SPIEF 2026: Rekordzahlen, neue Zahlungswege und der Krieg als unausgesprochene Konstante

Das Petersburger Internationale Wirtschaftsforum 2026 ist vorbei, doch die Nachlese fällt widersprüchlicher aus als die offiziellen Erfolgsmeldungen. Die Organisatoren meldeten mehr als 24.500 Teilnehmer aus 142 Ländern, über 1.000 unterzeichnete Vereinbarungen und ein Vertragsvolumen von rund 6,8 Billionen Rubel. Auf den ersten Blick klingt das nach einem erfolgreichen Versuch, Russland als weiterhin handlungsfähigen Wirtschaftsstandort zu präsentieren. Auf den zweiten Blick zeigte das Forum jedoch vor allem, wie sehr sich die russische Wirtschaft inzwischen an eine neue Normalität gewöhnt hat: hohe Staatsausgaben, teures Geld, fehlende Arbeitskräfte, komplizierte Zahlungswege und ein Krieg, der in der offiziellen Wirtschaftssprache kaum vorkommt, aber fast alle Kennzahlen mitprägt.

Die offizielle Bilanz des SPIEF setzte auf Größe und internationale Anschlussfähigkeit. Saudi-Arabien war Gastland, Delegationen aus China, Tansania, Usbekistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten gehörten zu den auffälligeren Teilnehmergruppen. Auch westliche Gäste wurden hervorgehoben, darunter eine US-Delegation um Rodney Cook. Für Moskau war das politisch nützlich: Schon die Anwesenheit westlicher Namen lässt sich als Gegenbild zur Erzählung vollständiger Isolation verwenden. Der Kern des Forums lag aber nicht mehr im Westen, sondern im „globalen Süden“ und in jenen Ländern, mit denen Russland seine neuen Handels- und Finanzwege absichern will.

Gerade darin liegt ein wichtiger realwirtschaftlicher Befund. Für russische Unternehmen ist die Zeit vorbei, in der internationale Geschäfte über wenige vertraute Banken und einfache Zahlungsrouten abgewickelt werden konnten. Ein RBC-Beitrag aus dem Umfeld des Forums brachte diesen Wandel auf die Formel, dass die Epoche „einer Bank und einer Zahlungsroute“ beendet sei. In der Praxis bedeutet das: Waren können aus China kommen, Verträge über Hongkong laufen, Zahlungen über die Emirate abgewickelt werden und Logistikwege über die Türkei führen. Geld ist damit nicht mehr bloß der letzte Schritt eines Geschäfts, sondern selbst Teil der Logistik geworden. Zahlungsinfrastruktur wird für Unternehmen so wichtig wie Lager, Lieferanten oder Transportwege.

Das ist einerseits ein Zeichen russischer Anpassungsfähigkeit. Andererseits zeigt es, wie teuer und kompliziert die neue Normalität geworden ist. Was früher Routine war, muss heute konstruiert, abgesichert und gegen Sanktionen, Compliance-Probleme und Bankrisiken geschützt werden. Moskau verkauft diese Umstellung als Souveränität. Für viele Unternehmen bedeutet sie aber vor allem höhere Transaktionskosten, längere Wege und mehr Unsicherheit.

Auch auf der großen makroökonomischen Bühne wurde diese Spannung sichtbar. Präsident Wladimir Putin sprach von einer „bewussten Abkühlung“ der Wirtschaft und betonte, Russland sehe weder aktuell noch in naher Zukunft ernsthafte Gefahren. Die offiziellen Kennzahlen wirken zunächst stabil: niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Löhne, vergleichsweise geringe Staatsverschuldung, sinkende Inflationserwartungen und ein hoher Anteil des Rubels an Exportabrechnungen. Doch gerade einige dieser Erfolgszahlen lassen sich auch als Warnsignale lesen. Eine Arbeitslosenquote von gut zwei Prozent ist in einer Kriegswirtschaft nicht nur ein Zeichen von Beschäftigung, sondern auch Ausdruck eines massiven Arbeitskräftemangels. Steigende Löhne sind für die Bevölkerung willkommen, werden aber problematisch, wenn die Produktivität nicht Schritt hält.

Die russische Regierung sucht deshalb nach einem neuen Wachstumsmodell. Das alte Modell — Importsubstitution, hohe Staatsausgaben, Umleitung von Handel und militärisch getriebene Industrieproduktion — scheint an Grenzen zu stoßen. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow verwies zwar auf ein Wachstum von rund zehn Prozent in drei Jahren, musste aber zugleich mit schwachen Investitionsdaten umgehen. In den Nachanalysen wurde besonders hervorgehoben, dass ohne Investitionen kein nachhaltiges Wachstum entstehen kann. Produktivität, Digitalisierung und regulatorische Berechenbarkeit wurden als neue Schlüsselwörter genannt. Doch die Antwort blieb vage: Alle sprachen über Symptome, kaum jemand offen über die wichtigste Ursache.

