Spielwarentrends aus Russland

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[von Michael Barth] – Die Spielwarenmesse Nürnberg bot ihren Besuchern auch dieses Jahr wieder das gesamte Spektrum an Trends für Hobbyraum und Kinderzimmer. Was gibt es Neues, was findet man in diesem Sektor gar nicht mehr? russland.RU versuchte den Zeitgeist zu erhaschen und richtete sein Augenmerk dabei besonders auf die russischen Aussteller.

Die Spielwarenmesse, seit 1949 fortwährend die größte ihrer Art, glänzte, wenn man den offiziellen Zahlen der Veranstalter glauben schenken darf, auch dieses Jahr mit einem neuen Besucherrekord. Rund 73.000 Gäste sollen es dieses Jahr gewesen sein, ein Plus von 3,2 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Über die Hälfte von ihnen kam dafür extra aus dem Ausland angereist. Was gab es Neues bei den 2.800 Ausstellern aus aller Welt, was waren die auffälligsten Trends? Grob zusammengefasst könnte man sagen: Die Chinesen bauen Drohnen, die Deutschen Dampfmaschinen und die Russen Kriegsspielzeug. Aber das wäre jetzt etwas zu einfach. Generell lässt sich sagen, dass der Markt für elektronische Spielwaren noch lange nicht ausgereizt ist. Die jüngste Präsentation von 3D-Druckern stand bereits in ihren Startlöchern und wartet nur darauf, für den alltäglichen Gebrauch verwendet zu werden.

Aber dennoch scheint solide Handwerkskunst immer noch, beziehungsweise wieder, gefragt. Besonders osteuropäische Hersteller fielen dabei wohlwollend ins Auge. Auch deutsche Produzenten scheinen sich mehr und mehr ihres Gütesiegels „Made in Germany“ zu entsinnen. Nach wie vor weltweit vertreten sind natürlich die Klassiker des Kinderzimmers aus Plüsch und Kunststoff. Aber wenden wir uns den russischen Ausstellern zu. Insgesamt 24 an der Zahl buhlten mit ihren Produkten um Publikum und Aufträge. In einem Warensortiment, das gleich vorweg, fehlt Russland schon seit eh und je – den Modelleisenbahnen. Nicht einmal ein russischer Eisenbahnzug scheint im Sortiment der namhaften Hersteller dieses Genres Beachtung zu finden. Immerhin bietet „Märklin“ seit neuestem Loks und Waggons zum selber Bemalen an. Das scheint quasi die Ehrenrettung für die russische RZD, um auch ihre Runden durch selbst gestaltete Landschaften drehen zu können.

Kampfflugzeuge statt Eisenbahnen

Dafür glänzen russische Hersteller für Modellbau konstant mit Kriegsgerät zum selber Basteln. Die Umsätze liefen prächtig, obwohl zu etwa 70 Prozent hauptsächlich der russische Markt bedient werde. Man stünde in erster Linie jährlich auf der Spielwarenmesse, um bestehende Auslandskontakte zu pflegen, hieß es. Zudem sei es der perfekte Rahmen, die Neuheiten einem breiten Fachpublikum vorzustellen, sagen unisono Andrey Dimentov von „Ark-Model“ und Konstantin Komarov, von der Konkurrenz „Zwezda“. Von Panzern und Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur neuesten Baureihe der SU-Jets aus dem Syrienkrieg reicht die Angebotspalette. Bausätze aus Kunststoff, die zusammengeklebt, bemalt und, mit den jeweiligen Beschriftungen als Abziehbild, gestaltet werden wollen. Das passende Fußvolk gibt es natürlich maßstabsgerecht dazu. Die liebevoll ausgearbeiteten Häuserruinen für den Dioramenbau indes fand man ein paar Stände weiter bei den Ukrainern.

Fernab von patriotischem Kriegsgerät fällt Russland regelmäßig positiv bei der Präsentation des sogenannten edukativen Spielzeugs ins Gewicht. Die Klassiker unter den Lernspielwaren sind für die Jüngsten nach wie vor überwiegend aus Kunststoff gefertigt. Erst ab einer höheren Altersgruppe kommen die Bastelsachen aus Pappmaterialien zum Zuge. Inzwischen setzen auch die russischen Hersteller verstärkt auf Recyclingrohstoffe, allerdings wohl eher, um dem europäischen Markt gerecht zu werden. Den scheint man auch in dieser Warengruppe noch beharrlich zu erreichen. „Wir sind hier in Nürnberg, um europäische Vertriebspartner zu finden“, erklärte man uns am Stand von „Yohocube“, die als Neuling der Branche ihr Klientel für ihre Stecksysteme erst noch finden müssen. Man sei jedoch guter Dinge, was die Zukunft betrifft, hieß es im allgemeinen Messefieber.

