Osterfest in Russland: Russen entdecken wieder Fasten und Feiern

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[Von Dr. Daria Boll-Palievskaya] – Während in Deutschland die letzten Schokoladenosterhasen in den Supermärkten schon längst zu Schleuderpreisen verkauft wurden, bereiten sich die Russen auf ihr Osterfest erst noch vor. Dieses Jahr fällt der Ostersonntag auf den 1. Mai.

Dieser Unterschied erklärt sich damit, dass das Datum des Festes in allen orthodoxen Kirchen nach dem Julianischen Kalender berechnet wird. Die Ausrechnung als solche ist dabei ziemlich kompliziert. Die Grundregel lautet: Ostern findet am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Ist der Vollmond jedoch vor dem 21. März, also vor der Frühlings-Tagundnachtgleiche, so gilt erst der nächste Vollmond als Ostervollmond. Außerdem soll Ostern nach dem Beschluss des Konzils von Nicäa (325) unbedingt nach dem jüdischen, im Evangelium beschriebenen Pessach-Fest stattfinden.

Ostern ist der Höhepunkt des Jahres in der Orthodoxie und gibt dem kirchlichen Jahr seine Färbung. Auf dieses Fest wartet man das ganze Jahr, wie auf Weihnachten in Westeuropa. In seiner Schönheit jedoch übertrifft das Osterfest alle anderen orthodoxen Feste.

Dem Osterfest geht die große Fastenzeit voran, die ist sehr streng ist und dauert sieben Wochen. Von Jahr zu Jahr entscheiden sich immer mehr Menschen in Russland zu fasten. Wenn 2008 nur zwei Prozent der Befragten aussagten, dass sie an die strengen Regeln des Fastens halten wollen, so wollen mittlerweile 20 Prozent der Russen, zumindest teilweise, fasten. Auf die langsame Rückkehr dieser Tradition reagiert auch die Gastronomie. Viele Restaurants bieten sogenannte Fastenmenüs an und sogar in der Kantine des russischen Parlaments werden Fastenspeisen angeboten.

Vorbereitungen bereits ab Donnerstag

Am „Großen Samstag“ um halb zwölf Nachts versammeln sich die Gläubigen in den Kirchen zur Mitternachtsgottesdienst. Eine jede Liturgie ist ein ergreifendes Erlebnis, doch der Ostergottesdienst ist in seiner Schönheit einmalig. Die ganze Kirche und vor allem die Ikonenwand werden mit frischen Blumen geschmückt. Mit Ikonen und singend gehen der Klerus und die Gläubigen in einem „Kreuzgang“ um die Kirche herum. Dabei wird gesungen: „Deine Auferstehung, Christus, Erlöser, besingen die Engel im Himmel; würdige auch uns auf Erden, Dich mit reinem Herzen zu preisen“. Dann klopft der Pfarrer am Kirchentor und verkündet die frohe Botschaft: „Christus ist auferstanden!“ Und die Gemeinde antwortet einstimmig: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Anschließend findet eine feierliche Liturgie statt. Der Ostergottesdienst kann daher bis zu vier Stunden dauern.

Auch sind viele schöne Bräuche mit Ostern verbunden. Der Brauch, seinem Nächsten drei Osterküsse zu geben, hat im Russischen eine sehr interessante Bezeichnung похристосоваться, was man als „sich in Christus vereinigen“ übersetzen kann.

Am „Sauberen Donnerstag“ ist man mit Osterkuchen (Kulitsch) backen (der Osterkuchen erinnert von der Form an die italienische Panettone), Pascha (gesprochen Pas-cha) – eine nur zu Ostern gemachte Quarkspeise – zubereiten und Eierbemalen beschäftigt. Auch in der Zeit, in der der Atheismus Staatsreligion war, ist die Tradition des Kulitschbackens nicht verloren gegangen. Und obwohl nur die wenigsten wussten, was Ostern überhaupt bedeutet, geschweige denn in die Kirche gingen, bemalte man die Eier und traf sich mit Verwandten zum Kulitsch Essen.

Was ist es für ein Genuss, nach langer Zeit des Verzichts, ein Stück Kulitsch zu verzehren! Traditionell dürfen an der Festtafel am Ostersonntag auf gar keinen Fall Kulitsch, Eier oder Pascha fehlen. Und natürlich endlich wieder Fleisch, z.B. im Teig gebackener Schweinebraten. Zu Ostern beschenkt man sich in Russland zwar gegenseitig mit bemalten Eiern (in der letzten Zeit auch mit Schokoladeneiern) und kleinen Geschenken, doch der Osterhase ist den russischen Kindern absolut unbekannt.

Zu Sowjetzeiten hatten die Machtinhaber vor Ostern richtig Angst. Man unternahm alles Denkbare, um die Menschen daran zu hindern, Ostern zu feiern. Vor den Kirchen wurde Miliz postiert mit der Aufgabe, keine jungen Leute hineinzulassen. Oder man schickte Provokateure in die Kirchen, um den Gottesdienst zu stören. Auch viel subtiler kämpfte man gegen Ostern. So liefen z.B. im Fernsehen im Spätabendprogramm immer sonst verbotene amerikanische Blockbuster. Diese Zeiten sind vorbei, und mit jedem Jahr feiern immer mehr Russen die Auferstehung Christi. Laut Angaben des führenden soziologischem Instituts Lewada-Zentrum, haben 2014 nur 9% der russischen Bürger ausgesagt, sie hätten Ostern gar nicht gefeiert.

Allerdings beschränken sich die meisten Menschen eher auf den kulinarischen Teil des Festes. So haben 73% Eier bemalt und 50% Kulichi gekauft.

[Dr. Daria Boll-Palievskaya/russland.RU]

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin