SPIEF 2026: Wirtschaftsforum im Schatten von Drohnen, Funkstörungen und schrumpfender West-Präsenz

Das 29. Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg begann unter ungewöhnlichen Vorzeichen. Am Morgen der Eröffnung wurde die Stadt von einem der schwersten ukrainischen Drohnenangriffe seit Kriegsbeginn getroffen. Während Delegierte zum Forum eintrafen, stiegen über dem Finnischen Meerbusen Rauchwolken auf: Rund 17 Kilometer vom Veranstaltungsort entfernt brannte der St. Petersburger Ölterminal, einer der größten Umschlagplätze für Erdölprodukte an der russischen Ostsee.

Nach Angaben des Gouverneurs der Region Leningrad, Alexander Drosdenko, wurden 59 Drohnen zerstört. Das russische Verteidigungsministerium sprach landesweit von 354 abgefangenen ukrainischen Drohnen über 16 Regionen. Auch Kronstadt wurde getroffen. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte Angriffe auf militärische Einrichtungen auf dem dortigen Stützpunkt. Am Flughafen Pulkowo kam es zu Verspätungen und Umleitungen, in der Stadt meldeten Einwohner Störungen des Mobilfunks und des Internets. Das Geschäftsprogramm des Forums begann dennoch planmäßig.

Das Bild passte zu einem Forum, das offiziell weiter große internationale Bedeutung beansprucht, tatsächlich aber bescheidener geworden ist. 2025 hatte das SPIEF nach offiziellen Angaben noch 24.200 Besucher aus 144 Ländern und Gebieten. Für 2026 rechnen die Veranstalter nur noch mit etwa 20.000 Teilnehmern aus mehr als 130 Ländern. Auch Geschäftsreisen nach St. Petersburg gingen zurück. Nach Angaben des Unternehmens Aeroklub wurden für die Forumstage 13 Prozent weniger Flug- und Bahntickets ausgestellt als im Vorjahr. Drei Viertel der Reisen entfielen inzwischen auf die Bahn.

Gleichzeitig sanken die Unterkunftspreise. Kurzzeitmieten wurden im Vergleich zum Vorjahr um vier bis zehn Prozent günstiger, Fünf-Sterne-Hotels laut „Delowoi Peterburg“ sogar um 23 Prozent auf durchschnittlich 155.000 Rubel pro Nacht. Die Teilnahme am Forum wurde dagegen teurer. Das Komplettpaket kostete nach dem 19. Mai 1,632 Millionen Rubel, rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Kosten einzelner öffentlicher Auftritte stiegen deutlich: Der St. Petersburger Messestand kostete den städtischen Haushalt 186,6 Millionen Rubel, mehr als doppelt so viel wie 2025.

Offizielles Gastland des Forums ist Saudi-Arabien. Das entspricht der politischen Neuausrichtung des SPIEF, das sich seit Beginn der westlichen Sanktionen zunehmend vom Westen auf den Nahen Osten und Asien verlagert. In den 2010er Jahren waren noch Frankreich, Spanien oder Japan Gastländer gewesen. In den vergangenen Jahren rückten Katar, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman und nun Saudi-Arabien in diese Rolle.

Westliche Gäste gibt es weiterhin, doch ihre Zusammensetzung zeigt den veränderten Charakter des Forums. Aus den USA reiste Rodney Mims Cook Jr. an, Vorsitzender der US-Kommission für bildende Künste und laut Reuters mit dem umstrittenen Ballsaal-Anbau im Weißen Haus verbunden. Ebenfalls angekündigt wurden die rechte US-Videobloggerin Candice Owens und Steven Seagal, der seit 2016 russischer Staatsbürger ist und als Sonderbeauftragter des russischen Außenministeriums für humanitäre Beziehungen zu den USA und Japan auftritt.

