„O’zapft is!“ – bald auch auf der Krim

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[Von Michael Barth] – München/Jalta – Ja da legst di nieder, die Hundsgribln die elenden scho wieder. Deutsche Investoren, genauer gesagt welche aus Niedersachsen, also auch noch Saupreisn, wollen das Konzept „Oktoberfest“ auf der russischen Halbinsel Krim vermarkten. Dem Ur-Bajuwaren mag’s speibert wern bei dem Gedanken, seine Wiesn künftig im Schwarzen Meer wiederzufinden.

Mit nur zwei Schlägen, gekonnt ist halt gekonnt, hat der Oberbürgermeister vo‘ Minga, der Herr Reiter, das 183. Oktoberfest eröffnet. „O’zapft is!“, das Manifest für die Freibiergsichter war gleichzeitig der Startschuss für das größte Volksfest auf dera Welt. Fast 30 Festzelte, die insgesamt 65.000 Hektoliter original Münchner Festbier mit seinem süffigen Alkoholgehalt von rund sechs Prozent Volumenprozent Alkohol ausschenken, jährlich um die sechs Millionen Besucher aus aller Welt und ein Umsatz von durchschnittlich einer Milliarde Euro in grad amal zwei Wochen. Davon allein schon 450 Millionen Euro mi’m Bier und was zum Essen.

Fesch rausputzt sind’s dann immer alle in ihrem Gwandl, wenn’s auf die Wiesn geht. Die Madeln und das übrige Weibsvolk in ihren Dirndeln und die Burschen in der Hirschledernen – der Hang zur Brauchtumspflege ist den Bayern halt heilig. Und bis 18.00 Uhr gibt’s den Defiliermarsch statt lärmender Pop- und Rockmusik, während man sich, natürlich nur wegen der Brauchtumspflege, einen fetzen Lack ins Gesicht schüttet. Das hat Stil, das ist Tradition und schließlich ist die Wiesn ja nur einmal im Jahr.

Wenn’s wieder außer kimmt

Aber das Oktoberfest hat noch eine weniger schöne Seite Eine, die mit der Idylle schon gleich gar nichts zu tun hat. Irgendwann hat es sich halt herumgesprochen und jetzt fallen die Touristen wie die Heuschrecken über die Wiesn her. Bei denen ist es dann schick, sich als Kampftrinker hervorzutun, bis die Gurgel überläuft und abzufeiern was das Zeug hält. Die Wiesn als Event für Feierbiester. Da wird auf den Tischen getanzt, gegrölt und begrapscht was das Zeug hält. Auch sie haben sich meistens in eine vermeintlich originale Münchner Tracht gezwängt, wobei man natürlich an der Auswahl der Haute Couture sofort den Auswärtsigen erkennt.

Am Maß des Alkoholpegels merkt man auch gleich von wo sie herkommen, die Touristen. Die Horden an Amerikanern zum Beispiel, die leuchten sich gezielt zu, um hernach alles das zu machen, wofür sie daheim gleich eingesperrt würden. Der Geselligkeitsjapaner dagegen braucht nicht viel, um seine lichte Höh‘ zu erreichen. Eine Zeitlang lächelt er dann noch und wenn’s eh schon zu spät ist, wern’s gleich alle recht kasig um die Nasen. Ansonsten überschätzt sich der durchschnittliche Wiesnbesucher recht gern und ein Prosit der Gemütlichkeit geht immer.

Ihnen allen ist eines zu eigen – das böse Erwachen. Wenn es Haferl voll ist, dann kommt die Wahrheit wieder gnadenlos zurück ans Licht. So manche haben schon den komatösen Rest der Nacht am Rande der Wiesn, wo’s dann inmitten ihres teuer erworbenen Magengeninhalts, die Maß Bier kostet mittlerweile über 10 Euro, und unzähligen Brunzlachen rumflacken, verbracht. Den Einheimischen gefällt das freilich nicht. Wennst aber die, gut 360 Millionen Euro auf dem Oktoberfest an sich erwirtschafteten und die 255 Millionen Euro, die sonst noch in der Stadt bleiben anschaust, ja mei, was willst da machen? Und da denkt der Münchner wieder ganz pragmatisch, schließlich ist Wiesn und die ist nur einmal im Jahr.

