Vertreter des US-Verteidigungsministeriums haben nach einem Reuters-Bericht mehrere NATO-Verbündete zu zurückhaltenderen Äußerungen über Russland aufgefordert. Estlands Regierungschef Kristen Michal hält dagegen: Er werde die Bedrohung weiterhin offen benennen. Ihn persönlich habe allerdings keine entsprechende amerikanische Bitte erreicht.
Das Pentagon drängt baltische NATO-Partner offenbar zu einem gemäßigteren Ton gegenüber Moskau. Wie Reuters unter Berufung auf vier mit den Gesprächen vertraute Personen berichtet, wurden entsprechende Anliegen bei bilateralen Treffen mit Vertretern Litauens, Lettlands und Estlands vorgebracht. Ob weitere europäische Regierungen angesprochen wurden, ist nicht bekannt.
Nach dem von Kommersant aufgegriffenen Bericht halten amerikanische Vertreter manche öffentlichen Äußerungen europäischer Politiker für schädlich für die Sicherheit des Kontinents. Die Botschaften seien in freundlichem Ton übermittelt und mit der Versicherung verbunden worden, dass die USA ihre Verbündeten weiterhin unterstützten.
Zu den Überbringern gehörte demnach Elbridge Colby, der im Pentagon für politische Grundsatzfragen zuständig ist. Nach der Zusammenfassung von Meduza beanstandete er unter anderem den Vergleich mit einer „in die Enge getriebenen Ratte“. Einen solchen Ausdruck hatte Estlands Regierungschef Kristen Michal Ende September für Wladimir Putin verwendet. Ob Colby sich konkret darauf bezog, bleibt im Bericht offen.
Tallinn hält an seiner Sprache fest
Michal zeigte sich von den Berichten unbeeindruckt. Gegenüber dem estnischen Nachrichtenportal Delfi erklärte er laut Meduza, dass ihn persönlich keine amerikanische Bitte um sprachliche Zurückhaltung erreicht habe. Zugleich machte er deutlich, dass er seinen Ton nicht ändern wolle.
„Ich werde mich nicht zurückhalten“, sagte Michal. Putin bezeichnete er als Diktator, der Frauen und Kinder töte und erst durch Druck zu einem Kurswechsel gebracht werden könne. Versuche, sich bei Diktatoren einzuschmeicheln, führten aus seiner Sicht zur Demütigung und schützten letztlich nicht die Freiheit.
Der Regierungschef stellte seine Wortwahl damit ausdrücklich in einen sicherheitspolitischen Zusammenhang. Estland trage zur Verteidigung der NATO-Ostflanke bei. Dazu gehöre auch, die von Russland ausgehende Gefahr klar zu benennen.
Streit über den Ton, kein belegter Kurswechsel
In den Äußerungen werden unterschiedliche Vorstellungen über den Nutzen öffentlicher Zuspitzung sichtbar. Während die amerikanischen Gesprächspartner laut Reuters auf Zurückhaltung drängen, versteht Michal deutliche Worte als Bestandteil einer festen Haltung gegenüber Moskau.
Die berichteten amerikanischen Vorstöße fallen in eine Phase erneuter Vermittlungsbemühungen der Regierung Donald Trumps zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Dieser zeitliche Zusammenhang belegt jedoch noch nicht, dass die Gespräche Teil einer abgestimmten diplomatischen Initiative waren.
Auch lässt sich aus den vorliegenden Berichten keine amerikanische Forderung nach geringerer Verteidigungsbereitschaft oder einer Einschränkung der Unterstützung für die Ukraine ableiten. Gegenstand der geschilderten Gespräche war die öffentliche Rhetorik.
Zumindest bei Estlands Regierungschef ist bislang keine Mäßigung erkennbar. Ob die amerikanischen Anliegen in anderen Hauptstädten Gehör finden, bleibt offen. Michals Aussage, persönlich keine entsprechende Bitte erhalten zu haben, widerspricht dabei nicht zwangsläufig dem Bericht über Gespräche mit estnischen Vertretern. Sie begrenzt aber die Schlussfolgerung: Belegt ist seine öffentliche Ablehnung sprachlicher Zurückhaltung – nicht die Zurückweisung einer direkt an ihn gerichteten amerikanischen Aufforderung.

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