Pandora: Putin setzt sich auf die Anklagebank seiner eigenen Metapher

Pandora: Putin setzt sich auf die Anklagebank seiner eigenen Metapher

Wladimir Putin wirft Kiew vor, mit Angriffen auf russische Wirtschaftsobjekte die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Russland antworte nun mit Schlägen gegen besonders empfindliche Bereiche der ukrainischen Wirtschaft. Die Metapher ist wirkungsvoll – hält aber einem Kreuzverhör durch die Chronologie nicht stand.

Wladimir Putin hat den Schuldigen bereits benannt. „Das Kiewer Regime hat sich zum Ziel gesetzt, unserer Wirtschaft Schaden zuzufügen“, erklärte der russische Präsident am Wochenende in einem Interview mit dem staatlichen Fernsehsender Rossija. Damit habe Kiew „selbst diese Büchse der Pandora geöffnet“.

Russlands Antwort richte sich nun gegen die „empfindlichsten Wirtschaftszweige“ der Ukraine. Putin erwähnte ausdrücklich die Landwirtschaft, deren Exporterlöse der ukrainischen Regierung Einnahmen verschafften. Da Russland ausfallende ukrainische Lieferungen auf dem Weltmarkt ersetzen könne, werde dadurch keine globale Lebensmittelknappheit entstehen, versicherte er.

Das russische Verteidigungsministerium machte aus der Metapher umgehend eine Losung. Zu einem Foto einer startenden Rakete veröffentlichte es die Sätze: „Die Antwort wird immer kommen“ und: „Ihr selbst habt die Büchse der Pandora geöffnet.“ Zuvor hatte das Ministerium über russische Angriffe bei Kiew und auf den Hafen Tschornomorsk im Gebiet Odessa berichtet. Getroffen worden seien unter anderem Treibstofftanks, Hafenanlagen und ein Frachtschiff, das Waffen in die Ukraine gebracht habe, berichtete die russische Zeitung Kommersant.

Einmal geöffnet, besitzt die Büchse der Pandora allerdings eine unangenehme Eigenschaft: Ihr Öffnungsdatum lässt sich nicht nach Belieben neu festsetzen.

Zugunsten des Angeklagten muss zunächst festgehalten werden, was an Putins Darstellung stimmt. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf die russische Wirtschaft in diesem Sommer erheblich ausgeweitet. Drohnen trafen zahlreiche Raffinerien, Öldepots und Exportterminals. Hinzu kamen Angriffe auf Lager- und Verteilzentren der Onlinehändler Wildberries und Ozon.

Seit dem 18. Juli wurden nach einer Zusammenstellung von Reuters mindestens zwei Dutzend Wildberries-Lager angegriffen. Am Samstag wurde erstmals auch ein Logistikzentrum des Konkurrenten Ozon getroffen. Bei der großen ukrainischen Angriffswelle kamen nach russischen Angaben mehrere Menschen ums Leben, darunter auch Zivilisten.

Kiew bezeichnet die angegriffene Infrastruktur als Teil der russischen Kriegswirtschaft. Die Drohnenkampagne soll die Versorgung der Armee erschweren, Russlands Einnahmen verringern und die wirtschaftlichen Kosten des Krieges für die Bevölkerung spürbar machen. Insbesondere die Angriffe auf zivile Handels- und Logistikunternehmen markieren dabei eine Erweiterung des bisherigen Zielkatalogs.

Wenn Putin ausschließlich diese jüngste Eskalationsstufe gemeint hätte, ließe sich über seine Behauptung streiten. Er spricht jedoch grundsätzlich von Angriffen auf Wirtschaftsobjekte und stellt die russischen Schläge gegen ukrainische Häfen, Landwirtschaft und Exportanlagen als Antwort darauf dar. Genau hier gerät seine Metapher in Konflikt mit der Chronologie.

Bereits am 27. Februar 2022, drei Tage nach Beginn der russischen Invasion, traf eine russische Rakete ein Öllager in Wassylkiw südwestlich von Kiew. In derselben Nacht wurde eine Gasleitung in Charkiw zerstört. Am 25. April meldete das russische Verteidigungsministerium selbst einen erneuten Angriff auf die ukrainische Erdölraffinerie von Krementschuk.

Der erste von Russland der Ukraine zugeschriebene Angriff auf ein wirtschaftliches Ziel innerhalb der Russischen Föderation erfolgte dagegen am 1. April 2022. Zwei ukrainische Hubschrauber sollen damals ein Treibstofflager in Belgorod angegriffen haben. Kiew bestritt die Verantwortung; Präsident Wolodymyr Selenskyj ließ die Frage später offen.

