Der russische Aktienmarkt steht weiter unter Druck. Der Index der Moskauer Börse rutschte am Dienstag zeitweise unter die Marke von 2.500 Punkten und fiel damit auf den niedrigsten Stand seit November 2025. Laut The Moscow Times erreichte der MOEX im Tagesverlauf ein Tief von 2.485 Punkten, bevor er sich am Nachmittag wieder leicht über 2.500 Punkte erholte. Seit März befindet sich der Markt in einem anhaltenden Abwärtstrend; über 14 Wochen verlor der Index demnach rund zwölf Prozent seines Wertes.
Als Hauptgrund gilt die schwindende Hoffnung auf eine politische Entspannung im Ukraine-Konflikt. Solange Friedensgespräche stocken und keine klare Perspektive für eine Deeskalation erkennbar ist, bleiben russische Aktien für viele Anleger riskant. Hinzu kommen sinkende Ölpreise, ein vergleichsweise starker Rubel, der Exporteure belastet, ein wachsendes Haushaltsdefizit und die allgemeine geopolitische Unsicherheit.
Auch russische Marktteilnehmer räumen die Schwäche ein, bemühen sich aber um Gelassenheit. Auf der Jahreskonferenz der Nationalen Vereinigung der Teilnehmer am Finanzmarkt NAUFOR wurde die Lage als „dividend gap“ und turbulente Phase beschrieben. Vertreter von Zentralbank, Moskauer Börse und Finanzmarktbranche warben dafür, den Rückgang „einfach zu überstehen“. Der Vorstandschef der Moskauer Börse, Viktor Schidkow, verglich die Situation mit Fieber: Es sei unangenehm, könne aber Teil eines Heilungsprozesses sein.
NAUFOR-Präsident Alexej Timofejew zeigte sich ebenfalls unbesorgt. Anleger könnten sowohl an steigenden als auch an fallenden Märkten verdienen; langfristig orientierte Investoren müssten abwarten, bis sich der Markt wieder erhole. Duma-Finanzmarktausschusschef Anatoli Aksakow nannte die aktuelle Lage sogar eine günstige Kaufgelegenheit.
Die nüchternen Marktdaten sprechen allerdings vorerst eine andere Sprache. Der Index der Moskauer Börse fiel am 9. Juni erstmals seit dem 18. November 2025 wieder unter 2.500 Punkte. Forbes Russia meldete als Tagestief 2.492,76 Punkte; zu den größten Verlierern gehörten unter anderem Inter RAO, Positive Technologies, Aeroflot, Alrosa und Juschuralzoloto.
Belastend wirkt außerdem die russische Geldpolitik. Zwar hoffen Investoren auf weitere Zinssenkungen der Zentralbank, doch solange sichere Anlagen hohe Renditen bieten, bleibt der Anreiz gering, Kapital in riskantere Aktien umzuschichten. Expert.ru verweist auf geringe Handelsumsätze von etwas mehr als 50 Milliarden Rubel und darauf, dass viele Investoren wegen geopolitischer Risiken und der Unsicherheit über den weiteren Zinspfad lieber Liquidität halten. Die nächste Zinsentscheidung der Zentralbank wird für den 19. Juni erwartet.
Damit bleibt der russische Aktienmarkt in einer paradoxen Lage. Aus Sicht vieler russischer Branchenvertreter sind die Bewertungen niedrig und das langfristige Aufholpotenzial beträchtlich. Kurzfristig aber fehlen die Auslöser für eine nachhaltige Erholung: Der Krieg gegen die Ukraine, Sanktionsrisiken, Ölpreisschwäche, ein starker Rubel und die hohen Zinsen halten Käufer zurück.
Für den Markt wäre eine Wende vor allem dann denkbar, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: weitere Zinssenkungen, stabilere Ölpreise, eine Entspannung im Ukraine-Konflikt und mehr Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung. Bis dahin dürfte die Moskauer Börse weniger von Unternehmenszahlen als von politischen Signalen bewegt werden. Genau das macht den Markt für Anleger derzeit so schwer kalkulierbar.

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