Russlands Pharmamarkt mit Höhen und Tiefen

Staat dirigiert in den Markt hinein / Akteure warten mit Investitionen vorerst ab

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Russlands Pharmamarkt ist hart umkämpft seitens aus- und inländischer Hersteller. Der Staat erlässt Verordnungen, wonach öffentliche Krankenhäuser und Kliniken inländische Medikamente zu kaufen haben. Zudem wurde für bestimmte Präparate eine Preisobergrenze festgesetzt. Trotz des staatlichen Dirigismus will aber kein Hersteller oder Distributor aufgeben, wie eine Umfrage von Ernst & Young (EY) ergeben hat. Mit Kapazitätsaufstockungen wird vorerst abgewartet.

Ausländische Pharmaanbieter sollen durch die Bevorzugung inländischer Medikamente bei öffentlichen Beschaffungen dazu bewegt werden, in Produktionskapazitäten in Russland zu investieren. Nur so hätten sie langfristig eine gesicherte Absatzchance auf dem lukrativen russischen Markt. Dass Russland in der Tat ein ergiebiger Markt ist, zeigt allein die Entwicklung der Bezüge von pharmazeutischen Produkten aus der Europischen Union (EU). Nach Angaben von Eurostat sind die europäischen Lieferungen nach Russland im Zeitraum 2003 bis 2013 von jährlich 1,38 Mrd. Euro auf 8,43 Mrd. Euro gestiegen.

Russland: Die zehn erfolgreichsten Pharmaanbieter bei öffentlichen Ausschreibungen (Stand: 2013)

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Quelle: Wirtschaftszeitung „Vedomosti“, 24.9.2014

Angesichts der aktuellen wirtschaftspolitischen Lage führte die Niederlassung von Ernst & Young(EY) Mitte Oktober 2014 eine Befragung unter Herstellern und Großhändlern von Pharmaprodukten durch. Die Fragen zielten insbesondere darauf ab, inwieweit sich die insgesamteingetrübte Konjunktur auf die Investitions- und Entwicklungspläne ausgewirkt hat.

Finanzierungen und stagnierende Nachfrage bleiben 2015 problematisch

Zwar bestehen für pharmazeutische Produkte keinerlei Sanktionen. Auf Russlands Bankensektor,der in die Finanzierung von Distribution und Produktion involviert ist, lasten jedochFinanzsanktionen. Kreditklemmen, galoppierende Inflation, Verteuerung von Importen durch dendramatischen Verfall des Rubel-Kurses, aber auch die stagnierenden beziehungsweise sinkendenReallöhne wirken sich auf das Geschäft der Pharmabranche negativ aus. Hinzu kommengedeckelte Preise für sogenannte lebenserhaltende Medikamente aus dem Ausland.

Russland: Einfuhr von Pharmaprodukten (Mio. US$)

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Quelle: UN Comtrade, 2014

Unter den von EY befragten Unternehmen verfügten mengenmäßig 26% ausschließlich über russische und 74% über teilweise oder vollständig ausländische Kapitalanteile. Darunter befanden sich sowohl Generalimporteure und reine Vertriebsgesellschaften als auch inländische Hersteller. Die übergroße Mehrheit der befragten Unternehmen gab an, ihre Geschäftstätigkeit ausbauen zu wollen. An einen Abbau oder gar an Rückzug aus Russland denkt derzeit kein Firmenchef in der Pharmabranche.

Von allen befragten Unternehmen gaben allerdings 17% an, Investitionen vorerst zurückfahren zu wollen. Weitere 13% sahen sogar Vorteile in der gegenwärtigen Situation und wiesen auf neue und erweiterte Entwicklungschancen hin, die sich für sie, unter anderem aus den nationalen Lieferklauseln bei öffentlichen Beschaffungen, ergeben. Die übergroße Mehrheit von 70% verspürt weder Vor- noch Nachteile.

