habe und sich die besonders Mutigen unter den deutschen Abgesandten vor dem Saufen mit viel Olivenöl eine solide Grundlage für den Alkohol geschaffen hätten. Zudem hätten die Deutschen den Russen unterstellt, sie würden aus ihren Gläsern nur Wasser getrunken, um die Delegation möglichst schnell unter den Tisch zu kriegen. Außerdem existieren noch Bilder von einem Empfang im Kreml mit 600 anwesenden Gästen. Dem Besuch einer Kirche, einem Ausflug ins Bolschoi-Theater, das volle Programm eben.

n trockenen Tüchern war indes noch lange nichts. Erst als, so stand es seinerzeit im „Spiegel“ nachzulesen, „Der Kanzler mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit während des Essens auf die Kriegsverurteilten zu sprechen gekommen sei“. „Und urplötzlich hatte Bulganin gesagt: ,Gut! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass acht Tage nach dem Entschluss, diplomatische Beziehungen aufzunehmen, die Menschen heimkehren werden.‘ Er beugte sich über den Kanzler hinweg zum Genossen Chruschtschow: ,Nikita, was meinst du dazu?‘ – ,Ich gebe auch mein Ehrenwort.’“

Dort, wo ein Handschlag das Versprechen noch manifestiert

Damit hatte zwar der Bundeskanzler immer noch nichts Schriftliches in der Hand, was seine deutsche Gründlichkeit untermauert hätte, aber immerhin ein Ehrenwort zur baldigen Rückkehr der Deutschen, die bis 1955 in Russland verblieben waren. Einen Handschlag eben, das musste zählen. Somit kehrte Konrad Adenauer am 14. September 1955, zwar ohne ein einziges Dokument, wieder in die Bundesrepublik Deutschland zurück, aber der Jubel war ihm bei seiner Ankunft am Flughafen Köln-Bonn ohnehin gewiss. Dass er jedoch ohne die erhoffte Botschaft auf eine deutsche Wiedervereinigung zurück kam, ging in der Euphorie gänzlich unter.

Aber auch die damalige Deutsche Demokratische Republik, das „andere“ Deutschland, wollte sich erwähnt sehen, da sie ihrer Meinung maßgeblich um diese Zusammenkunft zwischen Ost und West bemüht hätte. In der Tat hatte Moskau schon seit 1946 diplomatische Beziehungen mit der DDR-Führung in Ost-Berlin aufgenommen. Somit war eine Akzeptanz des geteilten Deutschlands nur eine logische Konsequenz für die Parteispitze im Kreml. Am 7. Oktober 1955 kamen dann die ersten 600 Heimkehrer der „Zehntausend“ im Lager Friedland an. Lediglich 27 Atomwissenschaftlern wurde die Rückkehr vom KGB verweigert. Sie galten als Geheimnisträger.

Und die Geschichte mit dem Ehrenwort erinnert fatal an eine Begebenheit, die 40 Jahre später, im Jahre 1990 um genau zu sein, wie ein riesiger Bumerang der, sich im Auflösungsprozess befindenden, Sowjetunion um die Ohren flog. Per Handschlag hatte der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher seinem Amtskollegen aus der Sowjetunion, Eduard Schewardnadse, ebenfalls nur durch ein Versprechen versichert, dass sich die NATO nie nach Osten erweitern werde. Da sieht man einmal mehr als deutlich, wo der Handschlag noch etwas zählt – und wo eben nicht.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.