VK-Apps verschwinden aus westlichen App-Stores

VK-Apps verschwinden aus westlichen App-Stores

Der russische Technologiekonzern VK ist unter europäischen Sanktionen geraten. Apple und Google haben nahezu das gesamte Ökosystem des Unternehmens aus ihren App-Stores entfernt – vom sozialen Netzwerk VKontakte über den staatlich geförderten Messenger Max bis zu Odnoklassniki, Mail.ru und VK Video. In Russland wächst nun die Sorge vor Gegenmaßnahmen gegen Apple und Google.

Für VK dürfte der Sommer 2026 als eine der schwersten Krisen der Unternehmensgeschichte in Erinnerung bleiben. Innerhalb weniger Wochen verlor der Konzern den Zugang zu den beiden wichtigsten internationalen Vertriebsplattformen für Smartphone-Anwendungen.

Den Anfang machte am 3. Juni der Messenger Max, der überraschend aus Apples App Store verschwand. Am 25. Juni entfernte Apple auch die übrigen Anwendungen des VK-Konzerns. Eine öffentliche Intervention des russischen Digitalministeriums und Forderungen des Kremls nach einer Erklärung blieben ohne erkennbares Ergebnis.

Am 13. Juli setzte die Europäische Union VK und dessen Tochtergesellschaft „Communication Platform“, die den Messenger Max entwickelt und betreibt, auf ihre Sanktionsliste. Drei Tage später verschwanden auch bei Google Play zahlreiche VK-Dienste.

Betroffen sind neben Max und VKontakte unter anderem das soziale Netzwerk Odnoklassniki, der Nachrichten- und Blogdienst Zen, Mail.ru einschließlich Mail- und Cloud-Angeboten sowie VK Video. Bereits installierte Anwendungen funktionieren nach Angaben des Unternehmens zunächst weiter.

Die EU begründet ihre Sanktionen mit der Rolle von VK bei der Überwachung des russischen Internets und der Unterdrückung regierungskritischer Äußerungen. Nach Darstellung des EU-Rates wurde die Entwicklung von Max vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB beaufsichtigt. Der Geheimdienst habe Anforderungen festgelegt, die bei der Entwicklung des Messengers zu erfüllen gewesen seien.

Max müsse zudem auf allen in Russland verkauften Smartphones und Tablets vorinstalliert werden und sei mit dem staatlichen Dienstleistungsportal Gosuslugi verbunden. Die EU wirft der Anwendung umfangreiche Überwachungsmöglichkeiten vor. VK selbst soll russischen Behörden Daten über Nutzer übermittelt haben, die den Krieg gegen die Ukraine kritisierten, und an der Sperrung von VPN-Diensten beteiligt gewesen sein.

VK und Communication Platform fallen damit unter das europäische Sanktionsregime gegen Personen und Unternehmen, denen schwere Menschenrechtsverletzungen oder die Unterdrückung der russischen Zivilgesellschaft vorgeworfen werden. Vermögenswerte in der EU werden eingefroren; europäischen Unternehmen ist es untersagt, den sanktionierten Firmen wirtschaftliche Mittel zur Verfügung zu stellen.

An der Moskauer Börse verlor die VK-Aktie nach Angaben des Wirtschaftsmediums The Bell zeitweise fast 13 Prozent. Am Freitag wurde das Papier für etwa 120 Rubel gehandelt. Der Marktwert des gesamten Unternehmens sank damit auf rund 71 Milliarden Rubel.

Kampagne gegen Max

Der im russischen Exil arbeitende Fonds zur Bekämpfung der Korruption, FBK, hatte sich nach eigenen Angaben gezielt für Sanktionen gegen Max und VK eingesetzt. Die von Alexej Nawalny gegründete Organisation wird in Russland als extremistisch und terroristisch eingestuft.

Der Leiter der politischen Projekte des FBK, Leonid Wolkow, erklärte gegenüber The Bell, der Fonds habe in den vergangenen sechs Monaten sowohl öffentlich als auch hinter den Kulissen gegen die russische Internetzensur gearbeitet. Unter anderem hätten Gespräche mit Google stattgefunden. Eine vom FBK erarbeitete Liste beteiligter Personen und Unternehmen finde sich teilweise in den neuen EU-Sanktionen wieder.

Die dahinterstehende Überlegung: Wenn der von den russischen Behörden bevorzugte Messenger Max nicht mehr regulär installiert werden kann, könnte Moskau gezwungen sein, die Beschränkungen gegen Telegram und WhatsApp zu lockern. Russland könne schließlich nicht dauerhaft ohne funktionierende Messenger-Infrastruktur auskommen.

