Drohnenangriffe treffen das Logistiknetz von Wildberries

Drohnenangriffe treffen das Logistiknetz von Wildberries

Bei Angriffen auf zwei große Warenlager des russischen Onlinehändlers Wildberries sind acht Menschen ums Leben gekommen und Dutzende verletzt worden. Für den größten russischen Online-Marktplatz könnten die Brände nicht nur hohe Schäden, sondern auch erhebliche Störungen im wichtigsten Absatzgebiet rund um Moskau zur Folge haben.

In der Nacht zum Samstag wurden Wildberries-Logistikzentren in Elektrostal östlich von Moskau und in Kotowsk im Gebiet Tambow von ukrainischen Drohnen getroffen. Nach russischen Angaben starben in Kotowsk sieben Menschen, 25 weitere wurden verletzt. In Elektrostal wurden 24 Verletzte gemeldet; einer von ihnen erlag später seinen Verletzungen.

Am Samstag dauerten die Löscharbeiten in Elektrostal noch an. Der Brand in Kotowsk war nach Angaben der Wildberries-Gründerin Tatjana Kim bereits gelöscht. Wie groß die Schäden an den Gebäuden und den dort gelagerten Waren sind, wurde zunächst nicht mitgeteilt. Der Marktplatz nahm jedoch alle Waren, die in den betroffenen Zentren lagerten, vorläufig aus dem Verkauf.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Angriffe als Reaktion auf russische Attacken gegen die zivile Infrastruktur der Ukraine. Seinen Angaben zufolge sollen die Wildberries-Lager auch für die Lieferung sanktionierter Bauteile verwendet worden sein, die bei der Herstellung von Drohnen und Navigationsgeräten zum Einsatz kommen. Unabhängig bestätigt sind diese Angaben bislang nicht.

Für Wildberries, das wegen seiner dominierenden Stellung im russischen Onlinehandel gelegentlich als „Russlands Amazon“ bezeichnet wird, trifft der Angriff zwei bedeutende Teile seines Logistiknetzes. Das Zentrum in Elektrostal soll mit rund 250.000 Quadratmetern eines der größten Lager des Unternehmens sein. Die erst im vergangenen Jahr eröffnete Anlage in Kotowsk umfasst etwa 108.000 Quadratmeter und galt als modern ausgestattet.

Ein mit der Situation im Unternehmen vertrauter Gesprächspartner schätzte gegenüber dem unabhängigen Wirtschaftsmedium The Bell, dass zehn bis 15 Prozent der gesamten Wildberries-Lagerfläche betroffen sein könnten. Ein vollständiger Stillstand des Marktplatzes sei deshalb nicht zu erwarten. Vor allem im Moskauer Raum, dem wichtigsten Markt des Unternehmens, könne es jedoch zu einer erheblichen Überlastung der verbleibenden Logistikzentren und damit zu Lieferverzögerungen kommen.

Noch ungeklärt ist, wer für die Warenverluste der Händler aufkommt. Zahlreiche Verkäufer berichteten bereits in sozialen Netzwerken von Schäden in Millionenhöhe. Ihre Sorge gilt vor allem einer Änderung des Wildberries-Vertragsangebots, die erst am 7. Juli in Kraft getreten war.

Danach ist das Unternehmen nicht verpflichtet, Schäden zu ersetzen, die durch „höhere Gewalt“ entstehen. Ausdrücklich genannt werden neben Naturkatastrophen und Streiks auch Drohnenangriffe sowie Zerstörungen durch Waffen und militärische Ausrüstung. Wildberries hatte sich somit nur wenige Tage vor den Angriffen rechtlich gegen genau ein solches Ereignis abgesichert.

Tatjana Kim kündigte dennoch an, Wildberries prüfe Zahlungen und andere Formen finanzieller Unterstützung für die betroffenen Verkäufer. Dies geschehe trotz der außergewöhnlichen Umstände und obwohl das Unternehmen nach eigener Auffassung nicht zur Entschädigung verpflichtet sei. Konkrete Summen nannte sie zunächst nicht.

Nach Einschätzung eines Gesprächspartners von The Bell wird der Konzern allerdings kaum um Entschädigungen herumkommen. Verweigere Wildberries die Zahlungen, könnten zahlreiche Händler ihre Zusammenarbeit mit der Plattform beenden oder zumindest einen größeren Teil ihres Geschäfts zu Konkurrenten verlagern.

Wie teuer eine freiwillige Entschädigung werden kann, zeigte der Brand im Wildberries-Lager in Schuschary bei St. Petersburg. Das Unternehmen zahlte den dort betroffenen Händlern nach eigenen Angaben insgesamt rund 35 Milliarden Rubel. Mit 106.000 Quadratmetern war dieses Zentrum ungefähr so groß wie das jetzt angegriffene Lager in Kotowsk, allerdings deutlich kleiner als der Komplex in Elektrostal.

Fest zugesagt hat Wildberries bislang lediglich Hilfen für die Opfer. Die Familien der Getöteten sollen jeweils zwei Millionen Rubel erhalten. Für Schwerverletzte kündigte Kim Zahlungen von jeweils einer Million Rubel an.

Die Angriffe machen damit zugleich eine neue wirtschaftliche Dimension des Krieges sichtbar. Nachdem Raffinerien, Industrieanlagen und Verkehrswege längst zu Zielen ukrainischer Drohnen geworden sind, geraten nun auch die großen Verteilzentren des russischen Onlinehandels in den Gefahrenbereich. Für Wildberries geht es daher nicht allein um zwei beschädigte Lagerhäuser, sondern um die Frage, wie widerstandsfähig sein hoch konzentriertes Logistiksystem unter Kriegsbedingungen ist.

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