Schuld am Kommunismus sind immer nur die Russen!?

Gegen die posthume Renationalisierung der Sowjetgeschichte

CCCP Bild © kontrovers.de
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[von Dr. Leo Ensel] Spätestens seit dem Ende der Sowjetunion hat in allen Nachfolgestaaten eine rege Neubewertung der Geschichte des XX. Jahrhunderts, insbesondere der über siebzigjährigen kommunistischen Herrschaft eingesetzt, die selten frei von nationalen Egoismen war.

Mit dem Beginn des neuen Ost-West-Konfliktes werden diese – in der Regel auf die Schnelle zurechtgezimmerten – neuen historischen Narrative auch für die ideologische Überhöhung der neuentfachten Spannungen und die daraus abgeleiteten politisch-militärischen Konsequenzen instrumentalisiert. Dabei gehen alle Seiten nicht gerade zimperlich mit der Vergangenheit, insbesondere mit der eigenen Verstrickung in die Verbrechen des kommunistischen Regimes um: Sie wird in der Regel geleugnet oder bagatellisiert! Diese voluntaristische Umdeutung der Sowjetgeschichte gilt ebenso für den aktuellen historischen Diskurs im Westen – je nachdem mit welcher Seite man sich gerade identifiziert. – Dr. Leo Ensel über die posthume Renationalisierung der Sowjetgeschichte.

Eine „Topographie des Terrors“ findet man seit ein paar Jahren nicht nur rund um das ehemalige Reichssicherheitshauptamt in Berlin, sondern auch in der georgischen Hauptstadt Tbilisi. Gemeint ist hier der rote, der stalinistische Terror. In der Ukraine fallen gerade die Lenin-Denkmäler, Straßen siegreicher Generäle der Roten Armee werden zugunsten ukrainischer Nationalisten aus der Zwischenkriegszeit umbenannt und der Tag des Sieges über Hitler-Deutschland wird schon mal westkompatibel vom 9. auf den 8. Mai vorverlegt. Dagegen steht vor dem Michaeliskloster in Kiew das Denkmal für die Opfer des „Holodomor“, der Hungerkatastrophe 1932/33, schon seit Anfang der Neunziger Jahre.

In den Nachfolgestaaten der UdSSR, die auf EU- und NATO-Mitgliedschaft spekulieren, ist die „Dekommunisierung“ in vollem Gange. Parallel dazu werden neue nationale Geschichtsnarrative gebastelt und die laufen in der Regel auf einen simplen Satz hinaus: Schuld am Kommunismus waren immer nur die Russen! Nicht Vertreter einer bestimmten Ideologie waren also die Täter, sondern Vertreter einer bestimmten Nation. Dasselbe gilt für die Opfer: Opfer waren nicht Kulaken, Kleinbauern, Adlige, Priester, Dissidenten, unliebsame Wissenschaftler und Künstler, sondern schlicht alle Völker der ehemaligen Sowjetunion – außer den Russen! Mit einem Wort: Wir sind gerade Zeugen eines bemerkenswerten geschichtsrevisionistischen Prozesses, den man etwas sperrig-akademisch als ‚posthume Renationalisierung der Sowjetgeschichte‘ bezeichnen könnte.

Natürlich stimmen diese voluntaristisch konstruierten schrägen Narrative hinten und vorne nicht: Stalin und Berija waren Georgier, Chruschtschow Ukrainer. Auch Vertreter anderer Nationalitäten wie der Schlächter der Kronstädter Matrosen, Trotzki, der Gründer der berüchtigten Tscheka, Dserschinski, die Regisseure der stalinistischen Schauprozesse Wyschinski und Jagoda sowie der Killer von Katyn und Völkerverschieber Anastas Mikoyan waren Verbrecher des Sowjetregimes. In der 60 km westlich von Tiflis gelegenen georgischen Stadt Gori befindet sich noch heute ein Stalin-Museum, dessen originärer Sowjetmief vermutlich alles übertrifft, was an analogen Bauwerken und Gedenkstätten in Russland noch existiert – in der georgischen „Topographie des Terrors“ allerdings nicht auftaucht. Und gehungert wurde zu Beginn der dreißiger Jahre auch außerhalb der Ukraine: Nicht zuletzt in den fruchtbaren Kuban- und Schwarzerdegebieten, im Nordkaukasus und in Kasachstan. Auch Russen sind dieser staatlich induzierten Hungerkatastrophe zu Hunderttausenden zum Opfer gefallen.

