Russischem „Aktionskünstler“ droht in Frankreich Psychiatrie

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In Russland will man ihn ins Arbeitslager stecken, in Frankreich in die Psychiatrie. Pjotr Pawlenski bezeichnet sich selbst als „Aktionskünstler“. Dass ihn seine „Kunst“ dabei immer wieder vor die russische Justiz brachte, schien seine Ausdrucksform zu sein. Nachdem er sich bei Nacht und Nebel aus Russland abgesetzt hat, sorgt er nun in Frankreich für gehörigen Wirbel.

Sicher, über Kunst lässt sich streiten. Mitunter ist die Kunst sogar das Sujet an sich. Nur, wo fängt Kunst an und wo hört sie endgültig auf? Mit derlei überflüssigen Fragen beschäftigt sich der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski gar nicht erst. Egal was er tut, es ist halt Kunst. Für ihn zumindest, denn wer käme auf die Idee, sich den Hodensack auf dem Pflaster des Roten Platzes in Moskau festzunageln, dieses als künstlerisch wertvoll zu bezeichnen? Allerdings, und darauf zielt Pawlenski ab, die Aufmerksamkeit ist ihm gewiss – weil es schräg ist. Verdammt schräg sogar. So manche Zeitgenossen sind dagegen der Meinung, er habe einfach nur einen Knall.

Im Grunde muss man dem 33-Jährigen einen Hang zur Selbstzerstörung vorwerfen. Er selbst sieht seine Aktionen, bei denen er seinen eigenen Körper als Ausdrucksmittel einsetzt als „politische Kunst“. „Der Anlass für meine Arbeiten ist der Wunsch des Staates, die Menschen zu erschrecken, indem er Angst als Steuerungsinstrument nutzt“, sagt Pawlenski über seine Arbeiten. Kann man so sehen, muss man nicht. Eigentlich begann die zweifelhafte Karriere des Pjotr Pawlenski ganz klassisch auf der Staatlichen Stieglitz-Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in St. Petersburg. Dort studierte er Wandmalerei und begann ein Aufbaustudium an der Schule für junge Künstler am Institut Pro Arte.

Wie weit darf Kunst gehen?

Als im Jahr 2013 die nicht minder umstrittene Protestgruppe Pussy Riot ihr „Skandalgebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale aufführte und daraufhin verhaftet wurde, nähte sich Pawlenski kurzerhand den Mund zu, um so gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Russland zu protestieren. Kurz darauf wickelte er sich vor einem Regierungsgebäude in St. Petersburg nackt in eine Rolle Stacheldraht. Nach seiner aufsehenerregenden Hodensack-Aktion wurde schließlich ein Ermittlungserfahren wegen Hooliganismus gegen ihn eröffnet. Dies wiederum kürte Pawlenski gleichzeitig mit dem fragwürdigen Titel als einflussreichster russischer Künstler, zugesprochen vom Internetportal Artguide.

Wenn es denn der Kunst dienlich ist, dann schneidet sich der Künstler schon mal ein Ohrläppchen ab. Allerdings nicht wie Kunstkollege Vincent van Gogh einst in den Klauen der „Grünen Fee“ Absinth, sondern nackt und aus purer Überzeugung. So geschehen 2014 auf dem Dach des Serbski-Zentrums für Sozial- und Gerichtspsychatrie. „Das Messer trennt das Ohrläppchen vom Körper. Die Betonwand der Psychiatrie trennt die Gesellschaft der Vernünftigen von den unvernünftig Kranken“, hieß es hinterher in einem offiziellen Statement des Protest-Aktivisten. Als Pawlenski im November 2015 die Tür des Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand setzte, brachte ihn selbiger zuerst in Gewahrsam und danach vorübergehend in die Psychiatrie.

Als wenn das Alles nicht schon schräg genug wäre, setzte die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Foundation den Umtrieben des Selbstzerstörers noch einen Deckel auf, indem sie ihm den „Václav Havel Prize for Creative Dissent“ verlieh. Als jedoch bekannt wurde, dass Pjotr Pawlenski enge Kontakte zu der Protestbewegung „Fernöstliche Partisanen“ in Wladiwostok unterhalten hatte, deren Aktivisten wegen mehrerer blutrünstigen Morde an Polizisten verurteilt wurden, war das der NGO dann doch etwas zu viel – sie nahm ihm den umstrittenen Preis kurzerhand wieder weg.

Exzentrik und Gewalt

Der, bis dahin zumindest, Höhepunkt seiner exzentrischen Karriere setzte mit dem Vorwurf gegen ihn ein, er habe gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Oxana Schalygina die Schauspielerin Anastasia Slonina vergewaltigt. Zudem haften ihm noch Ermittlungen wegen schwerer Körperverletzung an. Ab dem Punkt schien Pawlenski die „Kunst“ ein wenig zu entgleiten, auch wenn er die Vorwürfe bestreitet und, wie könnte es anders sein, als „politisch motiviert“ betrachtet. Im Mai 2017 griff schließlich der französische Staat ins Geschehen ein und gewährte dem autoaggresiven Aktivisten und seiner besseren Hälfte politisches Asyl. Den zehn Jahren Lagerhaft, die ihm in Russland drohen, konnte er sich dadurch fürs Erste entziehen.

In einem Interview mit der Deutschen Welle brüstete sich Pawlenski damit, dass er sich in Paris durch Ladendiebstähle ernähre und in einem besetzten Haus wohne. Und die Katze lässt das Mausen nicht. Kaum in Frankreich eingelebt, zündete er eine Filiale der Nationalbank am Pariser Place de Bastille an. Dort wo 1830 nach der Erstürmung der Königsresidenz die Franzosen in den revolutionären Genuss der Freiheit kamen. „Die Wiedergeburt des revolutionären Frankreich wird das weltweite Feuer der Revolutionen entzünden. In diesem Feuer wird die Befreiung Russlands beginnen“, resümierte der „Künstler“, sprach’s und tat’s.

Die Franzosen jedoch sahen in der Aktion weit weniger Pathos und nahmen ihn und seine Begleiterin wegen Sachbeschädigung vorübergehend fest. Nun muss sich Pawlenski am kommenden Mittwoch wegen „Zerstörung von Eigentum auf gefährliche Weise“ verantworten, wie aus Justizkreisen in Paris verlautbart wurde. Da sich das Feuer, das im Eingangsbereich der Bank gelegt wurde, rasch in die inneren Räume ausbreitete, bleibt die Filiale bis auf weiteres geschlossen. Wie seine Anwältin Dominique Beyreuther Minkov der Presse mitteilte, sei der Aktivist in den Hungerstreik getreten, weil die Gerichtsverhandlung nicht öffentlich sei, wie es ihr Mandant gern gesehen hätte.

Mit der Revolution kokettierte Pjotr Pawlenski im Jahr 2014 schon einmal. Aus unterstützendem Protest für den Maidan in Kiew verbrannte er Autoreifen und Motorhauben auf einer Brücke inmitten von St. Petersburg. Als „Garnitur“ für diese Installation verwendete er seinerzeit Metallstangen und ukrainische Fahnen. Schon da drohte ihm die russische Justiz mit einer Unterbringung in einer Anstalt, beließ es jedoch bei einer saftigen Geldstrafe. Da, wo die russische Gesetzsprechung noch einmal Milde walten ließ, könnten nun die französischen Behörden Ernst machen. Denn auch sie drohen Pawlenski mit der Psychiatrie. Somit liegt es an den Franzosen, dem Irrwisch der russischen Künstlerszene ein für allemal die mediale Öffentlichkeit zu entziehen.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.