„Moskau – Petuschki“ – eine szenische Lesung für den großen Durst

[von Michael Barth] Berlin/Moskau/Petuschki – Der Sinnspruch „Wenn einer eine Reise tut…“ bekommt auf der wohl feuchtfröhlichsten Zugfahrt der Weltliteratur eine ganz besondere Note. Der Kultroman von Wenedikt Jerofejew beschreibt eine Fahrt in einer Vorortbahn, bei der ausnahmsweise einmal nicht der Zug, sondern die Passagiere entgleisen. Als Lesung zu erleben am 26. Januar in der Volksbühne Berlin – hoffentlich unfallfrei…

„Als ich mein Glas geleert hatte, bemerkte ich, dass mir über alle Maßen blümerant wurde und allen anderen mit mir…“ Mit dieser Momentaufnahme nimmt uns der, am 24. Oktober 1938 in Kirow geborene, Kultautor Wenedikt Jerofejew mit auf eine muntere Reise in einer Vorortbahn in die russische Provinz. Akribisch erklärt uns der Protagonist des folgenden Monologes, der nicht zufällig ebenfalls auf den Namen Wenedikt hört, auf den ersten Seiten seines Poems, wo es um welche Zeit und zu welchem Preis in der Nähe des Kursker Bahnhofs in Moskau welchen Alkohol zu erstehen gibt.

Eine Reise die ist lustig, eine Reise die ist schön…

Mit diesem Grundwissen ausgestattet, sind wir auch schon in freudiger Erwartung einer amüsanten Bahnfahrt, die, so zeichnet es sich sehr bald ab, turbulente Fahrt aufnehmen wird. Wie turbulent sich dieser Ausflug gestaltet, zeigt sich in der kritischen Wahrnehmung des Werkes bei den Behörden der damaligen Sowjetobrigkeit. Obwohl Jerofejew schon 1969 mit seinem Poem fertig geworden war, erschien es erst 1973 auf Russisch in einer israelischen Zeitschrift, die erste Buchausgabe war eine Übersetzung ins Französische 1976. In Deutschland avancierte es 1978 zum Kultroman und im Jahr 1988 wurde das Werk endlich auch in der, sich gerade auflösenden, UdSSR präsentiert.

Dabei ist ja eigentlich eine schöne Geschichte. Vielleicht ist es ja auch eine Autobiographie, das verschwimmt im Laufe der Erzählung ziemlich nebulös. Eine Geschichte um die Liebe, um ein Köfferchen voll Schnaps und die inbrünstige Hoffnung auf das sehnlichst erwartete Treffen mit der Geliebten. Denn, so erfahren wir im Verlauf der ersten Seiten, respektive Kilometer, dies ist nicht der erste Anlauf, die Angebetene auf dem Bahnsteig im kleinen Petuschki in die Arme zu schließen. Versucht hatte es Wenedikt ja schon so oft, „aber heute musste es klappen…“. Mit diesem Gedanken der Illusion umschreibt der Autor die Unerreichbarkeit des kommunistischen Paradieses, dessen Ende er durch seinen Tod 1990 in Moskau nicht mehr erleben durfte.

Sowjet-Psychedelik

„Und ich trank unverzüglich…“, bald wird klar, wo der Haken liegt. Die Mitreisenden trinken ebenso mit, auf der gemeinsamen Fahrt entwickeln sich feucht-philosophische Gedankenstränge und der Roman bewegt sich zwischen der Komik bedenkenlos chaotischer Realität und satirisch-intelligentem Nonsens. „Der, so sich zum Tier macht, befreit sich von dem Leid, ein Mensch zu sein.“ Der Zug mutiert immer mehr zum psychedelischen Magic Train und erinnert unweigerlich an Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“. Moralische und gesellschaftliche Werte demontieren sich wie von selbst und mit jeder Station und mit jeder Flasche gerät die Reise weiter ins Aberwitzige.

„Die Sphinx lachte und stellte sich auf beide Beine … nach Petuschki, hah, kommt überhaupt niemand.“ Die Gesellschaft gerät aus dem Ruder. Oder ist es gar doch nur unser Held Wenja, der von Bahnhof zu Bahnhof nervöser, aber auch betrunkener wird? Im Grunde genommen könnte man aus jeder Seite des Buches reinen Alkohol auswringen, so getränkt sind sie. Und, oder gerade deswegen, birgt der Text eine abgrundtiefe Psychoanalyse der menschlichen Seele. Eigentlich ist mittlerweile eher der Weg das Ziel, denn der Bahnsteig in Petuschki. Aber Jerofejew ist gnadenlos: Wir können nicht aussteigen, obwohl er uns ja doch nur permanent den Spiegel vorhält.

Tiefenpsychologie und diverse Formschwächen Eine kleine Anekdote am Rande mag vielleicht den „tieferen Geist“ der „Reise nach Petuschki“, so der Deutsche Titel, verdeutlichen. Ganz und gar authentisch wollten sie das Poem auf die Bühne bringen, die Schauspieler, die sich im Januar 2010 an einen heroischen Selbstversuch wagten. Mit richtigem Wodka, so dachten sie, gäbe das der Darbietung den besonderen Pfiff. Lallend und torkelnd wurde fröhlich weiter gelesen und aufgeführt. „Einer wäre ja gut gewesen, aber nicht so viele Zug um Zug“, meinte damals Intendant Oliver Reese zu dem Vorfall. Es sei ein wenig „wie im Kindergarten“ gewesen.

Die Aufführung des Schauspiels Frankfurt zu Ehren des sowjetischen Underground-Literaten Wenedikt Jerofejew endete jedenfalls ebenso wie sein Roman, wenngleich auch in der Uni-Klinik Frankfurt. Etwas trinkfester zeigten sich da die Protagonisten der deutschen Hörbuchversion – während einer Live-Aufnahme aus Zürich im Jahr 1998. Gelesen unter anderem von, einem Gläschen nie abgeneigt, Robert Gernhardt und Harry Rowohlt, entbehrte die Ausstrahlung, die vor kurzem im Deutschlandfunk gesendet wurde, keineswegs der Feuchtfröhlichkeit des Originals, obwohl die Lesenden hörbar Spaß daran hatten.

Nun bleibt es abzuwarten, wie sich die Genossen der russisch-deutschen Schauspieler-Brigade Andreas Petri, Lutz Wessel, Friederike Pöschel und Artur Andreasjan mit dem hochprozentigen Literaturstoff herumschlagen. Der Bahnhof heißt diesmal Grüner Salon in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin am 26. Januar 2013 um 20:00 Uhr geht die surreale Reise los. Die Bahnfahrkarten beziehen Sie bequem über den Ticketschalter des Theaters. Und ein gut gemeinter Rat zum Abschluss unseres Exkurses: Genießen Sie den Wodka bitte wenn, dann nur in Maßen…

Wer zu dieser Zeit gerade nicht in Berlin weilt, dem sei derweil das Buch zur berühmtesten Sauftour der Literaturgeschichte ans Herz gelegt:

„Die Reise nach Petuschki“
Wenedikt Jerofejew
169 Seiten mit Anmerkungen der Übersetzerin
Piper Verlag, München, 13. Auflage 2009, Paperback
ISBN: 978-3-492-20671-6

Foto: M. Barth

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.