Aber die neuen Narrative dienen nicht nur der Reinwaschung der eigenen Geschichte. Sie lassen sich auch für die ideologische Auseinandersetzung im Neuen Ost-West-Konflikt trefflich instrumentalisieren. So versuchten die GRÜNEN kürzlich (vergeblich) im Bundestag eine Resolution über die „Historische Verantwortung Deutschlands für die Ukraine“ durchzusetzen. Demnach wurde am 22. Juni 1941 nicht die Sowjetunion, sondern die Ukraine von der Wehrmacht überfallen. Unwillkürlich fragt man sich: Wo bleibt da Belarus, das im II. Weltkrieg bekanntlich ein Viertel seiner Bevölkerung verlor? Aber Belarus hat sich im neuen Kalten Krieg nicht eindeutig auf Seiten des Westens positioniert und kommt daher (noch?) nicht in den Genuss grüner Sonderfürsorge.

Wie die postsowjetischen Staaten die Epoche der Sowjetunion verarbeiten, ist deren Angelegenheit. Für die Auseinandersetzung in Deutschland schlage ich folgenden Sprachgebrauch vor: Nicht die Ukraine (wahlweise Belarus, Russland) wurde im II. Weltkrieg Opfer schwerster deutscher Verbrechen, sondern auf dem Gebiet der heutigen Ukraine (wahlweise Belarus, Russland) wurden im II. Weltkrieg schwerste Verbrechen von Deutschen begangen! Diese Wortwahl ist etwas umständlicher, dafür jedoch resistent gegen posthume nationalistische Vereinnahmungen.

Aber der voluntaristische Geschichtsrevisionismus ist kein Privileg von Georgiern und Ukrainern: Russland macht Ähnliches, wenn es z.B. den Sieg über Nazideutschland exklusiv für sich reklamiert. Sieger im II. Weltkrieg war jedoch nicht Russland sondern – zusammen mit den Westalliierten – der Vielvölkerstaat Sowjetunion! Mit gleichem Recht können demnach auch Ukrainer, Belarussen, Georgier, Armenier, Kasachen und die Menschen der anderen ehemaligen sowjetischen Nationalitäten den Sieg über Hitler für sich beanspruchen.

Die Konstruktion differenzierter Geschichtserzählungen, die im Diskurs mit anderen betroffenen Nationen eindimensionale Täter-Opfer-Polarisierungen überwinden und die eigene Mittäterschaft Schritt für Schritt integrieren, ist ein äußerst mühsamer, schmerzhafter Prozess. Er wird vermutlich, wie nicht zuletzt das Ringen um die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland gezeigt hat, Jahrzehnte dauern. Einstweilen sollten alle Seiten zumindest auf allzu simple Schuldzuweisungen verzichten.

 

Dr. Leo Ensel ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. In den Achtziger Jahren stark engagiert im unabhängigen Flügel der westdeutschen Friedensbewegung. Autor einer Reihe von Studien zum Thema „(Nicht)-Angst und atomare Aufrüstung“, über die interkulturellen Differenzen von Ost- und Westdeutschen zu Beginn der deutschen Vereinigung und über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Erkundung und Bewusstmachung der Bilder, die Menschen sich einerseits von sich selbst und ihrem Land und andererseits von Anderen und fremden Ländern machen und wie diese Bilder ihr Handeln bestimmen. Im neuen Ost-West-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative und der Rekonstruktion des Vertrauens.

Erstveröffentlichung russlandkontrovers.de