Rio 2016: Doping, Jemifowa und die Presse

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Franzi von Almsick, einst das deutsche Goldfischlein, war als TV-Expertin emsig bemüht, den Erfolg der umstrittenen russischen Schwimmerin Julija Jefimowa mit Entrüstung zu kommentieren. Da blieb es konsequenterweise nicht aus, dass die russische Presse sofort konterte. Schließlich geht es hier um nationalen Stolz.

„Das geht ja gar nicht. Eine solch komische Situation habe ich noch nie erlebt. Was muss diese Russin Jefimowa für ein Mensch sein? Das kann ihr doch gar keinen Spaß mehr machen. Die ist ja völlig isoliert und tritt dennoch mit einer solchen Arroganz auf“, entfuhr es der Co-Kommentatorin, alias Goldfisch“, während des 100.Meter-Brustschwimmens der Frauen. ZDF-Berichterstatter Thomas Wark sprach prophetische Worte, gerade so, als sei er für den Fortlauf der Welt verantwortlich, als er behauptete: „Sie geht ihrem Sport nach und fügt ihrem Sport doch großen Schaden zu“.

Naturgemäß sah das die russische Presse etwas anders. Die hakte sich am unsportlichen Verhalten ihrer Gegnerinnen fest. Zudem wird der „Prügelknaben-Status“ kritisiert, den die westlichen Medien Julija Jefimowa verpasst haben.

So titelte die „Konsomolskaja Pravda“: „Die Konkurrentinnen von Jefimowa starteten eine psychische Attacke gegen sie“.

Der „Kommersant“ drückte seine Anteilnahme zum Schicksal der Jefimiwa aus, indem er schrieb: „Nach dem Sieg hat die Sportlerin, für die nicht nur die letzten Tage, sondern gar die letzten Wochen zu einem absoluten Albtraum wurden, nicht mal eine Gratulation von ihren zwei amerikanischen Konkurrentinnen erhalten. Davor dafür Pfiffe aus dem Publikum.“

Das Verhalten der beiden Konkurrentinnen Jemifowas, Lilly King und Katie Meili thematisierte die Zeitung „Vesti“ und wies zudem darauf hin, dass sich Lilly King zwar bei der russischen Silbermedaillengewinnerin entschuldigt hat, aber erst nachdem das IOC intervenierte: „Alle Athleten sollten außerhalb der Politik sein. Aber sie schauen, was im Fernsehen gezeigt wird und glauben allem, was geschrieben wird. Wir dachten, der kalte Krieg sei längst vorbei. Warum soll man ihn jetzt im Sport wieder starten? … Nachdem das IOC King unsportliches Verhalten vorwarf, hat sie heute Jefimowa eine ausgezeichnete Schwimmerin genannt.“

Der menschlichen Seite ihrer Reaktion nach den unschönen Szenen am Beckenrand fand bei dem Nachrichtensender „Rossija24“ besonderes Gehör: „Die Gegnerinnen beschuldigen Jefimowa für den eigenen Misserfolg und von den Zuschauern wird sie ausgebuht. Doch in solchen Momenten des allgemeinen Misstrauens bleibt unserer Schwimmerin nichts anderes übrig, als ruhig und im guten Sinne zynisch zu bleiben. Sie lächelt weiter und bleibt positiv, bei Instagram postete sie schon vor Rio farbenfrohe Bilder. Die Publikationen in den Sozialen Medien ärgern einige ihrer Gegnerinnen bestimmt auch.“

Suggestiv wird dem unbedarften Publikum also näher gebraucht, auf welcher Seite es sich bitteschön zu positionieren hat. In einer Welt voller Erbschuld und unauslöschlicher Schande, wie sie das ZDF gegenüber Russland beharrlich pflegt, heißt es dann dementsprechend „Das war ein Sieg für den Sport. Gegen eine Dopingsünderin“. Und Julija Jefimowa, die „Ehemalige“, fungiert als Bauernopfer inmitten einer Spirale des Hasses.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.