Russland soll Historien-Film verbieten

Foto: Trailer-Screenshot

Russlands Kulturschaffende müssen sich derzeit mit einer Frage auseinandersetzen, die seit Sowjetzeiten nicht mehr gestellt wurde. Kann man einen Film verbieten, den bisher noch niemand gesichtet hat? Ginge es nach einer Duma-Abgeordneten, hieße die Antwort „Ja“. Nun muss der Staatsanwalt entscheiden.

Es ist nichts Neues, dass ein Film die russische Zensur durchlaufen muss, bevor er einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Ein Novum jedoch ist, dass der Streifen „Matilda, das Geheimnis des Herrscherhauses der Romanows“ dem Kinopublikum vorenthalten werden soll, obwohl ihn noch niemand gesehen hat. Angeblich verletze das Werk über das Leben und Lieben des letzten russischen Zaren, Nikolaus II., die Gefühle der orthodoxen Christen in Russland. Schon in diesem Frühjahr hätte die Kinopremiere über die Bühne gehen sollen, die wurde nun einstweilen vertagt.

„Ich habe den Film nicht gesehen, das muss ich auch nicht. Ich werde ihn auch nicht sehen“, ereiferte sich die konservative Parlamentsabgeordnete Natalija Poklonskaja gegenüber dem Fernsehsender ‚Doschd‘. Die Politikerin der Partei ‚Einiges Russland‘ echauffiert sich über die Darstellung der Affäre Nikolaus II. mit der Tänzerin Matilda Kschessinskaja, die von 1872 bis 1971 ein skandalumwittertes Leben führte. Angeblich habe sie den letzten Zaren seiner Jungfräulichkeit beraubt und später eine fidele ‚Ménage à trois“ mit zwei Großfürsten der Romanow-Dynastie unterhalten.

Die Villa der Primaballerina, vom Zaren 1904 in Auftrag gegeben, beherbergte später das St. Petersburger Revolutionsmuseum und heute das Museum für die politische Geschichte Russlands. So ein liderliches Miststück passt nun wahrlich nicht in das blütenreine fromme Bild des später von der Kirche heilig gesprochenen Zaren. Orthodoxe Aktivisten hätten Kinobetreibern bereits mit Brandstiftung und Gewalt gedroht, falls sie den Film laufen lassen sollten. Dieses Vorgehen ähnelt sehr den mittelalterlichen Hexenverbrennungen, da außer zwei Trailern bisher rein gar nichts veröffentlicht wurde.

Abgeordnete als Lautsprecher der Gläubigen

„Die Haupthandlung des Films kann ich den Medien, dem Internet entnehmen, worüber auch der Regisseur gesprochen hat. Er hat selbst gesagt, dass sich orthodoxe Christen in ihren Gefühlen geschmälert sehen können“, beharrt Poklonskaja auf ihre Forderung nach dem Verbot des Liebesdramas. 20.000 Menschen stünden hinter ihr, so sagt sie. „Er ist unser Heiliger. Er ist nicht einfach nur ein Mensch. Man muss zu ihm ein besonderes Verhältnis haben, muss ihn besonders achten.“ Außerdem habe sie eine fast 40-seitige Expertise eingeholt, die dem Film historische Unstimmigkeiten bescheinige.

Der Regisseur des umstrittenen Werks, Alexej Utschitel, indes versteht die Vorwürfe um seine „Matilda“ nicht. „In dem Film verletzt gar nichts die Gefühle Gläubiger, es gibt in ihm keine Geschmacklosigkeiten … Mit diesem Vorwurf lässt sich kein Verbot begründen“, wehrte er sich im TV-Kanal ‚NTV‘ gegen die Anschuldigungen. Schließlich sei das nicht sein erster Film und außerdem wisse er ganz genau, wie man darin die Ästhetik der Liebe darstelle. Unterstützung erfährt Utschitel aus den Kreisen seiner cineastischen Kollegen.

Orthodoxe Kirche als moralischer Zensor der Kunst

Die Filmemacher sehen es als schlechtes Zeichen, wenn sich derlei Debatten über den Gedanken der Kunst stellen und sprechen offen von einem moralischen Zensor. „Wir wollen nicht, dass unsere Kultur unter den Druck einer neuen Zensur kommt, von welchen einflussreichen Kräften auch immer“, haben sie in einem offenen Brief geschrieben, der in Künstlerkreisen veröffentlicht wurde. Sie befürchten einen weiteren Eingriff der Kirche in das öffentliche Leben. Utschitel selbst wähnt das Werk von orthodoxen Extremisten hinter dem Angriff auf seine Verfilmung stehen.

Zwischenzeitlich ist Wachtang Kipschidze, der Pressesprecher der russisch-orthodoxen Kirche bemüht, den Dampf aus den Angelegenheit zu nehmen. „Wir müssen den Film erst einmal abwarten, bevor wir ihn beurteilen können“, sagte er gegenüber der Presse und verwies vorsichtshalber schon einmal auf die Befindlichkeiten der Gläubigen. „Natürlich muss man die künstlerische Freiheit des Regisseurs respektieren. Gleichzeitig aber muss man auch Rücksicht auf die Gefühle der Menschen nehmen, die sich verletzt fühlen“, lancierte das Sprachrohr der Kirche. Die Initiative der Abgeordneten Poklonskaja ließ es diplomatisch unkommentiert.

Etwas kleinlaut forderte der Pressesprecher den Regisseur auf, auf die Gläubigen zuzugehen, um so eine Verständigung zu erreichen. Aleksej Utschitel hingegen erinnere die Debatte an „das echte Banditentum“ der chaotischen 1990-er Jahre. „Man fragt mich im Ausland bei Filmfestivals oft, ob es in Russland Zensur gibt. Ich sage die Wahrheit: Seit mehr als 20 Jahren hat keiner, keine Amtsperson, mir gesagt, dass ich etwas auslassen oder wegschneiden soll.“ Ein Zitat aus ‚Matilda‘ mag die Diskussion mit der orthodoxen Kirche ein wenig versinnbildlichen: „Du hast auf alles ein Recht. Außer auf die Liebe.“

Das Kulturministerium schweigt sich bis jetzt dazu aus. Jedoch lässt die russische Regierung in Ansätzen erkennen, dass sie ein Verbot zum jetzigen Zeitpunkt nicht für richtig hielte. Für den russischen Kulturminister Wladimir Medinski gleiche die Auseinandersetzung einer „Orgie der Demokratie“. Außerdem, so betont er, könne er, solange der Film nicht einmal fertig gestellt sei, schon mal gar kein Urteilen fällen. Wie auch immer diese Debatte am Ende ausgehen mag, die Premiere von „Matilda, das Geheimnis des Herrscherhauses der Romanows“ ist fürs Erste auf Anfang Oktober verschoben worden. Man darf gespannt sein.

[mb/russland.NEWS]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.