Diese Ursache ist der Krieg. In den offiziellen Sitzungen wurde er als wirtschaftlicher Faktor weitgehend ausgespart. Genau darin sahen die kritischen Nachlesen von The Bell und Republic den eigentlichen Kern des Forums. Man diskutierte über Arbeitskräftemangel, Inflation, Haushaltsdefizit, hohe Zinsen und Investitionsschwäche — aber nicht darüber, dass große Teile dieser Probleme mit Militärausgaben, Rüstungsproduktion, Mobilisierung von Ressourcen und Kriegsfolgen zusammenhängen. Der „Elefant im Raum“ wurde beschrieben, aber nicht beim Namen genannt.

Besonders deutlich wird das beim Staatshaushalt. Meduza verweist darauf, dass das russische Haushaltsdefizit von Januar bis Mai bereits 6,01 Billionen Rubel erreicht habe — deutlich mehr als der ursprünglich geplante Jahreswert. Zwar halfen zeitweise höhere Öleinnahmen und Steuererhöhungen, doch die Ausgaben bleiben hoch. Verteidigung und nationale Sicherheit verschlingen einen sehr großen Teil des Budgets. Finanzminister Anton Siluanow räumte bereits ein, dass das Defizit 2026 über dem geplanten Wert liegen werde. Für die kommenden Jahre wird über eine Senkung des Ölpreis-Schwellenwerts in der Haushaltsregel diskutiert. Das würde theoretisch Reserven schonen, aber zugleich den Spielraum für zivile Ausgaben weiter einschränken.

Damit wird die soziale und wirtschaftliche Frage schärfer: Wenn Militärausgaben politisch unantastbar bleiben, geraten andere Bereiche stärker unter Druck. Infrastruktur, zivile Industrie, soziale Programme und regionale Entwicklung könnten die Kosten tragen. Der Staat kann die Belastungen nicht einfach wegdefinieren, sondern nur verteilen — über Steuern, Inflation, schwächeren Rubel, teure Kredite oder gekürzte zivile Ausgaben.

Auffällig war auch die Abwesenheit von Zentralbankchefin Elwira Nabiullina bei der zentralen makroökonomischen Diskussion. Offiziell war sie krank. Symbolisch passte ihre Abwesenheit jedoch zu einem Forum, auf dem die Geldpolitik ständig präsent war, ohne dass die wichtigste geldpolitische Stimme selbst auf der Hauptbühne stand. Die Zentralbank hält die Zinsen hoch, weil sie die Inflation bekämpfen muss. Die Inflation wiederum wird nicht nur von Konsum und Kreditnachfrage, sondern auch von staatlichen Ausgaben, Löhnen, Arbeitskräftemangel und Kriegswirtschaft angetrieben. Für zivile Unternehmen bedeutet das: Investitionen bleiben teuer, während staatlich priorisierte Sektoren weiter Ressourcen anziehen.

Das SPIEF war deshalb weniger eine Feier eines neuen Wachstumsmodells als eine Demonstration der russischen Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Russland ist nicht wirtschaftlich zusammengebrochen. Es hat neue Partner gefunden, neue Zahlungswege aufgebaut und den Handel umgeleitet. Aber diese Stabilität ist nicht kostenlos. Sie beruht auf einer permanenten Umsteuerung von Ressourcen, auf staatlicher Intervention, auf Einschränkung ziviler Spielräume und auf der politischen Entscheidung, die Kriegswirtschaft nicht als Ausnahme, sondern als dauerhaften Rahmen zu behandeln.

Auch die äußere Dramaturgie des Forums passte dazu. Das SPIEF begann und endete im Schatten ukrainischer Drohnenangriffe auf St. Petersburg und die Leningrader Region. Während auf den Bühnen von Stabilität, Souveränität und pragmatischem Dialog gesprochen wurde, erinnerte der Himmel über der nördlichen Hauptstadt daran, dass der Krieg nicht nur in den Haushaltszahlen steckt, sondern auch in die symbolische Mitte russischer Wirtschaftsinszenierung hineinreicht.

So bleibt von der SPIEF-Nachlese ein doppeltes Bild. Die offizielle Seite kann auf beeindruckende Zahlen verweisen: viele Teilnehmer, viele Länder, viele Verträge. Die kritischere Bilanz zeigt jedoch ein anderes Ergebnis: Russland hat nicht den Weg zurück zur Vorkriegsnormalität gefunden, sondern eine neue, kostspielige Kriegs- und Sanktionsnormalität organisiert. Das ist keine unmittelbare Krise, aber auch kein überzeugender Aufbruch. Es ist eine verwaltete Anpassung — mit wachsenden Kosten für Haushalt, Unternehmen und zivile Entwicklung.

Die wichtigste Botschaft des SPIEF 2026 lautet daher nicht, dass Russland isoliert oder handlungsunfähig wäre. Das ist es nicht. Die wichtigere Botschaft lautet: Die russische Wirtschaft funktioniert weiter, aber immer stärker unter Bedingungen, die sie selbst als „Souveränität“ beschreibt — und die in der Praxis bedeuten, dass sie immer mehr Lasten allein tragen muss.

 

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