Vertreter der russischen Technologiebranche halten diese Hoffnung jedoch für gewagt. Sie rechnen eher damit, dass die russischen Behörden nicht Telegram und WhatsApp freigeben, sondern ihrerseits gegen Apple und Google vorgehen. Leidtragende eines solchen Sanktions- und Sperrwettlaufs seien vor allem die gewöhnlichen Nutzer.

Suche nach einem Ausweg

Nach Informationen von The Bell begann VK erst nach der Entfernung von Max aus Apples App Store intensiv nach Alternativen zu suchen. Zeitweise sei erwogen worden, den Messenger an einen externen Entwickler oder unmittelbar an den russischen Staat zu übertragen.

Sogar eine Veröffentlichung über das Entwicklerkonto des Digitalministeriums, über das auch die Gosuslugi-App vertrieben wird, soll diskutiert worden sein. Diesen Plan habe man jedoch verworfen, weil Apple daraufhin auch den für russische Bürger zentralen Gosuslugi-Dienst aus dem App Store entfernen könnte.

Seit den EU-Sanktionen dürfte auch die Übertragung an eine andere Gesellschaft wenig Aussicht auf Erfolg haben. Die europäische Begründung bezieht sich nicht allein auf die Eigentumsverhältnisse, sondern ausdrücklich auf Entwicklung, Funktionsweise und staatliche Rolle von Max. Ein bloßer Wechsel des formellen Besitzers würde daran nichts ändern.

Als mögliche Lösung gelten nun sogenannte Progressive Web Apps. Dabei werden Internetseiten so gestaltet, dass sie auf dem Smartphone weitgehend wie eigenständige Anwendungen funktionieren. Denkbar wäre außerdem, bestehende Anwendungen leicht verändert unter anderen juristischen Personen neu einzureichen – eine Methode, die bereits von sanktionierten russischen Banken verwendet wird.

Für Android-Nutzer bleiben die unmittelbaren Folgen begrenzt. Sie können VK-Anwendungen weiterhin über den russischen RuStore, die Huawei AppGallery, den Samsung Galaxy Store und Xiaomi GetApps oder direkt als Installationsdatei von den VK-Webseiten herunterladen. Besitzer von iPhones haben diese Möglichkeiten aufgrund des stärker abgeschotteten Apple-Systems nicht.

Größere Risiken könnten entstehen, falls Google weitere technische Dienste für VK sperrt. Dazu gehört die Plattform Firebase, über die Push-Nachrichten auf Smartphones zugestellt werden. Auch ein Entzug der Widevine-Lizenz könnte VK Video den Zugriff auf kopiergeschützte Inhalte erschweren.

Droht die russische Antwort?

Die entscheidende Frage lautet nun, wie Moskau reagieren wird. Russische Behörden könnten versuchen, Apple und Google unter Druck zu setzen oder deren Dienste im Land einzuschränken. Die russische Kartellbehörde hatte Apple bereits wegen der fehlenden Vorinstallation russischer Software mit einer Geldstrafe von bis zu vier Milliarden Rubel gedroht.

Eine Sperrung des App Store oder zentraler Google-Dienste wäre allerdings technisch riskant. Sie könnte Probleme bei der Installation und Aktualisierung von Anwendungen, bei Push-Mitteilungen, Webseiten, WLAN-Verbindungen und zahlreichen unsichtbar im Hintergrund arbeitenden Diensten verursachen.

Völlig ausgeschlossen ist ein solcher Schritt dennoch nicht. Auch die Verlangsamung beziehungsweise faktische Blockade von YouTube galt lange als zu schädlich für das russische Internet. Inzwischen funktioniert die Plattform in Russland seit fast einem Jahr nur noch eingeschränkt. Die Anmeldung bei russischen Diensten über Google-Konten wurde ebenfalls zurückgedrängt.

Gleichzeitig hat sich das russische Internet seit Kriegsbeginn stärker von westlicher Infrastruktur gelöst. Anwendungen sanktionierter Unternehmen werden über alternative App-Stores verbreitet, Daten und Webseiten auf russische Server verlagert und westliche Plattformen durch heimische Angebote ersetzt.

Die Entfernung der VK-Anwendungen dürfte diese Entwicklung weiter beschleunigen. Ob sie tatsächlich zur Freigabe von Telegram und WhatsApp führt, wie der FBK hofft, ist fraglich. Ebenso wahrscheinlich erscheint eine weitere Runde gegenseitiger Sperren – mit der Folge, dass sich das russische Internet noch stärker vom weltweiten Netz abkoppelt.

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