Für besondere Aufmerksamkeit sorgte die Ankunft der Brüder Andrew und Tristan Tate, die am Moskauer Flughafen mit Brot und Salz sowie einem Kosakenensemble empfangen wurden. Gegen die Tate-Brüder laufen in Rumänien und Großbritannien Verfahren wegen Vorwürfen wie Menschenhandel und Vergewaltigung; beide bestreiten die Anschuldigungen. Selbst im regierungsnahen russischen Lager löste ihre Ankunft Kritik aus. Der Z-Blogger „Rybár“ bezeichnete Andrew Tate als Menschenhändler und von großen Plattformen gesperrte Figur. Auch die Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Familienschutz, Nina Ostanina, erklärte, er habe in Russland nichts zu suchen.

Der auffälligste westliche Wirtschaftsauftritt kommt aus Deutschland. Erstmals seit mehreren Jahren ist wieder eine deutsche Wirtschaftsdelegation beim SPIEF vertreten. Nach Angaben des Vorsitzenden der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Matthias Schepp, geht es deutschen Unternehmen darum, ihre Investitionen in Russland zu schützen und ihre Marktposition gegenüber chinesischen Konkurrenten zu behaupten. Deutschland ist das einzige westliche Land, dem im offiziellen Programm ein eigener Wirtschaftsdialog gewidmet wurde. Begleitet wird die wirtschaftliche Präsenz auch von Politikern der AfD.

Damit steht Deutschland weniger für eine politische Rückkehr des Westens als für wirtschaftlichen Pragmatismus unter veränderten Bedingungen. Während große Teile der westlichen Wirtschaft Russland verlassen haben oder ihre Präsenz minimieren, versuchen verbliebene Unternehmen offenbar, bestehende Vermögenswerte abzusichern. The Bell formuliert den Kern nüchtern: Die Deutschen kommen nicht zurück, um neu zu investieren, sondern um das bereits Investierte zu schützen.

Auch das Rahmenprogramm zeigt die Grenzen der Normalisierung. Sergej Schnurow, Frontmann der Band „Leningrad“ und früher Stammgast bei geschlossenen SPIEF-Veranstaltungen, tritt in diesem Jahr nicht auf. Nach Angaben russischer Medien wurden geplante Auftritte abgesagt. Hintergrund soll ein fortdauernder Konflikt mit dem St. Petersburger Gouverneur Alexander Beglow sein. Schnurow hatte Anfang 2022 mit dem Lied „Peter I.“ eine Zeile veröffentlicht, die als Angriff auf Beglow verstanden wurde.

The Bell zieht daraus eine klare Bilanz: Das SPIEF hat sich offiziell längst auf eine „multipolare Welt“ ausgerichtet, doch ohne vollwertige westliche Beteiligung wird sein tatsächliches Gewicht kleiner. Die Delegationen schrumpfen, Unterkünfte werden günstiger, und die westliche Sichtbarkeit wird zunehmend von Randfiguren, rechten Aktivisten, Prominenten und symbolischen Gästen bestimmt.

Die jährlich gemeldeten Geschäftsabschlüsse im Umfang von mehr als sechs Billionen Rubel betreffen nach dieser Analyse vor allem staatliche Infrastruktur und Binnenwirtschaft. Das Forum ist damit immer weniger eine Plattform zur Anwerbung ausländischen Kapitals. Es funktioniert vielmehr als Schaufenster und Umverteilungsmechanismus innerhalb der russischen Wirtschaft.

So zeigt das SPIEF 2026 gleich mehrere Realitäten auf einmal: Russland inszeniert internationale Anschlussfähigkeit, während Drohnenangriffe und Mobilfunkstörungen die Verletzlichkeit selbst der zweitwichtigsten Stadt des Landes demonstrieren. Die Regierung präsentiert neue Partner aus Saudi-Arabien und dem globalen Süden, während der Westen nur noch selektiv, vorsichtig oder in schillernder Randbesetzung auftaucht. Und hinter den großen Summen und offiziellen Forenformeln steht ein Wirtschaftsforum, das nicht verschwunden ist, aber deutlich kleiner, staatlicher und politisch enger geworden ist.

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