Auf die Frage nach einer Einrichtung oder Ausweitung lokaler Produktionen antworteten 53% der Firmen, dass sie dies generell vorhaben. Weitere 26% sind bereit, sich nach einer Übernahme eines örtlichen Herstellers oder nach einer Möglichkeit zur Gründung von Gemeinschaftsunternehmen umzusehen. Modernisierungen bestehender Produktionen und  Logistikketten planen 21%.

Investiert wird im Zeitraum von fünf Jahren oder später

Gefragt nach dem Zeitraum für Investitionen in die Produktion gaben 22% der Firmen an, dies im Laufe der kommenden fünf Jahre tun zu wollen. Eine über diesen Zeitraum hinausgehende langfristige Perspektive zur Einrichtung einer eigenen Produktion wählten 44% als Antwort. Eine Verlagerung von Niederlassungen aus Russland heraus nach Belarus oder Kasachstan als wirtschaftliche Reaktion auf die zum 1.1.2015 anstehende Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) schlossen 87% der Befragten aus. Wichtiger als eventuelle Steuervorteile ist den Firmen die Marktnähe. Zudem ist eine Liberalisierung des Pharmamarktes innerhalb der EAWU frühestens für 2016 zu erwarten.

Russland: Produktion ausgewählter Pharmaprodukte

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Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Moskau, 2014

Dennoch scheint nicht nur eitel Sonnenschein in der Pharmaindustrie, insbesondere wenn die Rede auf die Liste der 500 Präparate kommt, die als lebenserhaltend eingestuft wurden und für die der Staat 2010 eine Preisobergrenze auf Rubelbasis festgesetzt hat. Seither konnten Importeure dieser Präparate keine einzige Preiskorrektur durchsetzen, trotz Inflation und Wechselkursverschiebungen. Die betroffenen Importeure melden inzwischen, dass der Vertrieb ihrer Präparate kaum noch oder in einigen Fällen überhaupt keinen Ertrag mehr abwirft. Dennoch will keine Firma Marktanteile abgeben.

Korrektur von Preisbindungen lässt auf sich warten

Zwar hat das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, das an Investitionen in die Pharmaindustrie interessiert ist, der Regierung jüngst eine Preiskorrektur empfohlen. Doch gab es keinen Beschluss in dieser Sache. Dementsprechend blieben das zuständige Ministerium für Gesundheit und der Föderale Dienst für Tarife in dieser Frage passiv. Die 500 lebensnotwendigen Präparate haben zusammen einen Marktanteil von etwa 30% im Wert von 12 Mrd. Euro (Stand: 2013), wie die DSM Group ermittelte. Davon stammten 77,5% aus dem Import.

Russland: Umsätze ausgewählter Anbieter lebenserhaltender Medikamente (Stand: 2013, in Mrd.  Rubel)

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Quelle: DSM Group, Moskau 2014

Im Unterschied zu den preisgebundenen Importen lebenserhaltender Präparate können lokale Hersteller ihre Abgabepreise einmal pro Kalenderjahr korrigieren. Dazu müssen sie gegenüber dem Regulierer ihre Produktionskosten offenlegen und dürfen die Jahresinflation berücksichtigen. Im Ergebnis befinden sich in- und ausländische Hersteller in einer preislich ungleichen Wettbewerbsposition.

Gesetzesnovelle kann für Überraschungen sorgen

Derzeit befindet sich eine Novelle des Gesetzes „Über den Vertrieb von Arzneimitteln“ in der zweiten Lesung in der Staatsduma. Ein Vorschlag aus dem Parlament zielt auf die Ausweitung staatlicher Preiskontrollen auf ausnahmslos alle Medikamente ab. Allerdings hält hier die Regierung dagegen: Die Abgeordneten wollen die Preisfestsetzung aus sozialen Gründen und zur Deckelung des Gesundheitsbudgets ausweiten. Der Wirtschaftsblock im Kabinett hat dagegen die Interessen der Pharmahersteller im Auge und will Investitionen nicht noch zusätzlich ausbremsen. Offen bleibt, wie dieser Disput letztendlich ausgeht.