Das annähernd selbe System, allerdings aus Kunststoff gefertigt, fanden wir bei „Fanclastic“. Was im ersten Moment sehr stark an „Lego“-Bausteine erinnert, entpuppt sich hier als präzise ausgetüfteltes 3D-Baukastensystem, dass sich nach Belieben in Größe und Form, ähnlich wie bei einem Metallbaukasten, variieren lässt. Die Neuerung gegenüber herkömmlichen Verbundbausteinen besteht in einer kristallähnlichen Gitterstruktur, die es ermöglicht, die einzelnen Komponenten mit maximaler Stabilität miteinander zu verbinden. Das in sich verflochtene kubische Gitter, das dem Verbund den extremen Halt verleiht, wirkt sich aus der Nähe allerdings sehr unruhig aus, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, man selbst oder zumindest das fertige Konstrukt stünde unter Halluzinogenen. Mit der Nachfrage von potentiellen Kunden, sagte Nina Myshanskaya, die Verkaufsleiterin bei „Fanclastic“, sei man als Messe-Novize mehr als zufrieden.

Action und „Lego“ auf Dope

Auch bei den Brettspielen gibt es Neuerungen. Nicht dass die Klassiker wie Schach, Mühle oder Dame bereits ausgestorben wären, aber der Trend ist deutlich erkennbar. Rollenspiele mit Fantasy-Figuren, der gemeinsame Kampf gegen Monster oder Gefechte zweier Teams mittels Ereigniskärtchen haben das „Mensch ärgere dich“-Spiel mittlerweile von der breiten Masse isoliert. „Besonders die Jugendlichen wollen heute einfach mit mehr Action in ihre Phantasiewelt abtauchen“, erklärt Natalia Suprunyuk am Stand von „Hobby World“, einem der zwei russischen Aussteller in diesem Sektor, die deutlich auf den internationalen Markt abzielen. Spielen sei für Suprunyuk ohnehin Grenzen überschreitend, sagt sie, als das Gespräch auf die derzeitigen Spannungen zwischen dem Westen und Russland kommt.

Eines Besseren belehrt wurden wir dagegen wiederum beim Modellbauhersteller „Zvezda“. Dessen Brettspiele verlangen taktische sowie strategische Vorausplanung, ähnlich einem militärischen Konflikt, der zuvor mit Zinnsoldaten im Sandkasten erörtert wurde. Ob es sich nun die Schlacht um Stalingrad während des „großen vaterländischen Krieges“ handelt, die legendäre Panzerschlacht bei Kursk oder gar um den zeitgenössischen „Krieg um Öl“. Kreative Phantasie steht hierbei weniger hoch im Kurs, da der Hersteller bereits an die detailgetreue Gestaltung der Spielfiguren, wenn man Panzer, Flugzeuge und Bodentruppen denn so bezeichnen will, gedacht hat. Sicherlich auch, um dadurch den Umsatz zu erhöhen, da ein gespielter Winterkrieg in der Wüste wenig Sinn macht. Aber dennoch scheint hierfür Interesse vorhanden, da man die Messe als zentralen Treffpunkt für bereits gewonnene Kunden ansehe.

Eines durfte natürlich zu guter Letzt auf der größten Spielwarenschau der Welt nicht fehlen – Plüsch. Der gute alte Teddybär ist offenbar noch lange noch nicht im Rentenalter und behauptet sich beharrlich neben einer Schar von lebensgroßen Tieren, die direkt aus einem Streichelzoo geholt worden zu sein scheinen. Auch wenn dieser Kinderstubenklassiker lediglich von einem russischen Anbieter, dafür in Samt und Seide gekleidet, angeboten wurde, belegt das Segment das Gros der Ausstellungsfläche. Und dann ist im nächsten Jahr ja noch die Fußball-Weltmeisterschaft. Das Marketing läuft bereits auf Hochtouren und natürlich durfte der offizielle Vertreiber auf der diesjährigen Spielwarenmesse nicht fehlen.

Zwar wird das Turnier in Russland ausgetragen werden, der Hersteller des Fan-Zubehörs jedoch kommt aus dem Reich der Mitte. Wirklich neu ist es nicht, was sich die Chinesen zusammen mit dem Weltverband ausgedacht haben. Das Bärchen musste einem Wolf, dem offiziellen Maskottchen der Veranstaltung, weichen, der das passende Trikot übergezogen bekam. Der FIFA, der der Verkauf obliegt, dürfte dies jedoch herzlich egal sein – der Rubel rollt so oder so.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.