Gschaftlhuber aus Ost und West

Genaue Zahlen über die Russen haben wir in der Hinsicht auf die Schnelle jetzt leider nicht finden können. Aber, der Erfahrung nach: Russen sparen nicht im Ausland, Russen feiern gern und sind einem geselligen Umtrunk seltenst abgeneigt. Vor allem vertragen’s was, diese Russen. Und es waren auf alle Fälle schon welche da, dort auf der Theresienwiese. Sonst wüssten die ja gar nicht, was das überhaupt bedeutet, so ein Oktoberfest. Gut, nachgeholfen wern’s da schon ein bisserl haben, die Preisn aus Niedersachsen. Weil, die versuchen ja ihrerseits die Beziehungen zwischen den beiden Ländern in Stein zu meißeln, wie sie selber sagen.

Ganz der Unternehmer, meint Peter Dehn, einer der Initiatoren der gschmeidigen Idee: „Ich hoffe, dass das erste Fest erfolgreich wird und wir das Oktoberfest in Jalta zu einer guten Tradition etablieren können“. Ja mei, was soll er denn sonst auch sagen, wenn sie sich schon so eine Mühe geben, mit ihrer Krim-Wiesn. Alles, aber auch wirklich alles, wollen’s organisieren. Quasi das Oktoberfest als Komplettartikel verschachern. Angefangen bei der Musi und noch lang noch ned aufghört bei den Servicekräften. Ordentlich muss des fei scho wern, gell!

Dem weiß aber schon der Bürgermeister von Jalta einen Riegel vorzuschieben. Das sei allerdings schwer zu realisieren, bremst der gleich die erste Euphorie. So ganz will er sich’s ja dann auch nicht aus der Hand nehmen lassen, der Herr Andrej Rostenko. Außerdem, einen anständigen Steckerlfiesch werden’s ja wohl selber hinbekommen, so direkt am Schwarzen Meer. Vielleicht sollt‘ man am Anfang noch ein bisserl drauf schauen, dass der Ochs am Spieß nicht plötzlich zum Schaschlik mutiert, aber ansonsten? Ach ja, und das Bier natürlich. Das Münchner Festbier einfach durch ein Baltika ersetzen, auch wenn’s im Maßkrug ist, das geht schomal gar nicht!

Zuversichtlich ist er aber schon auch, der Herr Bürgermeister Rostenko: „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht. Das wird unser Beitrag zur Volksdiplomatie sein.“ Eigentlich wollten’s ja schon in diesen Herbst damit anfangen mit ihrer „Volksdiplomatie“. Aber wie’s uns die Erfahrung lehrt, wird’s wahrscheinlich doch erst einmal so eine Art deutsch-russisches „Bierfest“ werden, da wo’s dann mit der Brauchtumspflege auch nicht so arg weit her ist. Ist aber eh wurscht, zum Saffa langt’s. „O’zapft is“…

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Glossar

Für unsere geneigten Leser, deren Heimat nördlich des Mains angesiedelt ist, seien zum besseren Verständnis des vorliegenden Artikels ein paar kleine Hilfestellungen angefügt:

O’zapft is! – Es ist angezapft

Da legst di nieder – Ausruf des respektvollen Erstaunens

Hundsgribln die elenden – In etwa Saubande, schon weit weniger Respektvoll

Preisn, Saupreisn – Alle Menschen nördlich des Mains, mitunter bereits der Donau.

Mag’s speibert wern – Wenn jemandem etwas Aufstößt

Wiesn – Die Theresienwiese in München, Veranstaltungsort des Oktoberfestes

Minga – München

Freibiergsichter – Diejenigen, die man überall antrifft, wenn es etwas umsonst gibt

Gwandl – Kleidung

Dirndel und Hirschlederne – Traditionelles Festgewand

Fetzen Lack – ein ordentlicher Rausch

Auswärtsige – Alle die woanders herkommen

Lichte Höh‘ – Der Rausch an sich

Kasig – Blass

Es Haferl voll – Genug des Guten

Brunzlachen – Hinterlassenschaften des „kleinen Geschäfts“

Rumflacken – Herumliegen

ja mei – tje nun

Gschaftlhuber – Geschäftsmann, mitunter dubiosen Geschäften nachgehend

fei – Unübersetzbares Wort des Nachdrucks

Steckerlfiesch – Am Stock gegrillter Fisch, traditionelles Volksfestessen

Baltika – Russische Brauerei

Saffa – Saufen

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.