Tschernobyl nach wie vor eine gefährliche Strahlungswunde der Erde

Der erste Strahlungsschlag traf in jener „Nacht des Jüngsten Gerichts“ die Schicht, die im Saal des 4. Reaktors des Kernkraftwerks von Tschernobyl Dienst hatte. Die Kleidung wurde diesen Menschen bei lebendigem Leibe zusammen mit der Haut abgerissen.

Die Explosion tauchte die schönen Ufer der Pripjat am 26. April 1986 um 1.23 Uhr in ein grelles Licht. In diesem Augenblick brach das Leben von Millionen Leben entzwei: kaputte Schicksale, allgemeine Erschütterung. Und Tausende Quadratkilometer verseuchte Territorien, ein enormer materieller Schaden. Diese technische nukleare Katastrophe, die größte der Geschichte, versenkte die Menschheit in Angst, von der sie sich bis heute nicht befreien kann.

Was geschieht heute im KKW Tschernobyl? Ist der „Sarkophag“, der vor 19 Jahren um den Preis von Menschenleben und der gefährdeten Gesundheit von zehntausenden „Liquidatoren“, wie sie heute genannt werden, über dem Reaktor gebaut wurde, zuverlässig? „Leider nicht“, behauptet der Leiter der Operativen Forschungsgruppe „Kurtschatowski-Institut“ in Tschernobyl, Doktor der physikalischen Wissenschaften Alexander Borowoj. „Unter dem ‚Sarkophag‘ liegen 185 Tonnen Kernbrennstoff verborgen. Seine Aktivität beträgt 16 Millionen Curie. Ein Teil des Kernbrennstoffes (3 bis 5 Prozent) wurde durch die Explosion über die an das KKW anliegenden Territorien verstreut. Aber 30 Prozent des Zäsiums, das darin enthalten war, verdampften und wurden durch Luftströmungen über tausende Kilometer weit getragen. Denkt man daran, dass die Halbwertzeit von Zäsium 30 Jahre und die von Plutonium 24 000 Jahre beträgt, so kann gesagt werden, dass die Strahlungswunde der Erde unendlich viel Zeit brauchen wird, um zu verheilen.“

Borowoj berichtete darüber, dass die Abdeckung-1, wie die Physiker sie nennen, einen gigantischen Bau, so hoch wie ein 24-stöckiges Haus, darstellt. Innerhalb des Raumes befinden sich ein Tausend zerstörter Räume, deren Strahlungsfelder zehntausende Röntgen in der Stunde erreichen. Das Leben eines Menschen wird unter solchen Bedingungen nach Minuten gerechnet.

Vor dem Unglück in Tschernobyl hatte die Welt keine Erfahrungen darin, wie unter solchen Bedingungen zu handeln ist. Die Tragödie von Tschernobyl ist weder ihrer Natur noch der Menge der Strahlungsemission nach mit Hiroshima und Nagasaki zu vergleichen. Jeden Augenblick mussten Entscheidungen getroffen werden, und das „im Vortasten“, unter selbstaufopfernden Anstrengungen der Menschen. Wie Borowoj sagt, ist das Gebäude der Abdeckung leider nicht zuverlässig genug. Beispielsweise konnten Spalten nicht vermieden werden, und sobald es regnet, tropft es innerhalb des „Sarkophages“, das Wasser löst radioaktive Stoffe auf, die sicherlich ins Grundwasser einsickern. Gearbeitet wurde auf Distanz, daher auch die Mängel. Die Gesamtfläche der Spalten wird gegenwärtig auf mehrere Hundert Meter geschätzt. Das bedeutet, dass daraus Plutoniumstaub entweichen kann, und dann müssen sich die Menschen, die vor Ort arbeiten (ihre Zahl geht in Tschernobyl in die Tausende) schwer hüten. Das Kraftwerk gilt zwar als „geschlossen“, aber de facto wurde der letzte Reaktor erst vor drei Jahren außer Betrieb gesetzt. Das Außerbetriebsetzen von KKW-Blöcken dauert Jahrzehnte.

Aber noch mehr beunruhigt den Wissenschaftler der Umstand, dass der „Sarkophag“ auf alten Konstruktionen steht, die sowohl bei der Detonation als auch beim Brand in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Deshalb darf man von der Möglichkeit ihres Einsturzes nicht abstrahieren, dann aber wird der verseuchte Staub nach außen entweichen. „Für uns, die wir Tschernobyl unsere Gesundheit, ja unser Leben geopfert haben, ist das eine Tragödie“, sagt Borowoj. „Es ist, als hätten wir 1986 den ‚Drachen‘ hineingetrieben, der sich aber jetzt wieder zeigen könnte. Haben wir unsere Arbeit also umsonst getan?“

Die Weltgemeinschaft bekundet die Absicht, der Situation abzuhelfen und den Bau einer Abdeckung-2 zu finanzieren. Bereits 1997 stellten die „Große Sieben“ 760 Millionen Dollar bereit, und sie werden allmählich verwendet.

In einiger Entfernung vom Reaktor und nun schon in einem ruhigeren Tempo plant man den Bau einer Konstruktion aus Metall und Beton, eines „Bogens“, der in fertiger Form dem alten „Sarkophag“ „übergestülpt“ und den Reaktor noch einmal, zuverlässiger abdecken wird.

„Aber die Weltgemeinschaft, die das Geld gewährt hat, hat nichts für eine optimale Arbeitsorganisation getan“, findet Borowoj. „Große ausländische Firmen, die früher nicht in Tschernobyl gearbeitet hatten, gewannen die Ausschreibungen. Binnen dreier Jahre haben sie vollbracht, was die Kurtschatow-Leute, die schon kolossale Erfahrungen gesammelt haben, binnen eines Jahres hätten tun können, noch dazu viel billiger und besser.“ Allerdings wurde die Leitungsgruppe des Projektes später gefestigt, jetzt steht ihr der namhafte amerikanische Spezialist Charles Hogg, ehemaliger Marineoffizier, ein kompetenter und zielbewusster Mensch, vor.

Neunzehn Jahre sind vergangen, aber die Menschen sind immer noch verwundert: „Wie konnte es nur zu Tschernobyl kommen?“ Fachleute stellen solche Fragen nicht. Am 25. April um 2.00 Uhr rief eine junge Dispatcherin aus Kiew im KKW Tschernobyl an und verlangte mit strenger Stimme, die Leistung des 4. Reaktors nicht noch weiter zu senken und auch die Tests, auf die er vorbereitet wurde, aufzuschieben. Das Mädchen „kommandierte“ natürlich nicht von sich aus, vielmehr war sie das Sprachrohr ihrer Vorgesetzten. Die Forderungen wurden erfüllt, der Reaktor war noch neun Stunden in Betrieb. Das war ein gefährliches Regime und der erste Schritt zur Havarie.

Die Detonation war eine Antwort des „nicht idealen“ Reaktors auf die groben Fehler des Personals. Heute ist so etwas nicht mehr möglich: Der bittere Nachgeschmack von Tschernobyl hat die russischen Atomenergetiker dazu gezwungen, in die Reaktoren zahlreiche Sicherungen einzubauen, die vom „menschlichen Faktor“ nicht mehr überwunden werden können.