Eine 14-Jährige bemalt einen Spielplatz, die Stadtverwaltung droht mit einem Strafverfahren – und am Ende sollen in der gesamten Region neue Flächen für Kinderkunst entstehen. Im südrussischen Bolохово hat eine zunächst absurde Behördenposse eine erfreuliche Wendung genommen.
Die 14-jährige Ksenia Schtschedrygina aus Bolохovo in der Region Tula wollte einen grauen Spielplatz etwas freundlicher gestalten. Drei Tage lang zeichnete die Schülerin Figuren aus der beliebten russischen Animationsserie „Smeschariki“ auf dessen farbiges Gummipflaster. Statt gewöhnlicher Straßenkreide verwendete sie Trockenpastell.
Die örtliche Verwaltung würdigte das Ergebnis allerdings nicht als Kinderkunst, sondern als Beschädigung kommunalen Eigentums. Mitarbeiter versuchten zunächst vergeblich, die Farben mit Wasser und anschließend mit Lösungsmittel zu entfernen. Die Pigmente hätten sich in der porösen Oberfläche festgesetzt, erklärte die Stadt. Da der Spielplatz mit Mitteln aus dem föderalen Haushalt gebaut worden sei, müsse das Eigentum besonders geschützt werden.
Die Verwaltung wertete Aufnahmen von Überwachungskameras aus, ermittelte Ksenia als Urheberin und erstattete Anzeige bei der Polizei. Der Familie wurde mitgeteilt, dass eine Strafverfolgung wegen Vandalismus und vorsätzlicher Sachbeschädigung möglich sei. Wenn sie die Zeichnungen freiwillig entferne, könne dies als mildernder Umstand berücksichtigt werden.
Ksenia begann daraufhin selbst, ihre Bilder mit Schwamm und Reinigungsmitteln abzuwaschen. Gegenüber russischen Medien sagte sie, die Ankündigung habe sie sehr erschreckt. Es sei traurig, die Arbeit wieder zerstören zu müssen. Die Schülerin hatte sich das Zeichnen mithilfe von Videos im Internet beigebracht; die „Smeschariki“ waren ihr erstes größeres öffentliches Projekt.
Bürger stellen sich vor die junge Zeichnerin
Die scharfe Reaktion der Behörden stieß in Bolохovo und bald im gesamten russischen Internet auf deutlichen Widerspruch. Einwohner lobten die Bilder und fragten, weshalb sich die Verwaltung mit einer talentierten Jugendlichen beschäftige, anstatt sich um Müll und andere Probleme der Stadt zu kümmern. Auch Künstler, Juristen und Vertreter der Animationsserie unterstützten Ksenia.
Schließlich schaltete sich der Gouverneur der Region Tula, Dmitri Miljajew, ein. „Lasst das Kind in Ruhe!“, forderte er und erklärte, die Wahrung der öffentlichen Ordnung sei zwar notwendig, dürfe aber nicht bis zur Absurdität getrieben werden. Statt Ksenia einzuschüchtern, müsse man ihr helfen, ihr Talent zu entfalten. Das „übermäßige Engagement“ der Stadtverwaltung werde er in sinnvollere Bahnen lenken, kündigte der Gouverneur an.
Einen Tag später traf Miljajew die Jugendliche und ihre Mutter persönlich. Das Ergebnis: Die Zeichnungen dürfen bleiben. Mit einer bürokratischen Formulierung, die in diesem Zusammenhang beinahe poetisch wirkt, erklärte der Gouverneur sie zu einer „untrennbaren Verbesserung“ des Spielplatzes.
Ksenia erhielt außerdem eine Einladung in den neu gegründeten Kinderbeirat des regionalen Bauministeriums. Dort sollen junge Menschen eigene Vorstellungen zur Gestaltung öffentlicher Räume entwickeln. Sie könne sich unter anderem an den Planungen für die Verlängerung der Kasaner Uferpromenade in Tula beteiligen. Die Schülerin versprach, über das Angebot nachzudenken. In Bolохovo steht ihr zudem eine kostenlose Kunstschule offen.
Tafeln statt Strafandrohungen
Aus dem Einzelfall soll nun eine dauerhafte Konsequenz gezogen werden. Nach Angaben Miljajews sollen die Kinderspielplätze in der Region mit wetterfesten Kreidetafeln ausgestattet werden. Denkbar seien darüber hinaus kleine öffentliche Kunsträume, in denen Kinder legal und ausdrücklich erwünscht zeichnen können.
Auch die staatliche Technologieholding Rostec meldete sich bei Ksenia. Sie bot der Jugendlichen an, einen Produktionsraum des Tulaer Unternehmens Oktawa DM zu gestalten, das Mikrofone und Audiosysteme herstellt. RIA Nowosti
Dass ein Kind wegen freundlicher Comicfiguren überhaupt mit dem Strafgesetzbuch konfrontiert wurde, bleibt ein Beispiel für bürokratischen Übereifer. Die eigentliche gute Nachricht liegt deshalb weniger im Eingreifen eines Gouverneurs als in dem, was ihm vorausging: Einwohner stellten sich öffentlich vor eine Jugendliche, ihre Einwände wurden gehört – und aus der angedrohten Bestrafung entstand schließlich mehr Raum für die Kreativität von Kindern.

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