Im Oktober 2022 begann Russland schließlich mit landesweiten, systematischen Angriffen auf die ukrainische Strom- und Wärmeversorgung. Putin erklärte diese Kampagne damals zur Vergeltung für den Anschlag auf die Krimbrücke. Große Teile der ukrainischen Energieinfrastruktur wurden beschädigt oder zerstört, Millionen Menschen waren zeitweise ohne Strom, Wasser und Heizung.

Auch die russischen Angriffe auf die ukrainische Landwirtschaft und deren Exportwege sind keine Reaktion auf die Drohnenkampagne des Sommers 2026. Nachdem Russland am 17. Juli 2023 aus dem Getreideabkommen für das Schwarze Meer ausgestiegen war, begann eine Serie von Angriffen auf Häfen, Silos und Getreidelager im Gebiet Odessa. Bis Mitte September registrierten die Vereinten Nationen 21 solcher Attacken – im Durchschnitt beinahe eine an jedem zweiten Tag. Die UN sprach damals von einem „brutalen und unerbittlichen Muster“.

Damit ist die historische Frage vergleichsweise einfach zu beantworten: Angriffe auf wirtschaftliche Infrastruktur gehören nicht erst seit diesem Sommer zum Krieg. Russland setzte sie seit den ersten Tagen seiner Invasion ein und machte spätestens im Herbst 2022 die Energieversorgung eines ganzen Landes zum systematisch bearbeiteten Ziel. Ukrainische Angriffe haben diese Form der Kriegsführung später auf russisches Territorium zurückgetragen und inzwischen deutlich verschärft.

Die Chronologie entlastet die Ukraine allerdings nicht von der Pflicht, jedes einzelne Angriffsziel völkerrechtlich zu rechtfertigen. Eine Raffinerie, die Streitkräfte mit Treibstoff versorgt, kann unter bestimmten Bedingungen ein militärisches Ziel sein. Bei einem gewöhnlichen Warenlager, Verteilzentrum oder landwirtschaftlichen Betrieb ist diese Verbindung sehr viel schwerer nachzuweisen.

Das humanitäre Völkerrecht kennt keine allgemeine Kategorie „Wirtschaftsobjekt“, die allein wegen ihres wirtschaftlichen Nutzens angegriffen werden dürfte. Ein Objekt muss durch seine Beschaffenheit, seinen Standort, seine Zweckbestimmung oder seine tatsächliche Verwendung wirksam zu militärischen Handlungen beitragen. Seine Zerstörung muss zudem einen konkreten militärischen Vorteil versprechen. Nach Auffassung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz genügt es ausdrücklich nicht, dass ein Unternehmen Steuern zahlt, Exporterlöse erzielt oder die allgemeine Kriegsfähigkeit eines Landes finanziell stützt. Objekte, die den Krieg lediglich wirtschaftlich unterstützen, seien keine rechtmäßigen Ziele.

Gerade an diesem Punkt wird Putins eigene Formulierung für ihn gefährlich. Er begründet mögliche Angriffe auf die ukrainische Landwirtschaft nicht mit deren konkreter militärischer Nutzung, sondern mit den Exporterlösen, die Kiew daraus bezieht. Zugleich weist er darauf hin, Russland könne die fehlenden ukrainischen Mengen auf dem Weltmarkt ersetzen. Damit beschreibt er wirtschaftliche Schwächung, Bestrafung und Marktverdrängung – nicht die Ausschaltung eines bestimmten militärischen Zieles.

Auch die Berichterstattung übernimmt Putins zeitliche Konstruktion teilweise. Expert gibt seine Behauptung nahezu ohne historischen Kontext wieder. Die von The Moscow Times veröffentlichte Reuters-Meldung erwähnt zwar die ukrainische Eskalation dieses Sommers und Russlands Ausstieg aus dem Getreideabkommen 2023. Dennoch heißt es auch dort, Russland habe auf die ukrainischen Angriffe mit Schlägen gegen ukrainische Wirtschaftsobjekte, darunter den Getreideexport über das Schwarze Meer, „reagiert“. Die drei Jahre ältere Angriffsgeschichte verschwindet dadurch in einem einzigen Verb.

Das Urteil fällt daher zweigeteilt aus. Kiew hat den wirtschaftlichen Krieg in diesem Sommer ausgeweitet und mit den Angriffen auf Handelslager eine neue, problematische Schwelle überschritten. Es hat aber nicht jene Büchse geöffnet, aus der Russland nun angeblich erstmals antwortet.

Putin reklamiert nicht die Unschuld des Ersten. Er äußert die Empörung dessen, der eine lange praktizierte Methode inzwischen wirksam gegen die eigene Wirtschaft gerichtet sieht. Indem er Kiew auf die Anklagebank seiner Metapher setzen wollte, hat er dort am Ende selbst Platz genommen.

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